Familienbonus reicht nicht aus

Familienbonus in Corona-Krise ist zu gering.

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Für bedürftige Eltern ist der Familienbonus von 300 Euro pro Kind doch eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Bei Familie Pfetzing-Hintze geht das Geld ins Essen und ist schnell aufgebraucht.

Familienbonus reicht nicht aus
Diakonie fordert weitere Hilfen für gering verdienende Haushalte
300 Euro pro Kind: Der Bund will mit dieser Einmalzahlung die Finanznot von Familien in der Corona-Krise lindern. Gut gemeint, aber nicht ausreichend, meinen diejenigen, die gerade so über die Runden kommen. Experten der Diakonie fordern weitere, dauerhafte Hilfen.
03.07.2020
Martina Schwager
epd

Enya (2) balanciert einen Löffel voll Joghurt zum Mund und grinst. Bruder Arvid (5) mümmelt an einem Stück Abendbrot, das seine Mutter Julia Pfetzing-Hintze (41) ihm in den Mund geschoben hat. Sein Kopf kippt auf die Brust, nach rechts, nach links. Die Mutter legt die Hand auf Arvids Stirn und drückt den Kopf sanft an die Stütze seines Rollstuhls: "Kopf hoch!" ermahnt sie ihn. Der Fünfjährige ist schwer körperbehindert. "Ooohhh, Arvid geht gleich ins Bett", sagt Papa Danielo Hintze (37) mit gespieltem Bedauern. Die kurze Szene am Abendbrottisch in Neustadt am Rübenberge zeigt eine heile Familienwelt, die unter Corona-Bedingungen nicht leicht aufrechtzuerhalten ist.

Kitas und Spielplätze wurden geschlossen oder sind nur eingeschränkt geöffnet. Pfetzing-Hintze verlor ihren Teilzeit-Job. Jetzt bleibt nur das Gehalt ihres Mannes, der als Zivilist bei der Materialbewirtschaftung der Bundeswehr arbeitet. Über den Familienbonus des Bundes von 600 Euro, den sie bald mit dem Kindergeld ausgezahlt bekommen werden, kann sie sich nicht so recht freuen: "Das ist ja ganz nett, aber doch eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Bei uns geht das Geld ins Essen und ist schnell aufgebraucht. Etwas Schönes können wir uns davon nicht leisten."

Wie für die Pfetzing-Hintzes war die Corona-Zeit bislang für viele Familien vor allem mit Kleinst- und Kleinkindern eine Herausforderung, sagt auch Janet Breier, die im Diakonieverband Hannover-Land die Familienunterstützung für junge Eltern koordiniert. Es treffe vor allem Mütter, die die Mehrbelastung der Kinderbetreuung oft alleine tragen müssten, und diejenigen Familien, die ohnehin an der Armutsgrenzen lebten. "Da ist so ein Bonus punktuell gut, aber dauerhaft bringt er keine Entlastung." Der Einmal-Bonus von 300 Euro pro Kind dürfe nicht das Ende der staatlichen Unterstützung für Familien in der Corona-Krise sein. "Die Corona-Krise darf nicht zu einer Armutskrise werden."

Steigende Preise, expoldierende Kosten

Hans-Joachim Lenke, Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen, sieht in der Einmalzahlung zwar "ein gutes Signal für Familien mit Kindern". Zumal der Bonus nicht auf die Grundsicherung angerechnet wird. Für Geringverdiener fordert aber auch er weitere staatliche Hilfen: "Was wir brauchen, ist eine pauschale monatliche Zahlung an alle Familien, die Bezieher von Grundsicherung, Wohngeld und Kinderzuschlag sind, so lange die Corona-Maßnahmen andauern."

Das würde auch Pfetzing-Hintze für sinnvoll halten: "Damit könnte ich planen." Allein die Kosten für den Wocheneinkauf hätten sich seit März auf knapp 200 Euro mehr als verdoppelt. Sie musste für beide Kinder, die sonst in der Kita essen, mittags kochen. Die Lebensmittelpreise seien gestiegen. Dann haben sie noch ein Planschbecken für den Garten angeschafft. "Insgesamt hatten wir bislang Mehrausgaben von 1.000 bis 1.500 Euro."

Video-Statements  zum Familienbonus

Zu den finanziellen Sorgen kam noch der ungewohnte Betreuungsalltag, der an den Nerven zehrte, sagt Pfetzing-Hintze. Auf dem Spielplatz hangelt Enya wie ein Profi am Klettergerüst. Doch eine Zweijährige kann sich nicht lange alleine beschäftigen. Und Arvid braucht bei allem Unterstützung. Der Fünfjährige hat durch Sauerstoffmangel während der Geburt eine Muskelspastik, kann seine Bewegungen kaum kontrollieren, nicht sprechen, nicht laufen, nicht selbstständig essen oder trinken. "Selbst spielen muss jemand für ihn", sagt die Mutter. Für fast vier Monate war dieser jemand meistens sie alleine. "Ich war 24 Stunden sieben Tage die Woche für ihn zuständig."

Ungewissheit: Kommt die zweite Welle?

Immerhin geht Arvid mittlerweile wieder von 8 bis 15 Uhr in seinen heilpädagogischen Kindergarten. Für Enya hat der Kindergarten gerade in dieser Woche wieder begonnen - an drei Tagen. Nach einem neuen Job will sich die Friseurmeisterin noch nicht umschauen: "Ich weiß ja nicht, wie es weitergeht. Vielleicht kommt eine zweite Corona-Infektionswelle. Und dann kann es ganz schnell gehen, dass die Kinderbetreuung wieder eingestellt wird."

Doch Trotz aller Probleme kann die 41-Jährige den Beeinträchtigungen durch Corona auch etwas Positives abgewinnen. Vor allem Arvid habe die gewonnenen Stunden mit Mama und Papa genossen. "Er konnte lange schlafen, ohne Zeitdruck den ganzen Vormittag im Garten sein. Wir haben alle viel mehr Zeit miteinander verbracht. Das war toll."