TV-Tipp: "In Wahrheit - Jette ist tot"

Altmodischer Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "In Wahrheit - Jette ist tot"
7.8., Arte, 20.15 Uhr
Als das ZDF 2017 den Montagskrimi "In Wahrheit – Mord am Königsgraben" gezeigt hat, deutete nicht nur der Titel darauf hin, dass das "Zweite" mit Heldin Judith Mohn Größeres im Sinn haben könnte; gerade die private Konstellation der Kommissarin (Christina Hecke) aus Saarlouis ließ einige Fragen offen. Mittlerweile gibt es bereits vier Filme.

Arte wiederholt heute den zweiten Fall (2018), in dem die Hauptfigur persönlich betroffen ist: Jette, die 16-jährige Tochter einer Freundin, ist ermordet worden. Zunächst orientiert sich die Handlung am üblichen Krimimuster, weil die Ermittlerin der Reihe nach jeden Mann aus Jettes Umgebung ins Visier nimmt: den Freund, den Dealer, den Vater. Als die Kommissarin zufällig rausfindet, dass jemand Jettes Webcam manipuliert hat, sodass das Mädchen jederzeit beobachten werden konnte, führt die Spur ins Internet: Ein mysteriöser junger Mann, der schon die ganze Zeit wie ein Phantom durch den Film geschlichen ist, hat es offenbar nicht nur auf Jette, sondern auch auf ihre 14-jährige Schwester Sarah (Emilie Neumeister) abgesehen. Das Mädchen hat sich in einen Chatpartner namens Leo verliebt und dem Unbekannten bereits verführerische Fotos geschickt. Mohn ist überzeugt, dass dieser Leo Jette auf dem Gewissen hat und nun auch Sarah in Gefahr ist; aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Der erste Film war vom bewährten Duo Harald Göckeritz (Buch) und Miguel Alexandre (Regie), das Drehbuch zum zweiten stammt von Mathias Schnelting, der bislang vor allem für die ZDF-Krimireihe "Helen Dorn" tätig war. Die Regie besorgte der erfahrene Matthias Tiefenbacher, dessen Inszenierungen immer sehenswert sind; er hat für die ARD unter anderem alle vier bisherigen "Tel Aviv"-Krimis gedreht und war maßgeblich am Erfolg der "Kommissar Dupin"-Filme beteiligt. Ähnlich wie Alexandre in "Mord am Königsgraben" setzt Tiefenbacher nicht auf vordergründigen Nervenkitzel. Die Spannung entsteht in erster Linie durch das komplexe Figurengeflecht, zumal sich Judith am Tod Jettes mitschuldig fühlt: In der Mordnacht gab es eine Party-Razzia, als die Polizei nach einem belgischen Drogendealer gesucht hat; Jette war ebenfalls auf der Party. Die Kommissarin hat sie nach Hause geschickt, aber dort ist sie nie angekommen; ihre Leiche wurde am nächsten Morgen im Kofferraum des Dealerautos gefunden. Dass es wenige Tage zuvor einen lautstarken Streit zwischen dem Mädchen und seinem Vater Frank (Hary Prinz) gegeben hatte, gehört noch zu den üblichen Krimizutaten; außerdem hat der Mann ein falsches Alibi angegeben. Interessant wird diese Ebene, weil Frank mit Judiths düsterem und von viel Weltschmerz umwölktem Ehemann Niklas (Juergen Maurer) befreundet ist. Außerdem gehört er zu einer in der Nähe stationierten Luftlandedivision, deren Übungen einen reizvollen Hintergrund für seine Befragungen bieten.

Tiefenbachers Qualität zeigt sich nicht zuletzt in der sensiblen Inszenierung jener Szene, in der Judith ihren Freunden die Todesnachricht überbringt; solche Momente sind immer heikel, aber der Regisseur findet einen perfekten Mittelweg zwischen emotionaler Nähe und taktvoller Distanz. Natürlich entwickelt der Film seinen Reiz über die Geschichte und die Mördersuche, aber gerade auch dank der vorzüglichen darstellerischen Leistungen ist das Zusammenspiel der Figuren beinahe interessanter. Das gilt vor allem für die Beziehung zwischen der Kommissarin und ihrem älteren Kollegen Zerner (Rudolf Kowalski). Der Polizist im Ruhestand kümmert sich um straffällig gewordene Jugendliche, zu denen auch Jettes Freund gehört; der erfahrene Ex-Kollege ist genau der Richtige, wenn Judith einen Partner für Ermittlungen braucht, die nicht ganz legal sind. Ähnlich kurzweilig ist das Verhältnis zwischen der Kommissarin und ihrem jüngeren Mitarbeiter Freddy (Robin Sondermann). Er würde offenkundig gern die Lücke füllen, die Niklas' Abwesenheit an Judiths Seite hinterlässt, muss aber damit leben, dass sie ihm ständig Abfuhren erteilt; auch in beruflicher Hinsicht.

Sehenswerte Dritte im Ermittlerbund ist Lisa, offenbar ein Computergenie, und da die junge Jeanne Goursaud viel mehr aus der Rolle rausholt, als drinsteckt, kann es eigentlich nur eine Frage der Zeit sein, bis sie eine Hauptrolle in einem ZDF-Sonntagsfilm bekommt und anschließend durchstartet. Nicht nur wegen Goursaud lohnt sich das Hinschauen; Kameramann Hanno Lentz hat zudem für schöne Herbstbilder gesorgt. Wie fast immer in den ZDF-Krimis ist auch die akustische Ebene mehr als bloß ein Hintergrundrauschen: Christoph Zirngibl hat genau die richtige Musik komponiert und sorgt zum dramatischen Finale für eine angemessene Spannungssteigerung. Ungewöhnlich ist schließlich die Lösung, die der Film für den Chat-Austausch zwischen Sarah und ihrem Internetfreund gefunden hat: Anstatt Darstellerin Emilie Neumeister Sarahs Nachrichten laut mitlesen zu lassen, was immer äußerst ungelenk wirkt, spricht sie die Sätze direkt in die Kamera; ein einfacher, aber verblüffend wirkungsvoller Effekt, der erst recht verdeutlicht, welche Bedeutung diese virtuelle Beziehung für sie hat.

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