Bildungsforscher: "Der Rassismus ist in unseren Köpfen"

Bildungsforscher: "Der Rassismus ist in unseren Köpfen"
12.07.2020
epd-Gespräch: Miriam Bunjes
epd

Bochum (epd). Der Bochumer Bildungsforscher Karim Fereidooni fordert eine Auseinandersetzung "mit den rassistischen Bildern in unseren Köpfen". "Wir reden von einem Trugbild, das seit Jahrhunderten transportiert wird und unser Denken und Handeln bestimmt." Rassismus schade allen, sagte Fereidooni dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Rassistische Vorstellungen erlernten schon kleine Kinder. "Schon ab dem Alter von etwa drei Jahren erkennen Kinder, welche Machtpositionen Menschen haben und welche Muster dahinterstehen", sagt der Juniorprofessor, der an der Ruhruniversität zu Rassismus an Schulen forscht und lehrt. So lernten Kinder zum Beispiel, dass Männer mit weißer Haut für wichtige Berufe und Entscheidungen stehen.

Transportiert würden die Einstellungen durch Alltagsbeobachtungen, aber auch durch Figuren in Kinderbüchern. "So wird Rassismus erlernt - und zwar von allen."

Eine wichtige Rolle spielten auch Schulinhalte und -materialien. Die sollten "dringend überprüft werden", fordert Fereidooni. "Kommt Rassismus jenseits der NS-Zeit überhaupt als Thema vor?", nennt er ein Beispiel. "Sonst kommt bei den Schülern auch an: Rassismus, das haben die Nazis gemacht, und das ist jetzt zu Ende."

Auch die Kolonialzeit komme in der Schule zu kurz, obwohl sie stark nachwirke. "Das Bild vom arabischen Macho hat Traditionen aus der Zeit der Kreuzzüge, die Idee von Menschenrassen mit unterschiedlichen Eigenschaften kommt aus der Kolonialzeit."

Für Fereidooni ist deshalb klar, dass das Wort "Rasse" aus dem Grundgesetz verschwinden muss. "Es gibt keine biologischen Menschenrassen: Das Konstrukt wurde erschaffen, um Kolonialismus zu rechtfertigen." Sprache bestimme erwiesenermaßen das Bewusstsein, "Rasse" im Grundgesetz legitimiere und verfestige die falsche Kategorie. Deshalb müsse das Wort gestrichen werden. "Es ist wichtig, hier Symbolpolitik zu betreiben - und zu symbolisieren, dass es Rasse nicht gibt."

Für Lehrer fordert Fereidooni verpflichtende Fortbildungen zum Thema Rassismus. Dabei könne sich das Schulsystem die Ärzte zum Vorbild nehmen, die in einem bestimmten Zeitraum eine gewisse Anzahl an Fortbildungspunkten sammeln müssen. "Wie man Rassismus erkennt, rassistische Vorgänge zwischen Schülerinnen aufdeckt und klärt, kann niemand einfach so", sagt Fereidooni. "Aber Sensibilität dafür kann man lernen."