Politologin zu "NSU 2.0": Täter wollen Frauen disziplinieren

Politologin zu "NSU 2.0": Täter wollen Frauen disziplinieren
16.07.2020
epd-Gespräch: Elisa Makowski
epd

Frankfurt a.M. (epd). Hinter den mit "NSU 2.0" unterschriebenen rechtsextremen Schreiben gegen prominente Frauen vermutet die Wiener Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer einen ganz bestimmten Tätertypus. "Das sind Männer mit einer tiefen narzisstischen Kränkung, die Frauen, die nicht in ihr Weltbild passen, geradezu vernichten wollen, um das eigene Ego wiederherzustellen", sagte Sauer dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Donnerstag in Frankfurt am Main. Diese Männer verfolgten als Ideal eine ganz bestimmte Männlichkeit, die von Gewalt und Ausgrenzung von anderen bestimmt sei, sagte Sauer, die an der Universität Wien zu Rechtsextremismus und Geschlecht forscht.

Mit "NSU 2.0" unterzeichnete Todesdrohungen gingen in den vergangenen Wochen unter anderen an Politikerinnen der Linken und an die Kabarettistin Idil Baydar. Die Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz erhält bereits seit 2018 Morddrohungen. Das vorherige Abrufen persönlicher Daten der Betroffenen aus Polizeicomputern in Frankfurt und Wiesbaden nährt den Verdacht eines rechten Netzwerks unter hessischen Polizisten.

Die prominenten Frauen, die die Drohmails erhielten, überschritten aus Sicht der rechtsextremen Täter Geschlechtergrenzen, sagte Sauer. "Dafür müssen sie diszipliniert werden, man versucht ihnen Angst zu machen." Diese vermeintliche Grenzüberschreitung von Frauen, die sich in Wort und Tat gegen Rechtsextremismus einsetzten, werde als Anmaßung gesehen, sagte Sauer.

Dabei habe sich auch die rechte Szene verändert: Immer mehr rechte Frauen emanzipierten sich von der ihnen zugeschriebenen Mutter-Rolle. Dadurch sei in rechten Gruppierungen ein Spannungsfeld entstanden, das sich in einer viel größeren Aggressivität und Härte gegen Frauen richtet, die außerhalb rechter Gruppierungen stünden. "Diese Frauen werden verachtet und dahinter steht eine ganz, ganz tiefsitzende Vorstellung, dass nicht alle Menschen gleichwertig sind."

Auf den ersten Blick wirke das Vorgehen des Täterkreises "dumm", stellte Sauer fest. Doch das sei Strategie. "Die Täter wollen entdeckt werden und damit zeigen: Wir sind bereits im Zentrum der Macht", sagte die Politikwissenschaftlerin. "Anscheinend haben sie ein Netzwerk, in dem sie sich geschützt fühlen können." In den vergangenen Jahren sei immer wieder eine Überschneidung von Rechten und dem Personal in Sicherheitsbehörden bekannt geworden.