75 Jahre nach Hiroshima: Evangelische Geistliche fordern Abschaffung von Atomwaffen

75. Jahrestag des Atombombenabwurfs über Hiroshima

© Bodo Marks/dpa

Vor 75 Jahren, am 6. August 1945, warf der US-Bomber "Enola Gay" die erste im Krieg eingesetzte Atombombe mit dem Namen «Little Boy» ab. Evangelische Geistliche fordern Abschaffung von Atomwaffen. Greenpeace-Aktivisten erinnern an der Elbe mit einem Friedenssymbol und Transparenten mit den Aufschriften "Atomwaffen verbieten" und "Nie wieder Hiroshima - Nie wieder Nagasaki" an die Opfer der Atombombe und mahnen zu Frieden.

75 Jahre nach Hiroshima: Evangelische Geistliche fordern Abschaffung von Atomwaffen
Gedenken an die Opfer der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki
"Sündenfall" heißt es, wenn etwas Entsetzliches das erste Mal passiert. Für den Berliner Bischof Christian Stäblein sei der Abwurf der Atombombe über Hiroshima genau das gewesen. Als ein "Verbrechen gegen die eine Menschheit" bezeichnet es der rheinische Präses Manfred Rekowski. Zusammen mit anderen führenden Geistlichen sprechen sie sich für eine Welt ohne Atomwaffen aus.

Der Berliner Bischof Christian Stäblein hat sich zum Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima vor 75 Jahren für eine vollständige Abschaffung von Atomwaffen ausgesprochen. "Zurecht sind und gehören diese Waffen geächtet, zurecht setzen sich seit 75 Jahren Menschen in allen Teilen der Welt dafür ein, dass diese Art der Waffen von der Erde verschwindet", schreibt der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) in einem Gastbeitrag der Boulevardzeitung "B.Z." (Donnerstag). Das Eintreten für die Verschrottung von Atomwaffen dürfe weltweit nicht nachlassen. Zugleich erinnerte Stäblein an die unzähligen Toten in Folge des Atombombenabwurfs.

"Wenn etwas ganz Entsetzliches, im Grunde Unvorstellbares das erste Mal passiert, sprechen wir von einem Sündenfall", so Stäblein weiter: Das Zünden der Atombombe sei ein solcher Sündenfall gewesen. "Nach dem 6. August 1945 kann niemand mehr das Jesus-Wort 'vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun' für den Einsatz von Atombomben in Anspruch nehmen. Wir wissen nun, worum es geht, wenn wir solche Waffen produzieren." Der 6. August 1945 markiere "einen Sündenfall der Menschheit. Wer noch einmal eine Atomwaffe einsetzt, weiß, was er oder sie tut", betonte der evangelische Bischof.  

Auch der rheinische Präses Manfred Rekowski hat vor der weiteren Existenz von Atomwaffen gewarnt. "Die Atommächte, die sie einsetzen können, sind vor ihnen selbst nicht sicher", schreibt der leitende Geistliche der Evangelischen Kirche im Rheinland in einem Grußwort zu einem 24-Stunden-Gebet am Fliegerhorst Büchel in der Eifel. Die Aktion in Erinnerung an die Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki vor 75 Jahren findet von Samstag auf Sonntag statt. Bereits am Mittwoch stellte Greenpeace einen Heißluftballon vor dem Fliegerhorst auf, um gegen Atomwaffen zu protestieren. In Büchel werden die letzten US-Atombomben in Deutschland vermutet.

Der 24-Stunden-Dauergottesdienst im rheinland-pfälzischen Büchel ist der Abschluss der elften öffentlichen Fastenaktion für den Abzug der Atomwaffen. Unter der Überschrift "Die eine Menschheit" beginnt das Programm mit unter anderem Liedern und Andachten am Samstag um 11.02 Uhr und endet am Sonntag um 11.02 mit einer Gedenkminute.

Vernichtung aller Atomwaffen

Rekowski bekräftigte am Mittwoch die Forderung nach der Vernichtung aller Atomwaffen: "Denn wir halten den Abwurf von Atombomben für ein Verbrechen gegen die eine Menschheit." Es sei an der Zeit, ernstzunehmen, dass die Sicherheit einer Region der Erde nicht getrennt von der Sicherheit einer anderen Region sei. "Die eine Menschheit braucht das Vertrauen ineinander, dass ihre Sicherheit sich nicht trennen lässt", erklärte der Theologe. Rund um den Erball atme die Menschheit die gleiche Luft. "Sie gehört zusammen", unterstrich er.

Zudem erinnerte er daran, dass die rheinische Landessynode die Bundesregierung bereits 2010 aufgefordert habe, sich für den Abzug US-amerikanischer Atombomben aus Deutschland einzusetzen. Im Friedenswort 2018 habe die Synode diese Forderung wieder aufgegriffen und an die Bundesregierung appelliert, den Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen zu unterzeichnen.

Fatale Deregulierung internationaler Nuklearwaffenabkommen

In der vergangegen Woche hatten die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die katholische Deutsche Bischofskonferenz bereits eine Erklärung veröffentlicht, in der sie mehr Einsatz für eine atomwaffenfreie Welt fordern. "Im Andenken an die Todesopfer des 6. August 1945 fordern wir heute gemeinsam die politisch Verantwortlichen dazu auf, ernsthafte und zielorientierte Schritte in eine nuklearwaffenfreie Welt zu gehen", heißt es darin. Es bedürfe der Wiederaufnahme vertrauensvoller Dialoge und des politischen Willens zur Veränderung. "Ein erstes und eindrückliches Zeichen sollte die Annahme und Ratifizierung des Atomwaffenverbotsvertrags der UNO - auch durch Deutschland - sein."

Das politische Ziel müsse ein "Global Zero" bleiben: eine Welt ohne Atomwaffen, heißt es in der gemeinsamen Erklärung des Vorsitzenden der Deutschen Kommission Justitia et Pax, Bischof Heiner Wilmer, und des Friedensbeauftragten des EKD-Rats, Renke Brahms. "Aktuell müssen wir eine fatale Deregulierung internationaler Nuklearwaffenabkommen und Rüstungspolitik erleben." Eingebettet in die globale Krise der Diplomatie rücke dadurch die Gefahr atomarer Gewalteskalation in greifbare Nähe.

Hundertausende Tote

Genährt werde diese Sorge durch das Bestreben, vorhandene nukleare Waffensysteme zu modernisieren, um ihre Einsatzfähigkeit zu erhalten oder an veränderte Bedrohungsszenarien anzupassen. "Auch 'neue' Gefährdungslagen - Cyberwar, Terrorismus und Handelskriege - stellen die strategische Bedeutung dieser Waffensysteme fundamental infrage."

Am 6. August 1945 warfen US-Piloten eine Atombombe über Hiroshima ab. Laut dem Internationalen Roten Kreuz (IKRK) wurden in Hiroshima rund 70.000 Menschen sofort getötet. Drei Tage später fiel eine Atombombe auf Nagasaki. Weitere Zehntausende Menschen kamen sofort ums Leben. Mit den Angriffen wollten die USA im Zweiten Weltkrieg Japan zum Aufgeben zwingen. Bis 1950 starben laut IKRK insgesamt 340.000 Menschen an den Folgen wie Verstrahlungen, weitere in den Folgejahren. Die Überlebenden der Atomkatastrophe werden im Japanischen "Hibakusha" genannt.

Heute verfügen laut dem Friedensforschungsinstitut Sipri neun Staaten über 13.400 teilweise hochmoderne Sprengköpfe, von denen mehr als 3.700 gefechtsbereit sind. Die USA und Russland kontrollieren über mehr als 90 Prozent der Kriegsinstrumente.

Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki (von Nils Sandrisser, epd)

Die Bilder vom Atompilz über Hiroshima sind zum Symbol für den nuklearen Schrecken geworden: Mehr als 200.000 Menschen starben nach dem Abwurf der ersten Atombomben durch die US-Luftwaffe.

Der Bomber, der am frühen Morgen des 6. August 1945 auf Japan zufliegt, transportiert die Waffe mit der bis dahin größten Vernichtungskraft: die mehr als vier Tonnen schwere Atombombe "Little Boy". US-Präsident Harry Truman hat sich entschlossen, sie einzusetzen.

Zehntausende Menschen sind sofort tot. Sie sterben in den Trümmern zusammenstürzender Gebäude oder verbrennen in Sekundenschnelle im Feuerball, der noch am Boden Temperaturen von 6.000 Grad Celsius erreicht. 80 Prozent der überwiegend aus Holz gebauten Häuser Hiroshimas sind zerstört, der Atompilz steigt 13 Kilometer hoch in die Atmosphäre. Wer die Explosion überlebt, hat oft schwere Verbrennungen erlitten.

Nach einigen Tagen beginnt die Strahlenkrankheit: Die Opfer erbrechen sich, haben Durchfall, bluten aus Mund und Nase und leiden unter Geschwüren. In den Wochen und Monaten nach dem Angriff sterben qualvoll noch einmal 70.000 bis 100.000 Menschen. Im Oktober 1945 verbietet die US-Besatzung zunächst alle Fotografien und Filmaufnahmen von Hiroshima, damit das Ausmaß der Zerstörung nicht öffentlich wird.

Am 9. August explodiert eine weitere Atombombe über Nagasaki. Insgesamt sterben in Hiroshima und Nagasaki 90.000 Menschen sofort, weitere 130.000 bis Ende des Jahres an den Folgen des Atombombenabwurfs.

Die Strahlenschäden seien bis ins hohe Lebensalter nachweisbar, stellen die "Internationalen Ärzte zur Verhütung eines Atomkriegs" (IPPNW) fest. Das Risiko für zahlreiche Krebserkrankungen sei bei den Überlebenden bis vor wenigen Jahren stetig gestiegen und heute bei über 80-Jährigen immer noch signifikant erhöht. Seit kurzem steige zudem die Zahl der Herzinfarkte bei Überlebenden. Auf der ganzen Welt wird am 6. August der Opfer gedacht.