Corona: Hirnforscher Roth rät zu harten Sanktionen bei Regelverstößen

Corona: Hirnforscher Roth rät zu harten Sanktionen bei Regelverstößen
14.08.2020
epd-Gespräch: Dieter Sell
epd

Bremen (epd). Wer sich ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen den Corona-Hygieneregeln verweigert, muss nach Auffassung des Bremer Biologen und Hirnforschers Gerhard Roth mit harten Sanktionen bestraft werden. Diesen erlebnishungrigen Menschen gehe es gar nicht um Fakten, sagte der Neurowissenschaftler dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das treffe auf etwa zehn Prozent der Bevölkerung zu. Wiederum zehn Prozent aus dieser Gruppe beeindrucke gar nichts: "Die muss man eventuell einsperren, bei aller humanistischen Gesinnung. Da ist nur Staatsmacht und Polizeiauftritt wirksam, wenn überhaupt."

Die Erlebnishungrigen, die sogenannten Sensation Seekers, stumpften schnell ab, seien aber auf den Kick im Hirn aus, bei denen mit Dopamin und Opioiden Botenstoffe ausgeschüttet würden, erläuterte der 77-Jährige Hirnforscher. Diese lösten gleichzeitig Aufregung und positive Gefühle aus. Argumente wie Rücksichtnahme auf ältere Leute seien den Sensationsgierigen völlig egal. "Aber das sind zum Glück nur wenige und der Staat muss lernen, mit ihnen umzugehen."

Wenn es darum gehe, die Corona-Regeln zu befolgen - Abstand, Hygiene und Alltagsmaske - seien die meisten Menschen leicht bei der Stange zu halten, betonte Roth. "80 Prozent brauchen da gelegentlich nur eine kurze Auffrischung." Allerdings helfe es nicht, nur an Moral, Verstand und Einsicht zu appellieren. Das habe aus hirnphysiologischer Sicht keine Wirkung. "Die Zentren nämlich, in denen unser Verstand arbeitet, haben gar keine intensiven Verbindungen zu den Bereichen, die unsere Gefühle bestimmen und unser Handeln steuern."

Wer eine nachhaltige Reaktion bei der Befolgung der Regeln auslösen will, muss Roth zufolge deshalb immer "Emotionales zufüttern". Bei den Einsichtigen müsse das nicht der Vorschlaghammer sein, aber bei den anderen schon. "Da geht es nur mit Drohungen, Angst und Schrecken." Und auch sonst seien eher intellektuelle Botschaften wenig wirksam. "Man muss ganz klar kommunizieren, eher in einem warnenden Ton: Leute, einen zweiten Lockdown können wir uns nicht leisten."

Auch moralische Appelle alleine funktionierten nur, wenn sie mit der Drohung der Ausgrenzung verbunden seien, ergänzte der langjährige Leiter des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen. "Wenn Menschen sagen, so ein Verhalten ist unerwünscht, und wenn ihr das tut, gehört ihr nicht mehr dazu - das fürchten die allermeisten Leute." Das wirke, "jedenfalls mehr als die Erklärung, aus medizinischen Gründen müsst ihr Abstand halten".