Debatte um Hagia Sophia reißt nicht ab

Debatte um Hagia Sophia reißt nicht ab
Europäische Kirchen: Umwandlung in Moschee «unangemessen und gefährlich»
Die Hagia Sophia in Istanbul war rund 1.000 Jahre lang die Hauptkirche des orthodoxen Christentums. Dann wurde sie zur Moschee und darauf zum Museum. Ende Juli soll sie wieder zur Moschee werden - der Protest gegen diese Entscheidung ebbt nicht ab.

Die Proteste gegen die Umwandlung der Hagia Sophia in Istanbul von einem Museum in eine Moschee gehen weiter. Die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) brachte am Mittwoch in Brüssel ihr "tiefes Bedauern" darüber zum Ausdruck. Das durch die türkische Regierung unterstützte Vorgehen könne religiösem Hass und Gewalt den Boden bereiten, erklärte der Dachverband am Mittwoch in Brüssel. Der KEK-Präsident, der französische Protestant Christian Krieger, rief dazu auf, die Pläne durch diplomatische Mittel noch zu verhindern. Das erste muslimische Freitagsgebet in der Hagia Sophia soll am 24. Juli stattfinden.

"Wir fordern die Unesco auf, konkrete Schritte gegenüber der türkischen Regierung zu unternehmen, um die Umwandlung des Weltkulturerbes Hagia Sophia zu verhindern", heißt es in einem Schreiben an Unesco-Generalsekretärin Audrey Azoulay und die Direktorin des Unesco-Welterbezentrums, Mechtild Rössler. Die Umwandlung der historischen Stätte von einem Museum in eine Moschee sei "unangemessen und gefährlich". Die KEK vereint mehr als 100 protestantische, orthodoxe, anglikanische und altkatholische Kirchen in ganz Europa, darunter auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Von den großen Konfessionsfamilien sind nur die Katholiken nicht Mitglied.

Die Hagia Sophia wurde als "Kirche der göttlichen Weisheit" im Jahr 537 geweiht und war fast ein Jahrtausend lang die christliche Hauptkirche Konstantinopels. Als die Osmanen 1453 die Stadt eroberten, wurde sie zur Moschee umfunktioniert. 1935 wurde sie in ein Museum umgewandelt. Die Hagia Sophia ist als Teil der Altstadt von Istanbul seit 1985 Unesco-Weltkulturerbe. Sowohl Christen als auch Muslime erheben Anspruch auf die ehemalige christliche Kirche.

Der Integrationsforscher Haci-Halil Uslucan hält die Umwandlung für rational nicht nachvollziehbar. Das Paradoxe am Urteil des Obersten Verwaltungsgerichts der Türkei sei, dass es keinerlei Bedarf an mehr Gebetsraum für Muslime in Istanbul gebe, sagte der Professor und Wissenschaftliche Leiter am Zentrum für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen dem Evangelischen Pressedienst (epd): "Die Blaue Moschee schräg gegenüber ist noch nicht einmal gefüllt."

Möglich sei zudem ein wirtschaftlicher Schaden durch den Rückgang des Städtetourismus, denn die Hagia Sophia trage als Sehenswürdigkeit zur Attraktivität Istanbuls wesentlich bei und sei eine große Einnahmequelle. "Wirtschaftlich betrachtet ist das ein Schuss ins Knie", sagte Uslucan. Man könne daher nur über innen- sowie außenpolitische Gründe für dieses Vorhaben spekulieren.

Nach Angaben der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen empfinden christliche Minderheiten im Nahen Osten das Vorhaben als Angriff auf ihre religiösen Rechte und als hinderlich für das friedliche Miteinander. Sie seien zusätzlich von den zögerlichen Reaktionen westlicher Regierungen und Kirchen "auf diese aggressive Islamisierungspolitik" enttäuscht. "Der Westen schütze und stütze die Politik der Türkei gegenüber der schwindenden christlichen Minderheit im Land - dieses Gefühl äußern derzeit viele in den sozialen Medien im Nahen Osten", sagte der Nahostexperte der Gesellschaft für bedrohte Völker, Kamal Sido.

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