TV-Tipp: "37 Grad: Mein Wille geschehe"

Altmodischer Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "37 Grad: Mein Wille geschehe"
1.8., ZDF, 22.15 Uhr
iemand weiß, was sich hinter diesen Augen, die blicklos ins Leere starren, abspielt. Ist da überhaupt noch jemand? Benedict Mülder ist 65. Vor elf Jahren ist bei ihm die Nervenkrankheit ALS diagnostiziert worden. Seit neun Jahren liegt er bewegungslos im Bett. Irgendwann hat er auch seine Stimme verloren. Bis vor vier Jahren konnte er immerhin noch mit den Augen einen Sprachcomputer steuern, aber mittlerweile ist keinerlei Kommunikation mehr möglich.

Mülder war einst Mitbegründer der linksalternativen Tageszeitung "taz", ein bekannter Journalist; Kontakt zu seinen Mitmenschen war so etwas wie sein Lebenselixier. Ehefrau Dagmar hat dafür gesorgt, dass das so bleibt: Mülders Bett steht im Wohnzimmer, sodass er zumindest theoretisch nach wie vor am Familienleben teilnehmen kann. Wie früher kommen auch heute noch regelmäßig seine besten Freunde vorbei. Dann sitzen sie um sein Bett herum, trinken Bier und reden miteinander. Hin und wieder besucht das Ehepaar gemeinsam Veranstaltungen, eine äußerst anstrengende Prozedur; schon das Ankleiden des Mannes ist sehr mühsam. Ist das noch ein Leben? Und ist es lebenswert? Die Ehefrau meint: Ja, das ist es. So lange er konnte, hat ihr Mann über seine Krankheit geschrieben. Dann hat er sein Dasein vertrauensvoll in ihre Hände gelegt. Nun muss sie für ihn entscheiden; und das natürlich nach Möglichkeit auch in seinem Sinn.

Das ZDF und Max Damm haben dieser "37 Grad"-Reportage den Untertitel "Wie weit geht die moderne Medizin?" gegeben. Es ist möglich, einen Menschen, der ohne künstliche Beatmung und Ernährung längst gestorben wäre, lange am Leben zu erhalten. Aber ist es auch sinnvoll? Diese Frage stellt sich Johannes Kalbhenn jeden Tag. Der Oberarzt ist Leiter einer Intensivstation am Universitätsklinikum Freiburg. Viele seiner Patienten stehen an der Schwelle zum Tod.

Der Film hat einen Fall herausgegriffen: Ein dementer alter Mann ist unheilbar an Krebs erkrankt und nicht mehr bei Bewusstsein. Kalbhenn offenbart den Angehörigen die bittere Wahrheit: Der Patient wird nie mehr die Kraft haben, selbst zu laufen, er wird intensiv betreut werden müssen und kann daher nicht mehr zuhause leben. Da es keine Verfügung gibt, will der Arzt herausfinden, was wohl sein Wille gewesen wäre. Er schildert Frau und Sohn, was passieren wird, wenn die Geräte abgestellt werden: Ärzte und Schwestern werden alles dafür tun, dass er weder Hunger noch Durst oder Schmerzen hat; aber vermutlich wird es bald zu Ende gehen. Es ist ein schmaler Grat zwischen leben und sterben lassen, auf dem sich Intensivmediziner wie Kalbhenn bewegen, zumal es keine absoluten Sicherheiten gibt, wie der Arzt einräumt: weil er immer wieder erlebt, dass Totgesagte tatsächlich länger leben; aber es kommt auch vor, dass Menschen, bei denen er guter Dinge war, gestorben sind.

Damms Film bewegt sich ebenfalls auf schmalem Grat, und das in mehrfacher Hinsicht. Schon das Sujet ist schwierig, weil es keine allgemeingültigen Antworten gibt und die Entscheidung über Leben und Tod von vielen völlig unterschiedlichen Faktoren beeinflusst wird; schließlich enthält das Thema neben der medizinischen Ebene auch noch ethische und religiöse Dimensionen. Umso respektabler ist die Bereitschaft der Betroffenen, sich und ihr Schicksal für die Reportage zur Verfügung zu stellen. Für Familie Mülder gilt das ohnehin, aber auch für Kalbhenn. Es kommt nicht oft vor, dass ein Arzt derart offen über schwierige Entscheidungsfindungen spricht. Der Mediziner räumt nicht nur gelegentliche Zweifel ein, er muss zudem sorgsam darauf achten, dass er den Angehörigen nicht seine eigenen Vorstellungen suggeriert.

Ungewöhnlich ist auch die grundsätzliche Haltung des Arztes zu den ständigen Fortschritten der Intensivmedizin, die der ethischen Diskussion längst enteilt ist: Nicht alles, was möglich ist, müsse auch umgesetzt werden, wenn dies gleichbedeutend mit einer sinnlosen Verlängerung des Leidens sei. Und während "37 Grad" mit dem Alltag der Zuschauer sonst oft wenig zu tun hat, spricht Kalbhenn auch sehr praktische Fragen an, wenn er zum Beispiel konkrete Ratschläge für Patientenverfügungen gibt: Dort sollten Menschen genau definieren, was aus ihrer Sicht unverzichtbare Bestandteile der Lebensqualität sind und welche Einschränkungen sie hinnehmen würden. An diesem Punkt, den Damm gleich zu Beginn formuliert, wird jeder Zuschauer anknüpfen können: "Was würden wir für uns wollen, wenn wir uns nicht mehr äußern könnten?"


 

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