Von Luthers Freiheitstraktat zum Tempolimit

Von Luthers Freiheitstraktat zum Tempolimit
Bodo Ramelow und Heinrich Bedford-Strohm diskutieren in Gotha über den Freiheitsbegriff gestern und heute
In der Corona-Pandemie zeigt Luthers Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" ihre ganze Aktualität, schwärmt der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm. Nicht alles bei Luther ist Gold, hält Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow dagegen.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hat die vor 500 Jahren erschienenen Hauptschriften von Martin Luther (1483-1546) als eine der Grundlagen des modernen Rechtstaats gewürdigt. Zugleich warnte der Linken-Politiker am Vorabend des Reformationstages bei einer Podiumsdiskussion mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, vor einer Überhöhung des Reformators. Dagegen sprächen schon seine Äußerungen zum Platz der Frauen in der Gesellschaft oder die antisemitischen Ausfälle am Ende seines Lebens, sagte er am Freitagabend im Gothaer Augustinerkloster. Anlass für das Gespräch des EKD-Ratsvorsitzenden und des Linken-Politikers Ramelow war das Erscheinen von Luthers Traktat "Von der Freiheit eines Christenmenschen" im Jahre 1520, also vor 500 Jahren. Eine Erstauflage der Schrift, die seit 2015 zum Unesco-Weltdokumentenerbe zählt, wird in der Forschungsbibliothek Gotha aufbewahrt.

Bedford-Strohm bezeichnete das Werk als eines seiner absoluten Lieblingsbücher. Aus keiner anderen Schrift habe er bei den vielen Vorträgen und Predigten im Reformationsjubiläumsjahr 2017 so oft zitiert. Darin appelliere Luther an die Einsicht der Menschen: "Du kennst doch selbst diese Not. Du weißt doch, wie sehr du dir selbst wünscht, dass die anderen dir beistehen. Also öffne dein Herz genauso für die anderen, wie du selbst das in der gleichen Situation erhoffst." Für den bayerischen Landesbischof ist mit diesem Appell aber keine Aufforderung zu Aufopferung oder Selbstverleugnung verbunden: "Das ist ein Appell an die Einsicht aller Menschen guten Willens", erklärte er.

Ramelow spannte einen historischen Bogen von der Reformation über die Arbeiterführerin Rosa Luxemburg (1871-1919) und dem Vorgehen der DDR-Oberen gegen die Verwendung ihrer Worte, dass Freiheit immer die Freiheit der Andersdenkenden sei. Für ihn ende die Freiheit des Einzelnen dort, wo sie die Freiheit Anderer gefährde. Als Beispiel führte er den Streit um ein Tempolimit in Deutschland an. Dort werde ein "Lebensrisiko" eingegangen, dass viele Menschen etwa bei der Eindämmung der aktuellen Corona-Krise nicht akzeptieren wollten.

Bedford-Strohm hatte die Corona-Pandemie bereits zum Thema seiner Predigt im Festgottesdienst zum Erscheinen von Luthers Freiheitsschrift vor 500 Jahren gemacht. Dabei rief er in der Gothaer Margarethenkirche zu Solidarität und Selbstverantwortung auf. Einander beizustehen sei die beste Basis, um in der Krise zu bestehen.

Freiheit eines Christenmenschen in Pandemiezeiten heiße, "sorgsam mit Gesundheitsrisiken umzugehen und gleichzeitig dafür einzutreten, dass Menschen keinen sozialen Tod sterben", sagte Bedford-Strohm. Das bedeute, sich von der Not der Menschen, deren ökonomische und soziale Existenz durch die Corona-Maßnahmen immer mehr wegbreche, anrühren zu lassen und entsprechend der eigenen Möglichkeiten Solidarität zu üben. Wenn aber Menschen heute für Freiheiten demonstrierten, die andere in Gefahr brächten, dann könnten sie sich nicht auf das christliche Freiheitsverständnis berufen, stellte Bedford-Strohm klar.

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