Herr Pfarrer geht auf die Jagd

Herr Pfarrer geht auf die Jagd

© epd-bild/Andrea Enderlein

Der evangelische Pfarrer Manuel Fetthauer aus Diez in Rheinland-Pfalz hat eine Leidenschaft, die man von einem Theologen eher nicht erwarten würde: Wann immer es ihm zeitlich möglich ist, schnallt er sich sein Gewehr um und geht auf die Jagd.

Herr Pfarrer geht auf die Jagd
Manuel Fetthauer ist evangelischer Theologe und leidenschaftlicher Jäger
Manche seiner Gemeindemitglieder fragen sich, ob sich ein Pfarrer tatsächlich einfach so ein Gewehr umhängen darf, um im Wald jagen zu gehen. Der evangelische Theologe Manuel Fetthauer aus Rheinland-Pfalz hat darauf eine klare Antwort.

Unter einem knorrigen Kirschbaum, mit Blick auf eine kleine Talsenke, menschenleere Felder und den Waldrand sitzt Manuel Fetthauer am liebsten. Hier im Hintertaunus kann er abschalten von allem, was ihn tagsüber beschäftigt hat. Der evangelische Pfarrer aus Diez in Rheinland-Pfalz hat eine Leidenschaft, die man von einem Theologen eher nicht erwarten würde: Wann immer es ihm zeitlich möglich ist, schnallt er sich sein Gewehr um und geht auf die Jagd.

Wer mit Fetthauer durch sein Jagdrevier streift, versteht schnell, dass hier jemand unterwegs ist, der sich in der Natur auskennt. Der 32-Jährige weiß, welche Vogelstimmen gerade zu hören sind und welche Pfade die Tiere gewöhnlich nutzen. "Es ist nicht gut bestellt um den Wald", sagt er. Es ist das dritte trockene Jahr in Folge, viele Zweige sind vertrocknet.

Rothirsche schaden den Bäumen

Neben der langen Dürre machten auch die zahlreichen Rothirsche den Bäumen zu schaffen, sagt er. Die Tiere fressen die Knospen junger Pflanzen oder nagen an der Rinde. 200 Stück Rotwild hat Fetthauer schon einmal an einem einzigen Abend an seinem Ansitz vorbeiziehen sehen. Das natürliche Gleichgewicht wieder herzustellen, ist für den jagenden Theologen auch eine Art "Schöpfungsauftrag".

Das sehen Jagdgegner anders. So hat die Tierrechteorganisation "Peta" eine Kampagne "Christen für Tiere" ins Leben gerufen, die gezielt gläubige Menschen zu einem veganen Lebensstil aufruft. Kritikern sind insbesondere auch die traditionellen jährlichen Hubertusmessen und Jägergottesdienste ein Dorn im Auge.

Pfarrer Manuel Fetthauer ist in einem Waldstück bei Heidenrod-Hilgenroth im Rhein-Taunus-Kreis unterwegs.

Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder, warf den Kirchen vor, sie würden das "sinnlose Töten von Millionen Tieren unter dem Deckmantel des Brauchtums" rechtfertigen. Selbst der heilige Hubertus, der Patron der Jäger, habe der Legende nach der Jagd abgeschworen, nachdem Christus in der Gestalt eines Hirsches zu ihm gesprochen hatte.

Fetthauer mag viele Bräuche der Jäger. Er feiert im November Jagdgottesdienste, weil sie auch an das Verantwortungsgefühl der Jäger appellieren, wie er sagt, und er spielt auch selbst Jagdhorn. Natürlich kennt er die Vorbehalte gegen die Jagd. Über das Klischee, Jäger würden aus Lust am Töten alles über den Haufen schießen, was sich bewegt, ärgert er sich. "Ein Tier zu töten, nur damit es tot ist, das widerstrebt mir", stellt er klar.

Erleben von Natur und Wildnis

Trotzdem wird der Pfarrer in seiner Gemeinde gelegentlich gefragt, wie er es denn mit dem fünften Gebot halte. "Du sollst nicht töten", heißt es dort - auf den ersten Blick recht eindeutig. Doch wörtlich spricht die Bibel nicht vom Töten, sondern vom Morden. Wenn Fetthauer ein Tier erlegt, versucht er, möglichst viel von dem Wild zu verwerten. Wer selbst Fleisch esse, könne eigentlich nicht gegen die Jagd sein, findet er. Bis heute ist er vor jedem Schuss aufgeregt: "Dir ist immer klar, dass du ein Leben beendest." In neun von zehn Fällen fährt er ohnehin ohne Beute zurück nach Hause.

Für ihn ist Jagd noch viel mehr, etwa das Erleben von Natur und Wildnis mitten in Deutschland. "Das ist ein magischer Moment", flüstert der Pfarrer, während er auf dem Ansitz unter dem Kirschbaum zuschaut, wie die Sonne hinter der Anhöhe versinkt. Die Vögel verstummen, bis auf das Säuseln des Windes ist nichts mehr zu hören. Der Pfarrer hat seinen Kugel-Drilling geladen und jederzeit griffbereit vor den Sitz gestellt. Doch auf dem abgeernteten Feld zeigen sich keine Tiere, nur ein Hase läuft vorüber, bleibt direkt vor dem Ansitz kurz stehen und hoppelt dann weiter.

Keine militärische Ausrüstung für die Jagd

"Ich bin ein Landkind und will es auch bleiben", sagt Fetthauer. Als Pfarrer eine Gemeinde in der Hochhaus-Metropole Frankfurt zu leiten, wovon so viele seiner Theologie-Kommilitonen träumten, wäre sein "Untergang", mutmaßt er. Schon sein Großvater war Jäger, als kleiner Junge begleitete Fetthauer ihn gelegentlich, wenn er Köder mit Tollwut-Impfungen für Füchse im Wald auslegte. Das Interesse, selbst auf die Jagd zu gehen, kam bei ihm aber erst während des Studiums auf.

Als es vor dem Ansitz immer dunkler wird, holt er seine Wärmebildkamera hervor, um den Waldrand abzusuchen. Aber ein Zielfernrohr mit Nachtsichtgerät zu benutzen, käme ihm nicht in den Sinn. Davon, technisch immer weiter aufzurüsten und mit quasi-militärischer Ausrüstung zur Jagd zu gehen, halte er nichts. Plötzlich regt sich etwas am Waldrand. Kaum mit bloßem Auge zu erkennen, zeigt sich ein Reh. "Wenn es ein männliches Tier wäre, dürfte ich es schießen, aber nicht auf die Entfernung", murmelt der Pfarrer. Die potenzielle Beute entscheidet sich dagegen, weiter auf das Gewehr zuzulaufen, macht kehrt und verschwindet im Dunkel.

Konfrontation zwischen Jägerschaft und Naturschützern

Auch Manuel Fetthauer sieht viele Entwicklungen bei der Jagd kritisch und klagt über die wachsende Zahl "schwarzer Schafe". In den Wäldern seien inzwischen zu viele unterwegs, denen der Gedanke des Naturschutzes fremd sei und die ihre Ausbildung in zweiwöchigen Expresskursen absolviert hätten: "Die haben einen Jagdschein, sind aber keine Jäger", seufzt er. Die ständige Konfrontation zwischen Jägerschaft und Naturschützern findet er überflüssig: "Im Grunde haben wir das gleiche Ziel."

An diesem Spätsommerabend im Taunus lässt sich kein weiteres Wild mehr blicken. Ein letztes Mal schaut der Pfarrer angestrengt in seine Wärmebildkamera, dann gibt er das Signal zum Aufbruch: "Da ist nichts im Wald", sagt er, "aber wir haben wenigstens einen Hasen gesehen."

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