"Entweder alle oder keiner"

Michael Schnepel

© epd-bild/epd Niedersachsen-Bremen/Dieter Sell

Corona hat die zurückliegende Fußball-Bundesliga mächtig durchgeschüttelt: Wie soll es nach der Sommerpause weitergehen?

"Entweder alle oder keiner"
Drei Fragen an den christlichen Fan-Vertreter Michael Schnepel zu Corona-Öffnungen im Stadion
Spiele ohne Fans im Stadion und Geistermeister Bayern München: Corona hat die zurückliegende Fußball-Bundesliga mächtig durchgeschüttelt. Aber wie soll es nach der Sommerpause weitergehen? Mit einer Teilöffnung für Fans unter Auflagen werben die 36 Vereine der Deutschen Fußball-Liga für ihr Konzept. Fans wie der Bremer Michael Schnepel sehen das kritisch. Und doch fehlt dem Werder-Enthusiasten, der sich seit Jahrzehnten in christlichen Fan-Initiativen engagiert, die Emotionalität von Live-Spielen im Station, wie Schnepel dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagt.

Herr Schnepel, sie sind seit 25 Jahren Dauerkarteninhaber von Werder Bremen und waren vor Corona oft im Stadion. Nun hat die Deutsche Fußball-Liga vorgeschlagen, unter bestimmten Bedingungen wieder Fans auf die Ränge zu lassen. Keine Stehplätze, weniger Leute, keine Gästefans, kein Alkohol, das wären die Bedingungen. Lockt Sie das?

Michael Schnepel: Ich persönlich meine, es ist noch zu früh, überhaupt Fans ins Stadion zu lassen. Wenn man in der Gesellschaft doch sehr auf konsequentes Abstandhalten achtet, kann ich mir nicht vorstellen, dass Fußball da eine Sonderrolle spielen sollte. Und Fußball ist nun mal Emotionalität, ist sich nahekommen, sich in den Arm nehmen, sich freuen. Da kann ich mir nicht vorstellen, dass im Stadion wie beim Gottesdienst in der Kirche nur jede zweite Reihe besetzt ist. Entweder alle oder keiner, das finde ich richtig. Und alle geht momentan aufgrund des Infektionsschutzes einfach nicht. Und bei einer Teilöffnung, wen will man da ausschließen? Gerade die Ultras und die Leute auf den Stehplätzen in den Fanblocks, die bestimmen doch das Spiel atmosphärisch. Die wären aber total benachteiligt und kommen in diesem Konzept überhaupt nicht vor.

Mal ganz grundsätzlich gefragt: Was bedeutet Fußball für Sie?

Schnepel: Fußball ist für mich primär ein Gemeinschaftserlebnis. Ich genieße diese gefühlsmäßigen Wallungen, die man da miteinander hat. Dass man aussteigt aus einem stressigen Alltag, hinein in etwas, was emotional doch sehr berührt. Es gibt wenige Sportarten, die Menschen so in den Bann ziehen, mit freudigen, aber auch mit traurigen Begegnungen. Fußball ist für mich nicht irgendetwas, was verkauft wird. Das aber läuft ja seit Jahren auseinander. Wir wünschen uns langfristig einen Fußball, der wieder zu seinen Wurzeln zurückkommt, reiner gewaschen vom Kommerz, hin zur Freude am Sport und weg von den immer teureren Eintrittskarten. Ich bin da allerdings skeptisch. Ich fürchte, man kann das Rad nicht zurückdrehen. Fußball ist eben ein Geschäft geworden, durch und durch. Aber man muss nicht alles mitmachen, was beispielsweise die Rolle von Investoren in den Vereinen angeht, die dann Abläufe und Inhalte bestimmen.

Fußball ohne Fans, kann so auch nach Corona die "neue Normalität" aussehen?

Schnepel: Könnte ich mir vorstellen, aber eher vonseiten der Investoren. Aus Fansicht glaube ich das nicht. Es wird immer Fußballfans geben. Und die wollen natürlich das originäre Erlebnis haben. Wir leben doch von dem Miteinander, von den Ritualen im Spiel und am Spielfeldrand! Diejenigen, die neben mir stehen, die wollen mich umarmen. Die wollen mir sagen: Ey, wir haben gerade ein Tor geschossen, wunderbar! Das kannst du am Fernseher so nicht erleben, das ist steril. Ja, ich glaube, es wird eine neue Diskussion über Nähe und Distanz geben im öffentlichen Leben, und die wird auch auf den Fußball überschwappen. Aber Fußball ohne Fans, nein, das ist kein Fußball.