Historiker: 1520 war für Luthers Biografie bedeutender Einschnitt

Bannbulle von Papst Leo X. an den Reformator Martin Luther

© epd-bild/Thomas Lohnes

Original einer fast 500 Jahre alten Bannandrohungsbulle von Papst Leo X. gegen Martin Luther. Mit der Bulle forderte Papst Leo X. den Reformator unter Androhung des Kirchenbanns zum Widerruf seiner Lehren auf, die er als ketzerisch erklärte.

Historiker: 1520 war für Luthers Biografie bedeutender Einschnitt
Der Historiker Volker Reinhardt sieht in der päpstlichen Bannandrohungsbulle von 1520 einen entscheidenden Katalysator für die Biografie des Reformators Martin Luther (1483-1546).
16.06.2020
Franziska Hein
epd

"Der 15. Juni 1520 ist ein erinnerungswürdiger Tag in der persönlichen Lebensgeschichte Luthers und in der Geschichte der beginnenden Reformation", sagte Reinhardt dem epd. Am 15. Juni vor 500 Jahren hatte der damalige Papst Leo X. Luther den Ausschluss aus der katholischen Kirche angedroht, wenn er seine 95 Thesen nicht widerrufe. Luther hatte 1517 in Wittenberg seine Thesen zur Reform der Kirche veröffentlicht, in denen er den damals verbreiteten Ablasshandel kritisierte und die Macht des Papstamts infrage stellte.

Die Bannandrohungsbulle sei ein "Point of no Return" gewesen. Von da an sei eine Verständigung zwischen dem Vatikan und Luther nicht mehr möglich gewesen. "Die endgültige Bannbulle vom 3. Januar 1521 ist dann eigentlich nur noch das Siegel unter diese Bulle", sagte Reinhardt.

Das päpstliche Siegel auf der Bulle.

Nach Luthers Exkommunikation folgt sein Auftritt auf dem Reichstag in Worms, wo er nach eigener Darstellung den zum Mythos gewordenen Satz "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" aussprach. Luther taucht infolgedessen auf der Wartburg unter und übersetzt das Neue Testament ins Deutsche.

Ein "Wunderjahr" für Luthers Produktivität

Reinhardt ist überzeugt, dass der Konflikt zwischen dem Papst und Luther so ausgetragen werden musste. Dahinter stünden zwei unvereinbare Auffassungen vom Papstamt. Die 95 Thesen hätten sehr radikale Forderungen aufgestellt. "Der Papst selbst war davon überzeugt, dass er Zugriff auf das Jenseits hat, dass er arme Seelen aus dem Fegefeuer erlösen kann. Er sieht sich als Verkörperung der Kirche und beansprucht das theologische Deutungsmonopol und die Auslegung der Bibel. All das wird ihm von Luther strittig gemacht", erläuterte der Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg in der Schweiz.

Dass Luther mit dem Ausschluss aus der Kirche bedroht wurde, sei für ihn der Beweis dafür gewesen, dass die Kirche gegen das Papsttum neu aufgebaut werden muss. "Dass der Papst der Anti-Christ ist, wird zur tragenden Säule seines Selbstverständnisses. Er sieht sich von Gott als Kämpfer gegen diesen Anti-Christen aufgerufen", erklärte Reinhardt. 

Bildergalerie

Wo der Reformator wirkte - Lutherorte im Wandel der Zeit

Die Wartburg in Eisenach, Innenhof

Foto: Photochrom Prints Collection/wikipedia/epd-bild/Norbert Neetz

Die Wartburg in Eisenach, Innenhof

Foto: Photochrom Prints Collection/wikipedia/epd-bild/Norbert Neetz

Links: ca. 1890, Rechts: 2010

Im hinteren Gebäude, der Burgvogtei, hielt Friedrich der Weise von Sachsen Martin Luther als "Junker Jörg" vom 4. Mai 1521 bis zum 1. Mâ€rz 1522 versteckt, um ihn vor den Folgen der Reichsacht zu schützen. Luther ließ sich Bart und üppige Haartracht eines Ritters wachsen, trug vornehme Gewänder und ein Schwert an der Seite. In dieser Zeit, genauer: in nur zehn Wochen, übersetzte Luther das Neue Testament vom griechischen Urtext ins Deutsche. Aufgrund ihrer Bedeutung für die Reformation und ihrer bewegten Geschichte ist die Wartburg heute eine der bekanntesten Burgen Deutschlands und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Lutherstube in der Vogtei der Wartburg in Eisenach

Foto: akg-images/epd-bild/Norbert Neetz

Links: ca. 1905, Rechts: 2010

In diesem Raum hielt sich Martin Luther als "Junker Jörg" versteckt. Aus seinen zahlreichen Briefen geht hervor, als wie einsam er sein Exil empfand. Auch berichtete er über seltsames Poltern in den alten Gemäuern, worin er den Teufel zu hören glaubte. Mit keinem Wort aber erwähnte er, was ihm später nachgesagt wurde: dass er mit einem Tintenfass nach dem Teufel geworfen hätte. Diese bildhafte Legende vom Streit des Reformators mit seinem gottlosen Widersacher gehört erst seit dem 17. Jahrhundert zum festen Repertoire der Wartburggeschichten. Die Stelle links neben dem Kachelofen hatte man mit dem passenden Tintenfleck dazu versehen und diesen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder aufgefrischt. Die Wandgemälde wurden im Laufe der Jahre umarrangiert. U. a. sind zu sehen: Ein Bildnis Martin Luthers als "Junker Jö†rg" (Kopie von H. Müller nach Lucas Cranach d. Ä., 1522). Auf dem Kastentisch aus Eiche (vor 1600) liegt das "September-Testament", ein Faksimilie des Neuen Testaments von Martin Luther. Der süddeutsche "Lutherstuhl" ist eine Kopie des 19. Jahrhunderts, daneben ein Walwirbel, der als Fu߂schemel diente. An der Wand neben dem Kaminofen ein nicht datiertes Fabelwesen aus Weichholz.

Die Schlosskirche in Wittenberg

Foto: akg-images/Lucas Cranach d.Ä./akg-images/Florian Monheim

Links: 1509, Mitte: ca. 1910, Rechts: 1998

Die Schlosskirche in Wittenberg wurde um 1506 auf den Grundsteinen des ursprünglichen Schlosses von Conrad Pflüger erbaut und 1883-92 durch J. H. F. Adler umgebaut, nachdem sie in den Kriegswirren des 18. Jahrunderts teilweise zerstört wurde. Hier ist der Ort, an dem am 31.10.1517 Luther seine 95 Thesen angeschlagen haben soll, am Haupteingang (linke Tür im linken Bild). Dieses Szenario gilt allerdings heute als historisch unsicher und ist möglicherweise der Legendenbildung nach Luthers Tod zuzurechnen. In der Kirche haben Martin Luther und sein Freund Philipp Melanchthon ihre letzte Ruhe gefunden, ihre Gräber können im Kircheninneren besichtigt werden. Die Wittenberger Schlosskirche ist verzeichnet als UNESCO Welterbe.

"Luthers Sterbehaus" in Eisleben

Foto: akg-images/epd-bild/Steffen Schellhorn

Links: 1880, Rechts: 2009

Bei dem zweigeschossigen heutigen Museumsgebäude am Eislebener Andreasplatz handelt es sich nicht um das originale Sterbehaus von Martin Luther. Dem Ankauf durch die Stadt Eisleben und die Einrichtung einer Gedenkstätte 1894 lagen Angaben eines Chronisten zugrunde, der jedoch zwei Häuser miteinander verwechselt hatte. Erst vor einigen Jahren wurde herausgefunden, dass Luther in einem Haus am Markt in Eisleben verstarb, das nicht mehr vorhanden ist.

"Luthers Sterbezimmer" in Eisleben

Foto: akg-images/Bildarchiv Monheim/akg-images

Links: ca. 1921, Rechts: 1998

Am 28. Januar 1546 reiste Martin Luther nach Eisleben, um Streitigkeiten der Mansfelder Grafen zu schlichten. Zu dieser Zeit war Luther bereits durch Krankheit geschwächt, führt aber dennoch die Verhandlungen erfolgreich zu Ende. In der Nacht vom 17. zum 18. Februar starb Martin Luther im Alter von 62 Jahren in Eisleben. Den Mittelpunkt des Museums "Luthers Sterbehaus" bilden die in den Sterbeberichten genannten Räume: Schlafkammer, Sterberaum und Verhandlungszimmer. 1894 wurden die Räume "historisch" ausgestattet. Zu den wichtigsten Ausstellungsobjekten im Museum gehören das originale Bahrtuch von Luthers Sarg und die Totenmaske.

Luthers Geburtshaus in Eisleben

Foto: akg-images/epd-bild/Steffen Schellhorn

Links: ca. 1921, Rechts: 2008

In diesem Haus wurde der Reformator am 10.11.1483 geboren. Es wurde Mitte des 15. Jahrhunderts als bürgerliches Wohnhaus gebaut. Luthers Vater mietete es 1483 kurz vor der Geburt des Sohnes. Schon wenige Monate später zog die junge Familie jedoch weiter nach Mansfeld, wo sie sich niederließ und Luther seine Kinder- und Jugendjahre verbrachte. Seit 1693 wurde in Luthers Geburtshaus eine Armenschule betrieben, 1817 ließ der preußische König Friedrich Wilhelm III. im Hof des Geburtshauses einen Schulneubau errichten, die Lutherarmenschule. Bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde im Geburtshaus eine Gedenkstätte für Lutherpilger errichtet. Seine heutige Fassade erhielt das Geburtshaus durch Erneuerungsarbeiten nach einem Stadtbrand 1689. Seit dem 19. Jahrhundert ist das Geburtshaus ein Museum, das in den Jahren 2005 bis 2007 umfassend saniert und erweitert wurde. Seit 1996 zählt Luthers Geburtshaus zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Das Lutherhaus in Wittenberg

Foto: akg-images/Eduard Dietrich/epd-bild/Norbert Neetz

Links: 1826, Rechts: 2012

Im 1504 bis 1507 ursprünglich als Augustinerkloster errichteten Lutherhaus in der Collegienstraße lebte Martin Luther von 1508 an als Mönch, von 1525 an dann zusammen mit seiner Ehefrau Katharina von Bora und ihren gemeinsamen Kindern, als Ehemann und Vater. Als Professor der Theologie arbeitete er hier, schrieb und hielt Vorlesungen vor Studenten aus ganz Europa. Die Erben verkauften das Haus 1564 an die Wittenberger Universität. Nach 1816 nutzte das evangelische Predigerseminar das Gebäude und 1834 wurde im Erdgeschoss eine Armenfreischule eingerichtet. Seit 1883 ist das Haus als Museum für Besucher geöffnet und heute das weltweit größte reformationsgeschichtliche Museum. Herzstück der Ausstellung ist die Lutherstube, die auch nach dem Verkauf des Hauses an die Universität 1565 weitgehend im Originalzustand belassen wurde. Bis auf wenige Ausnahmen enthält die Ausstellung nur zeitgenössische Originale. Das Lutherhaus steht auf der Liste des UNESCO-Welterbes.

Das Lutherhaus in Eisenach

Foto: akg-images/epd-bild/Norbert Neetz

Links: 1925, Rechts: 2012

Das Lutherhaus am Lutherplatz 8 wurde 1480 von der Familie Cotta erbaut und war auch lange Zeit in deren Besitz. Es ist eines der ältesten erhaltenen Fachwerkhäuser der Stadt. Nach alter Überlieferung hat Martin Luther während seiner Eisenacher Schulzeit (1498 bis 1501) in diesem Haus gewohnt. Die Thüringer Landeskirche eröffnete 1956 in diesem Haus eine Luthergedenkstätte als kirchliches Museum.

Das Augustinerkloster in Erfurt

Foto: akg-images/Schütze/Rodemann/Bildarchiv Monheim/epd-bild/Maik Schuck

Links: 2008, Rechts: 2011

Das Augustinerkloster ist eines von mehreren Klöstern in Erfurt, das sein Entstehen auf die 741 von Bonifatius veranlaßte Gründung des gleichnamigen Bistums zurückführt. Die Klosteranlage der Augustiner-Eremiten wurde um 1300 erbaut. Hier trat Martin Luther am 17. Juli 1505 dem Orden bei und lebte bis 1511 als Augustinermönch. 1507 wurde er zum Priester geweiht, am 2. Mai desselben Jahres las er seine erste Messe in der Augustinerkirche. Nach den Kriegszerstörungen 1945 wurde das Kloster schrittweise wieder aufgebaut und Anfang der achtziger Jahre auch zu Tagungszwecken ausgebaut. 2004 wurde es als Kulturdenkmal von besonderer nationaler kultureller Bedeutung anerkannt.

Die Georgenburse des Augustinerklosters in Erfurt

Foto: Lutz Edelhoff/Ev. Augustinerkloster zu Erfurt

Links: 1983, Rechts: 2010

Die Erfurter Georgenburse, ein Renaissancebau unweit des Augustinerklosters, wurde 1456 erstmals erwähnt. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts diente sie als Unterkunft für Studenten der Erfurter Universität. Martin Luther bezog dort vermutlich als siebzehnjähriger Student im Jahr 1501 Quartier und lebte dort bis 1505, bevor er kurz nach dem Magisterexamen als Mönch ins Kloster ging. Im Erdgeschoss befindet sich heute eine Dauerausstellung, die sich mit dem studentischen Leben im Mittelalter beschäftigt. In der zweiten Etage gibt es zehn Übernachtungsmöglichkeiten in vier Zimmern für Pilger, die Erfurt besuchen.

Das Jahr 1520 sei für Luther ein "Wunderjahr" gewesen, was seine Produktivität angeht. Er habe sich in einem Neufindungsprozess befunden. "Er denkt die Kirche neu, er denkt die Gerechtwerdung des Menschen vor Gott neu. Es war eine Bestätigung und ein Anstoß, jetzt endgültig die Kirche neu zu ordnen", sagte Reinhardt. Luther hatte im Jahr 1520 drei Hauptwerke verfasst, darunter auch eines seiner theologisch bedeutsamsten "Von der Freiheit eines Christenmenschen".