"Glocke der Versöhnung"

Hakenkreuz-Glocke

© Tineke Jarecki/Ev.-luth. Sprengel/dpa

Die Kirchenglocke in Schweringen hat eine neue Inschrift bekommen, die die Inschrift aus der Nazi-Zeit durchkreuzt. Am Pfingstsonntag wird die Ende 2018 stillgelegte und in der Zwischenzeit künstlerisch neu gestaltete Kirchenglocke eingeweiht.

"Glocke der Versöhnung"
Kirchengemeinde weiht umgestaltete Bronzeglocke aus der NS-Zeit wieder ein
Ein Hakenkreuz auf einer Kirchenglocke entzweite das Dorf Schweringen in Niedersachsen so sehr, dass Unbekannte heimlich den Winkelschleifer ansetzten. Jetzt wird die entwidmete Glocke wieder eingeweiht. Künstler haben sie umgestaltet.

Anderthalb Jahre hat sie geschwiegen, doch ab Pfingsten wird sie wieder läuten. Dann weiht die evangelische Kapellengemeinde in Schweringen bei Nienburg ihre umstrittene "Vaterlandsglocke" aus dem Jahr 1934 wieder ein, die es zu einiger Berühmtheit brachte, weil sie ursprünglich ein Hakenkreuz und eine NS-Inschrift trug. Und weil Unbekannte heimlich zur Tat schritten und das Nazi-Symbol mit einem Winkelschleifer wegfrästen. Doch inzwischen hat sich einiges geändert. Ein Künstler-Duo hat die Glocke zu einer Art Mahnmal umgestaltet. Christiane Noltemeier, Vorsitzende des Kapellenvorstandes, hofft nun, dass in dem durch die Glocke einst tief gespaltenen 800-Einwohner-Dorf endlich wieder Ruhe einkehrt: "Ich hoffe, dass es wirklich eine Glocke der Versöhnung wird."

Hoch oben im Turm der Kreuzkirche hängt sie, in der engen Glockenstube. Rund 1.800 Kilogramm schwer, ein Bronzeguss. Im November 2018 wurde sie offiziell entwidmet. Wenn an Pfingsten der Klöppel erneut zu schlagen beginnt, wird wieder ihr tiefes "Cis" ertönen, das die Schweringer schon seit mehr als acht Jahrzehnten begleitet. Die kritische Beschäftigung mit der einstigen Nazi-Glocke sei langwierig, aber notwendig gewesen, sagt Regionalbischöfin Petra Bahr aus Hannover. Sie wird die Glocke am Pfingstsonntag um 15 Uhr einweihen.

"Nun herrscht Klarheit über ihre Geschichte", betont die Theologin. "Die künstlerische Neugestaltung versteckt nichts davon, fragt nach Versöhnung und richtet den Blick so gleichzeitig nach vorn." Rund 30.000 Euro hat sich die hannoversche Landeskirche das Projekt kosten lassen. Wegen der Corona-Krise kann die Einweihung nur mit einer kleinen, nichtöffentlichen Feier stattfinden.

Für die Nürnberger Künstler Hannes Arnold und Klaus-Dieter Eichler war die Umgestaltung eine Herausforderung. "Es ist ein heikles Thema", sagt Eichler. Die NS-Geschichte der Glocke dürfe nicht ausradiert, aber auch nicht verharmlost werden. Die Lösung der Künstler: Sie haben einen weißen Schriftzug aus der Bibel wie eine Schärpe quer über den beschädigten Glockenkörper graviert: "Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele?", heißt es dort. Die Spuren der Vergangenheit sind darunter noch deutlich zu erkennen.

Bildergalerie

Als die Glocken verstummten

Abgehängte Glocke aus der evangelischen Kirche in Mussbach in der Pfalz aus dem Jahre 1917.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Abgehängte Glocke aus der evangelischen Kirche in Mussbach in der Pfalz aus dem Jahre 1917.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

<p>Mehr, mehr, immer mehr: Die deutsche Rüstungsindustrie im Ersten Weltkrieg ist unersättlich. Durch die Entwicklung neuer Geschütze, die blitzschnell wieder schussbereit sind, und die Weiterentwicklung von Infanteriewaffen wie dem Maschinengewehr 08/15 braucht die Armee viel mehr Munition als noch in früheren Kriegen. So feuern am 21. Februar 1916 in <a href="https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kriegsverlauf/verdun-1916.html">Verdun</a> zum Beispiel 1.500 Geschütze acht Stunden auf die feindlichen Stellungen.
<a href="https://www.evangelisch.de/inhalte/148067/07-01-2018/erster-weltkrieg-der-erste-totale-krieg">Eine vorstellbare Menge an Munition braucht es für solche Materialschlachten</a>.</p>
Die Rohstoffe dafür kommen zum Teil von den patriotischen Deutschen in der Heimat: Am Anfang geben sie im Kriegstaumel Zinnkrüge und Messingpfannen noch freiwillig ab. Doch schon bald reicht das nicht mehr aus, um die Rüstungsindustrie angesichts knapper werdender Rohstoffe zu versorgen. Und so richtet sich das Auge des Kriegsministeriums auf größere Beute: auf Kirchenglocken wie diese aus der evangelischen Kirche in Mussbach.

Eine Kinderschar steht und sitzt um zwei Glocken herum.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Am 1. März 1917 ordnet das Königliche Kriegsministerium in Berlin an: Alle Bronzeglocken im Deutschen Reich müssen registriert werden, damit man einen Überblick über den Bestand bekommt. Alle Besitzer von Bronzeglocken werden enteignet - widersetzen sie sich, droht ihnen eine Strafe. Einzig Glocken, die den Eisenbahn-, Schiffahrts- und Straßenbahn-Verkehr regeln sowie die der Feuerwehr sind von dieser Anordnung ausgenommen.

Auf einem Pferdewagen werden zwei geschmückte Glocken abtransportiert.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Anhand der von den Kirchengemeinden erstellten Listen werden die Bronzeglocken von Sachverständigen in eine von drei Kategorien eingeordnet. Glocken der Gruppe A müssen grundsätzlich schnellstmöglich abgeliefert werden - so wie die aus der evangelischen Kirche in Bad Dürkheim. Die Bronze-Glocken dieser Kategorie waren meist nach der Mitte des 19. Jahrhunderts gegossen und wurden sofort eingeschmolzen. Die Glocken der Gruppe B mit mäßigem kulturellen und historischen Wert werden zunächst zurückgestellt und die Glocken, die der Gruppe C zugeordnet werden, wurden generell geschützt und durften im Glockenturm hängen bleiben. Außerdem sollte jede Kirche mindestens die kleinste ihrer Glocken behalten dürfen.

Ein Kind sitzt zwischen zwei Glocken.

© Bundesarchiv/8295-17

Die Gemeinden (hier die Glocken der Sophienkirche zu Berlin) werden für den Verlust ihres Geläuts finanziell vom Staat entschädigt. 3,50 Mark pro Kilogramm ist eine Glocke "wert", die weniger als 650 Kilogramm auf die Waage bringt. Bei den schwereren Exemplaren sinkt der Kilo-Preis auf zwei Mark, doch es gibt eine Art "Grundgebühr" von 1.000 Mark zusätzlich. Das Geld, so die Vorstellung der Regierung, soll auf einem Sparbuch angelegt werden, um nach dem Krieg neue Glocken kaufen zu können. Ein Trugschluss: denn nach dem verlorenen Krieg und der Inflation ist von dem Geld nichts mehr übrig! Viele Glockentürme bleiben auf Jahre hin (so gut wie) leer.

Glockenturm, aus dem eine Glocke abgeseilt wird.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

<p>Dass die Kirchen ihr Geläut verlieren,
<a href="https://www.evangelisch.de/inhalte/152956/24-10-2018/so-verhielten-sich-die-deutschen-protestanten-im-ersten-weltkrieg">stößt bei der kirchlichen Obrigkeit eher auf wenig Widerspruch</a>. Man versucht sogar, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf die Vorgänge zu lenken. Den Beteiligten rät man, dieses Thema in Zeitungen oder Amtsblättern nicht anzusprechen.</p>
Da haben sie die Rechnung aber ohne die kleinen Gemeinden vor Ort gemacht: die kämpfen vielfach um "ihre" Glocken. Die Argumente variieren: entweder ist zum Beispiel die kleinste Glocke allein viel zu leise oder für den Abtransport der Glocken muss die halbe Turmwand zertrümmert werden. Denn nicht überall läuft die Abseilung der Glocke so reibungslos wie an der Stiftskirche in Neustadt a.d. Weinstraße.

Zerstörte Glocken liegen auf der Erde.

© picture alliance / IMAGNO/Archiv

Kleinere Glocken werden mit Hämmern zertrümmert, größere gesprengt. Danach werden sie eingeschmolzen und weiterverarbeitet. Nicht jedoch - wie zur Zeit der napoleonischen Kriege - zu Geschützen oder Kanonen, sondern zu Munition.

Ein Glockenfriedhof in Insbruck.

© Innsbrucker Glockenmuseum Grassmayr/Wikipedia

All die abgenommenen Kirchenglocken müssen irgendwohin - also richten die Behörden zentrale Sammelplätze ein, so wie hier im Innsbrucker Stadtteil Wilten. Auf diesen "Glockenfriedhöfen" warten die Metallkolosse auf ihre industrielle Weiterverarbeitung durch die Rüstungsindustrie.

Eine Glocke samt Klöppel.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Hatte man im Sommer 1914 die Glocken zum Kriegsbeginn noch läuten lassen, hatten sie in den folgenden Jahren noch laut die Siege der Armee verkündet, so sind bis zum Kriegsende am 11. November 1918 rund 65.000 Kirchenglocken für immer verstummt.

"Unser Ziel ist, dass man stutzt und beginnt, über die Geschichte der Glocke nachzudenken", erzählt Eichler. Und weil nicht jeder Besucher hoch in den Glockenstuhl klettern kann, um sich die neue Inschrift anzusehen, hat die Gemeinde unten am Fuße des Kirchturms ein "Hörmal" aufgestellt. Rund 1,70 Meter ist es hoch, ein aufrecht stehender Quader. An der Seite ist eine trichterförmige Öffnung eingearbeitet, die an die Gussform der Glocke erinnert. Spricht jemand hinein, wird der Schall reflektiert. Die Künstler wollen so erreichen, dass Besucher ihre Haltung zur Geschichte bedenken.

Das Kunstwerk haben Arnold und Eichler aus gemahlenem Klinker gefertigt. Dafür haben auch viele Menschen aus Schweringen Ziegelsteine gespendet. Christiane Noltemeier, die sich als "Ur-Schweringerin" bezeichnet, lobt die Arbeit der Künstler: "Da wird nichts aufgepropft. Sie haben sich sehr in die Gemeinde und in die Geschichte der Glocke eingefühlt."

Audioslide: Besuch in der Glockengießerei Rincker

Diese Geschichte führte zu einem heftigen Streit, als das 35 mal 35 Zentimeter große Hakenkreuz auf der Glocke 2017 bei Nachforschungen der Landeskirche entdeckt wurde. "Aus Not und aus Nacht ist Deutschland erwacht", stand daneben zu lesen. "Dies Kreuz gab Gelingen, Half Zweitracht bezwingen. Dank sei dir Gott." Ein Pastor der Nazi-treuen "Deutschen Christen" hatte die Glocke 83 Jahre zuvor aufhängen lassen.

Was nun tun? Die Meinungen prallten schroff aufeinander. Viele wollten die Glocke am liebsten durch eine neue ersetzen. Andere wollten sie unbedingt behalten, weil sie zum Dorf gehöre. Beschlüsse wurden gefasst und wieder verworfen. Doch dieser Zwist sei nun überwunden, sagt Christiane Noltemeier. Bei einer Versammlung hätten alle Parteien einmütig das Kunstwerk befürwortet. "Das war ein wirkliches Miteinander."

aus dem chrismonshop

Choral:gut!
Es war Martin Luther, der den Choral populär gemacht hat. Er ließ die Lieder auf Flugblätter drucken und verteilte sie ans Volk. So entstand Gemeinschaft durch gemeinsames...