"Sea-Watch 4" rettet erneut rund 100 Menschen aus Seenot

Flüchtlinge auf der "Sea-Watch 4"

©epd-bild/Thomas Lohnes

Die "Sea-Watch 4" Crew nahm am 24.8.2020 diese 97 Migranten aus einem Schlauchboot an Board und führte bereits in den frühen Morgenstunden die dritte Rettungsoperation innerhalb von 48 Stunden aus. Dabei rettete sie weitere 100 Menschen aus Seenot.

"Sea-Watch 4" rettet erneut rund 100 Menschen aus Seenot
Inzwischen mehr als 200 Flüchtlinge an Bord des Rettungsschiffes
Das zivile Seenotrettungsschiff "Sea-Watch 4" hat erneut rund 100 Menschen vor der libyschen Küste aus Seenot gerettet. Wie die Organisation Sea-Watch am Montag mitteilte, führte das Schiff in den frühen Morgenstunden die dritte Rettungsoperation innerhalb von 48 Stunden aus und hat inzwischen mehr als 200 Menschen an Bord.

Das Schlauchboot mit etwa 100 Menschen an Bord trieb rund 50 Seemeilen vor der libyschen Küste und hatte in der Nacht einen Notruf abgesetzt. Zunächst hatte ein großes Versorgungsschiff in der Nähe einer Ölplattform das Boot lokalisiert und mittels eines Schnellboots Rettungswesten zu den Geflüchteten gebracht. Die Crew der "Sea-Watch 4" begann in der Morgendämmerung mit der Evakuierung der Menschen. Alle seien nun sicher an Bord, hieß es.

Die Mehrheit der geretteten Menschen sei schwach und desorientiert, einige wiesen Symptome einer Vergiftung durch Treibstoffgase und Verbrennungen durch Treibstoff auf. Zudem seien sie seekrank und dehydriert.

Die "Sea-Watch 4" hatte am Wochenende bereits mehr als 100 Flüchtlinge aus dem zentralen Mittelmeer gerettet. Das überwiegend aus kirchlichen Spenden finanzierte Rettungsschiff ist seit Mitte August auf seiner ersten Rettungsmission im Mittelmeer unterwegs. Hinter der "Sea-Watch 4" steht das Bündnis "United4Rescue", das das Schiff im Januar für rund 1,3 Millionen Euro ersteigert hatte.

Bereits am Sonntag 97 Menschen gerettet

Bei ihrer ersten Mission im Mittelmeer hatte die Crew des deutschen Schiffs "Sea-Watch 4" bereits am Sonntag 97 Menschen aus Seenot gerettet. Wie die Organisation Sea Watch mitteilte, waren unter den Migranten 28 unbegleitete Minderjährige und neun Kinder mit mindestens einem Elternteil an Bord. Sieben der Kinder waren unter fünf Jahre alt. Die Menschen waren laut Sea Watch auf einem überfüllten und seeuntauglichen Schlauchboot unterwegs. Die Rettungsaktion fand den Angaben zufolge rund 31 Seemeilen vor der libyschen Küste statt. Von den 60 Erwachsenen auf dem Schlauchboot waren 13 Frauen. Die Geretteten wurden nach ihrer Bergung von Ärzten untersucht. Die "Sea-Watch 4", die auf eine kirchliche Initiative zurückgeht, setzte danach nach eigenen Angaben ihre Patrouille vor der libyschen Küste fort.

Bereits am Samstag hatte das zum Rettungsschiff umgebaute frühere Forschungsschiff sieben Menschen an Bord genommen. Sie wurden zunächst von einem kleineren Schiff gerettet, das die "Sea-Watch 4" um Unterstützung gebeten hatten. An Bord des von Sea Watch und "Ärzte ohne Grenzen" betriebenen Schiffes befinden sich damit inzwischen 104 aus Seenot gerettete Migranten. 

Bedford-Strohm: Kirchliches Engagement bei Seenotrettung notwendig

Nach dem jüngsten Rettungseinsatz der "Sea-Watch 4" hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, die Notwendigkeit kirchlichen Engagements bei der Seenotrettung bekräftigt. Die Rettung von rund 100 Menschen am vergangenen Wochenende habe "in trauriger Weise" gezeigt, dass die Mission des überwiegend aus kirchlichen Mitteln finanzierten Schiffs nötig sei, sagte Bedford-Strohm am Montag im Sender Bayern2. Natürlich wäre die Seenotrettung eigentlich eine staatliche Aufgabe, erklärte der bayerische Landesbischof. Doch die Staaten Europas schauten zu. "Und deswegen ist es natürlich Aufgabe der Kirche, sich vom Leid der Menschen anrühren zu lassen. Man kann nicht beten und das Leid des Nächsten übersehen."

Bedford-Strohm sagte, er gehe davon aus, dass die von der "Sea-Watch 4" geretteten Flüchtlinge rasch einen europäischen Hafen zugewiesen bekommen und auf mehrere Länder verteilt werden. Von der Bundesregierung erwarte er, "dass sie sich dafür einsetzt, dass wenn Menschen da gerettet worden sind, es nicht wieder ein wochenlanges Geschacher gibt". Die Kriminalisierung der zivilen Seenotretter müsse aufhören, denn das seien die "die einzigen, die überhaupt noch Menschenleben dort retten".

Ausdrücklich lobte der Ratsvorsitzende die Bemühungen von Bundesinnenminister Hors Seehofer (CSU), einen europäischen Verteilmechanismus für Bootsflüchtlinge zu vereinbaren. Wenn Europa seine christliche Grundorientierungen ernst nehme, müsse es jetzt handeln.

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Das ehemalige Forschungsschiff "Sea-Watch 4" wurde vom Bündnis "United4Rescue" finanziert, das maßgeblich von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) initiiert wurde. Die Idee eines kirchlichen Seenotrettungsschiffs im Mittelmeer geht auf den evangelischen Kirchentag in Dortmund 2019 zurück. Die zivile Seenotrettungsorganisation Sea-Watch betreibt das Schiff gemeinsam mit "Ärzte ohne Grenzen" im Auftrag des Bündnisses.

Im Januar ersteigerte das Bündnis das Schiff für 1,3 Millionen Euro, darunter 1,1 Millionen Euro Spendengelder des Bündnisses, dem mittlerweile über 550 Organisationen und Unternehmen angehören. Partner sind andere Seenotrettungsorganisationen wie Mission Lifeline und Sea-Eye, aber auch Unternehmen wie der Eishersteller Ben & Jerry's und der Berliner Kondomhersteller Einhorn. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Diakonie und die Popband Revolverheld sind dabei.

Im spanischen Hafen Burriana wurde das Schiff zunächst umgebaut, bevor es Mitte August zu seiner ersten Rettungsmission ins zentrale Mittelmeer aufbrach.