Ausfallhonorare für freie Kirchenmusiker - irgendwo zwischen Null und 75 Prozent

Mitwirkung an virtuellen Gottesdienstangeboten und finanzielle Ausgleich schaffen für Kirchemusiker in Corona-Zeiten.

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Kirchen zählen zu den wichtigsten Auftraggebern für freiberufliche Musiker. Diese wünschen sich Alternativen zu den geplatzten Auftritten in Kirchen, wie die Mitwirkung an virtuellen Gottesdienstangeboten.

Ausfallhonorare für freie Kirchenmusiker - irgendwo zwischen Null und 75 Prozent
In normalen Zeiten zählen die Kirchen zu den wichtigsten Auftraggebern vieler freiberuflicher Musiker und Sänger. Ob sie in der Pandemie Ausfallhonorare für abgesagte Auftritte und Chorproben erhalten, hängt oft vom Zufall ab.

Wenn Kirchen im Rhein-Main-Gebiet Gospel- oder Jazz-Projekte planten, war Mark Schwarzmayr in der Vergangenheit oft mit von der Partie. Doch seit diesem Frühjahr ist alles anders für den Jazz-Pianisten und Saxofonisten: "Ich bekomme Absagen für Konzerte bis weit in den November hinein." Dass der freiberufliche Musiker mit manchen Gemeinden schon seit über 15 Jahren zusammenarbeitet, erweist sich nun als besonders ungünstig. Für einige der ausgefallenen Auftritte erhält er nun keinen einzigen Euro: "Das Kernproblem ist, dass vieles per Handschlag geregelt wurde."

Für die Betroffenen hat das teils gravierende finanzielle Auswirkungen, denn die großen Kirchen zählen zu den wichtigsten Auftraggebern für freiberufliche Musiker. Während die Honorare für regelmäßig vor Ort tätige Organisten vielfach weitergezahlt werden, gehen Sänger, Solisten und Orchester-Musiker, die lediglich für einzelne Veranstaltungen gebucht wurden, oft leer aus. Dabei haben viele evangelische Landeskirchen und katholische Bistümer eigentlich Empfehlungen ausgesprochen, die auf den ersten Blick für die Betroffenen vorteilhaft klingen.

So bat Johann Weusmann, Vizepräsident der rheinischen Kirche, seine Gemeinden bereits im April darum, "die Verträge mit den Musikerinnen und Musikern in der Passions- und Osterzeit großzügig zu behandeln und sie, wo es möglich ist, auch ohne Auftritt finanziell zu unterstützen." Als Richtwert für Ausfallhonorare bei abgesagten Veranstaltungen brachte die Landeskirche eine Größenordnung von 75 Prozent ins Gespräch. Die Kurhessische Kirche (EKKW) verabschiedete Leitlinien mit einem Stufenplan je nach verbleibender Frist zwischen Absage und Auftrittstermin - dabei geht es um Summen zwischen 50 Euro und immerhin 50 Prozent des vereinbarten Honorars.

In der hessen-nassauischen Landeskirche werden im Haushalt "eingepreiste" Honorare für Organisten und freie Kirchenmusiker beglichen, im Fall von "externen Künstlern" gibt es Überlegungen für einen Hilfsfonds. Dessen Zustandekommen hänge aber davon ab, wie schwer die Kirchenfinanzen in der Pandemie unter Druck geraten. Ansonsten verweist die Landeskirche in Darmstadt "auf die jeweiligen Hilfsregelungen etwa vom Staat".

Empfehlungen kommen nicht bei Basis an

Doch gerade von dort haben freiberufliche Musiker kaum etwas zu erwarten. "Das betrifft die meisten Musiker nicht", sagt der Pianist Schwarzmayr. Die staatlichen Soforthilfen für Selbstständige seien nur für die Deckung von Betriebskosten gedacht, die bei Musikern kaum anfielen. Er selbst könnte wohl bestenfalls seine Telefonrechnung über das Hilfspaket in Rechnung stellen.

In der Praxis zeige sich zudem, dass die Empfehlungen der Kirchenleitungen an der Basis gar nicht immer ankämen, berichtet Carina Vogel aus Schweighofen an der deutsch-französischen Grenze. Die rheinland-pfälzische Landesvorsitzende des Deutschen Tonkünstler-Verbandes (DTKV) ist selbst im Bereich des katholischen Bistums Speyer als nebenamtliche Organistin und Chorleiterin tätig. Und auch andere Mitglieder des Berufsverbandes seien nicht sehr glücklich über das Vorgehen ihrer kirchlichen Auftraggeber. Für kurzfristig ausgefallene Gottesdienste erhielten sie oft gar keine Entschädigung.

Kirchen für Kulturveranstaltungen öffnen

Das Ziel der meisten Musiker sei keineswegs, Honorare ohne Gegenleistung zu erhalten, betont die Kontrabassistin und Kirchenorganistin Ina Burger: "Ich hätte mir gewünscht, dass man nach Wegen sucht, wie man Musiker sinnvoll beschäftigen kann." Eine Alternative zu den geplatzten Auftritten in Kirchen wäre beispielsweise die Mitwirkung an virtuellen Gottesdienstangeboten.

Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) appellierte inzwischen an die großen Kirchen, nach der Lockerung der Gottesdienstverbote verstärkt freiberufliche Solisten zu engagieren insbesondere, solange Chorgesang noch nicht möglich sei. Einen ähnlichen Wunsch hat auch Carina Vogel vom Musiker-Berufsverband: Kirchengemeinden sollten ihre oft großen Räumlichkeiten stärker für Kulturveranstaltungen und Konzerte öffnen, solange viele kleine Bühnen nicht zu nutzen seien: "Das könnte Freischaffenden die Möglichkeit geben, wieder aktiv zu werden."