Kirchenhistoriker Spehr: Luthers Freiheitsschrift bleibt aktuell

Kirchenhistoriker Spehr: Luthers Freiheitsschrift bleibt aktuell
30.10.2020
epd-Gespräch: Dirk Löhr
epd

Der Jenaer Kirchenhistoriker Christopher Spehr warnt vor einem falschen Verständnis von Luther Freiheits-Begriff. "Diese Freiheit ist nie aus sich selbst hervorgehende, autonome Freiheit, sondern stets an Gott gebunden", sagte der Dekan der Theologischen Fakultät der Jenaer Universität dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Erfurt. Darin unterscheide sich der in seiner Streitschrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" eingeführte Terminus deutlich vom neuzeitlich-aufgeklärten Freiheitsverständnis: Ohne Gott, so Luther, keine Freiheit, erklärte der Theologe. Die Streitschrift ist vor 500 Jahren erschienen.

Die "Freiheit im Horizont von Gaube und Liebe" habe nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. Es tue einem evangelischen Christen gut, zu wissen, dass er im Glauben von den weltlichen Zwängen, Problemen und Herausforderungen befreit sei und sie ihn nicht zu sehr belasten müssten. "Es ist aber auch notwendig zu erinnern, dass ich um der Liebe zu meinen Mitmenschen so handle, dass es ihnen zum Guten dient", betonte der Kirchenhistoriker. So nütze in Corona-Zeiten etwa der Mund-Nasen-Schutz nicht in erster Linie dem Träger selbst, sondern er diene dem Schutz der anderen.

Christliche Freiheit, Glaube und Liebe gehörten zusammen. "Ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Christus und seinem Nächsten. In Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe", zitierte Spehr aus der Freiheitsschrift. Wenn der Glaube absolut gesetzt und die Liebe ausgeklammert werde, verkehre sich die Freiheit in ihr Gegenteil.

Die Schrift markiert für den Historiker einen reformatorischen Meilenstein. Als Luther sie verfasst habe, "kreiste über ihn bereits der Bannstrahl aus Rom. Doch der Wittenberger Theologieprofessor widerrief nicht, sondern schrieb 1520 um sein Leben", sagte Spehr. Die Hoffnung auf eine Reform der damaligen Papstkirche sei für ihn aussichtslos gewesen. Stattdessen habe er die weltliche Obrigkeit aufgefordert, die Reform der Kirche nun selbst in die Hand zu nehmen.

Luther habe mit dieser Schrift möglichst viele Leser erreichen wollen. In Latein schrieb er für das gelehrte und internationale Publikum, auf Deutsch für die lesefähige deutschsprachige Bevölkerung. Beide Schriften erlebten zahlreiche Auflagen und Nachdrucke. Besonders die deutschsprachige Version konnte laut Spehr "zu einem der bekanntesten und wirkmächtigsten Texte der Reformationszeit" avancieren.

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