Aus Kirchenbüchern den Umgang mit Corona lernen

Seit 1980 gilt der ganze Globus als pockenfrei.

©wellcomeimages.org/Wellcome Collection gallery/commons.wikimedia.org/3650582/William Thomas Strutt

Eine Radierung einer von Pocken befallenen Hand, gegen die der evangelische Pfarrer Christian Friedrich Wolff beherzt seine Kinder im Jahr 1801 impfen ließ. Er hat damit die Impfbereitschaft offenbar beflügelt. Heute ist die Viruserkrankung ausgestorben.

Aus Kirchenbüchern den Umgang mit Corona lernen
Faszinierende Einblicke in den früheren Umgang mit Seuchen
Was, wenn es einen ersten Corona-Impfstoff gibt? Wer sollte den Impfgegnern die Angst nehmen? Ein württembergischer Pfarrer hat es vor über 200 Jahren vorgemacht, als die Pocken noch Abertausende dahinrafften.

Seuchen sind lästige Begleiter der Menschheit, das war schon vor dem Corona-Virus so. Ein Blick in alte Kirchenbücher zeigt erstaunliche Parallelen zu den Herausforderungen, in denen Gesellschaften im Jahr 2020 stehen. Schulen schließen wegen der Infektionsgefahr? Einen neuen Impfstoff ausprobieren? Das ist alles schon mal dagewesen.

Im Sommer 1801 grassieren in Belsenberg bei Künzelsau die Blattern (Pocken). Einen Impfstoff gibt es schon, er ist allerdings kaum verbreitet. Beherzt ergreift der evangelische Pfarrer Christian Friedrich Wolff die Initiative: Er lässt seine Zwillingskinder gegen die Kuhpocken impfen.

Gelegentlich finden sich in Kirchenbüchern "Memorabilien", also Notizen erinnerungswürdiger Ereignisse. Die hier vorgestellte wurde von Pfarrer Christian Friedrich Wolff (1761-1829), der die Pfarrstelle Belsenberg im Dekanat Künzelsau (1800-1823) innehatte, verfasst. Um eine drohende Pockenepidemie in seiner Pfarrgemeinde einzudämmen, ließ er das damals noch ganz neue Impfverfahren mit Kuhpocken zunächst in seiner eigenen Familie testen.

Das Beispiel macht Schule. Wolff zählt im Kirchenbuch später insgesamt 53 "Vaccinirte" (Geimpfte) in seinem Dorf und den Nachbarorten. Kein einziger von ihnen sei dann angesteckt worden, obwohl sie viel Umgang mit Pockenkranken gepflegt hätten und einer sogar bei einem Kranken schlief.

Menschen wie dieser evangelische Pfarrer haben die Impfbereitschaft offenbar beflügelt. Während Ende des 18. Jahrhunderts noch bis zu zehn Prozent aller Kleinkinder den Blattern erlagen, ließ sich diese Seuche dank einer konsequenten Impfpolitik ausrotten. In Deutschland gab es 1972 den letzten belegten Pockenfall, seit 1980 gilt der Globus als pockenfrei.

Poster des Gesundheitsamts Chicago aus dem März 1941, das für eine Impfung an Kindern gegen "smallpocks" -Pocken- wirbt.

Ausgegraben haben die Geschichte des risikobereiten Pfarrers Historiker der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Seit Februar 2019 betreiben sie einen Blog, der Perlen aus Archiven und Kirchenbüchern präsentiert: Trauriges, Fröhliches, Erschreckendes, Skurriles.

So führten die Maul- und Klauenseuche und die Kinderlähmung dazu, dass im Zweiten Weltkrieg und danach kurzzeitig Gottesdienste verboten, Schulen und Kindergärten geschlossen und Reisen eingeschränkt wurden. In Leonberg bei Stuttgart gab es etwa 1941 wegen der grassierenden Kinderlähmung ein Gottesdienstverbot. Die Kinos blieben dagegen offen - man wollte sie vor wirtschaftlichem Schaden behüten.

Kirchenbücher bieten noch reichlich mehr...

Die alten württembergischen Dokumente haben aber viel mehr zu bieten als den Umgang mit Epidemien. So dokumentiert ein Pfarrer in Peterzell bei Freudenstadt für den 3. April 1653 einen Fall von Intersexualität. Das Kind von Michel und Margretha Eppting wird auf den Namen Anna getauft. Man habe jedoch etliche Tage nach der Taufe mehr männliche als weibliche Geschlechtsmerkmale gefunden und dem Kind dann den Namen Hans Jacob gegeben, heißt es im Register.

Das 17. Jahrhundert brachte die Württemberger erstmals in Kontakt mit Muslimen. Es handelte sich entweder um in den Türkenkriegen verschleppte Menschen oder um türkische Offiziere, die sich von deutschen Truppen anwerben ließen. So wurde am 31. Oktober 1689 in Mühlhausen an der Enz der Sohn eines türkischen Dragoners zwangsgetauft. Die Ehefrau und Mutter hatte sich noch dagegen gewehrt, doch man holte den Knaben auf Geheiß der militärischen Vorgesetzten "mit Gewalt" aus dem Quartier und wies den Pfarrer zur Taufe an.

Eine weitere Taufe eines Türken gab es am 24. Februar 1691 in Alpirsbach bei Freudenstadt. Der Prinz von Veldenz hatte das Mädchen bei der Eroberung Belgrads deportiert. Er starb bei der Belagerung von Mainz 1689, der Klosterverwalter adoptierte die Kleine und ließ sie im Alter von schätzungsweise zehn Jahren in die evangelische Kirche aufnehmen.

Zu den weiteren Sonderlichkeiten in Kirchenbüchern gehören die Totenregister von Neuenstadt am Kocher. Dort malte der Eintragende Schwerter oder Scheiterhaufen zu den Namen von Hingerichteten. Ehebruch, angebliche Hexerei, Sex mit Tieren oder einem gleichgeschlechtlichen Partner - all das konnte einen Menschen zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert die Todesstrafe bringen.