New Yorker Pfarrerin Groß gegen Pauschalurteil über US-Polizei

Miriam Groß

© epd-bild/Renate Haller

Miriam Groß ist seit 2014 Pfarrerin der deutschsprachigen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in New York.

New Yorker Pfarrerin Groß gegen Pauschalurteil über US-Polizei
Die New Yorker Pfarrerin Miriam Groß wendet sich angesichts der Protestwelle in den USA gegen eine pauschale Verurteilung der amerikanischen Polizei. "Diese Schwarz-Weiß-Malerei empfinde ich als ganz schwierig", sagte die Gemeindepfarrerin der Deutschen Evangelisch-Lutherischen St.-Pauls-Kirche in New York dem epd.
03.06.2020
epd-Gespräch: Stephan Cezanne
epd

Aus ihrer Stadt kenne sie ein Bild der Polizei, "die da ist und hilft und unterstützt und freundlich ist", so die Auslandspfarrerin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die auch Polizeiseelsorgerin ist. "Die New Yorker Polizisten haben ein Antirassismus- und Deeskalationstraining absolviert. Sie werden nicht dazu ausgebildet, dass sie Leute erschießen". "Wie die Ausbildung im Rest der USA aussieht, weiß ich nicht", räumte sie ein. Die Protesteste hatten sich entzündet nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz im Bundesstaat Minnesota.

epd: Seit Tagen kommt es auch in New York zu Demonstrationen gegen Polizeigewalt, Rassismus und soziale Ungerechtigkeit nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd. Wie haben Sie die vergangenen Tage und Nächte erlebt?

Miriam Groß: Ich habe sehr unruhige Tage und Nächte erlebt. Die Tage sind etwas ruhiger und friedvoller, die Nächte sind natürlich auch mit Angst besetzt. Die nächtliche Ausgangssperre in New York wurde verschärft von 20 Uhr bis 5 Uhr früh. Die Situation ist für die Menschen hier schon sehr belastend.

Wer geht in New York auf die Straße?

Groß: In New York gehen alle Schichten auf die Straße. Die Wut und Aufregung geht durch alle Schichten und durch alle Couleur. Das sind nicht nur Afroamerikaner, Latinos und Asiaten, das sind auch Weiße, die sich solidarisieren und ein Zeichen setzen wollen. Selbst der New Yorker Polizeichef Terence Monahan hat sich mit den Demonstranten solidarisiert, indem er sich in aller Öffentlichkeit symbolisch niederkniete.

Was bekommen Sie von den Plünderungen mit?

"Ich möchte diese Gewalt nicht rechtfertigen, aber diese Plünderungen sind auch ein Ausdruck der Verzweiflung."

Groß: Solche Plünderungen gibt es selbst an der 5th Avenue. Zudem haben Großmärkte wie Target ihre Geschäfte geschlossen. Ich möchte diese Gewalt nicht rechtfertigen, aber diese Plünderungen sind auch ein Ausdruck der Verzweiflung. Brutalität ist von keiner Seite zu rechtfertigen, und Plünderungen sind eine Straftat, ohne Wenn und Aber. Aber man kann diesen Ausbruch durchaus auch psychologisch erklären.

Wie beurteilen Sie die Rolle von US-Präsident Trump in dieser Situation, etwa seinen jüngsten Auftritt vor einer Kirche in Washington mit einer Bibel in der Hand?

"Das, was Trump getan hat, war kein versöhnendes Handeln."

Groß: Ich empfand diese Zeichenhandlung als zutiefst verstörend. Wir als Kirche müssen die Welt daran erinnern, dass wir eine von Gott geliebte und versöhnte Welt sind. Das, was Trump getan hat, war kein versöhnendes Handeln.

Wie empfinden sie die Arbeit der Polizei in dieser Situation, von außen erscheint die Polizei ja oft als Aggressor?

Groß: Diese Schwarz-Weiß-Malerei empfinde ich als ganz schwierig. Ich kenne ein ganz anderes Bild von der Polizei. Das von einer Polizei, die da ist und hilft und unterstützt und freundlich ist. Ich weiß von Polizisten, die in Demonstrationen angespuckt und mit Schimpfwörtern überzogen werden. Das ist schrecklich.