"Als Großmutter würde ich sofort für das Wohl meiner Enkel einen Schritt zurücktreten"

Margot Käßmann hat vier Töchter und ist selbst Großmutter

© Christian Burkert/laif

Margot Käßmann hat vier Töchter und ist selbst Großmutter. Ihr geht es darum, die Situation der Kinder während der Corona Pandemie in den Mittelpunkt zu stellen.

"Als Großmutter würde ich sofort für das Wohl meiner Enkel einen Schritt zurücktreten"
Die Theologin Margot Käßmann über das Miteinander der Generationen in der Corona-Krise
Für ihre Äußerungen zu einem "Deal der Generationen" in der Corona-Krise erntet Margot Käßmann Widerspruch. Die einstige hannoversche Landesbischöfin und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hatte in einem Interview dafür plädiert, dass die über Sechzigjährigen zu Hause bleiben, damit Kinder wieder mehr Freiheit bekommen. Im epd-Gespräch erläutert sie ihre Position.

Frau Käßmann, Ihre Äußerungen zu einem "Deal der Generationen" haben zu einer kontroversen Debatte und einigem Gegenwind geführt. Was erleben sie derzeit?

Margot Käßmann: Mein Gefühl ist, dass sich jetzt Menschen empören, die meinen, ich wollte ihre Freiheit einschränken. Menschen, die vor allem in meinem Alter sind. Mir ging es dabei viel mehr darum, die Situation der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen. Dafür zu werben, ihnen jetzt schnell wieder Freiheit und Normalität zu ermöglichen. Denn sie sind es, die in der Corona-Krise die massivsten Einschränkungen aushalten müssen, die am meisten leiden. Mir geht es also nicht darum, irgendjemandes Freiheit einzuschränken, sondern den Kleinsten und Schwächsten in unserer Gesellschaft wieder Raum zu geben.

Das aber, indem die Älteren sich zurückziehen, freiwillig "zu Hause bleiben sollen", wie Sie sagen.

Käßmann: Und ich denke, sehr viele dieser Älteren haben dafür viel Verständnis. Mehr als 20 Millionen Deutsche sind Großeltern. Das ist eine riesengroße Gruppe, die aber derzeit kaum gehört wird, zumindest nicht in dieser Großelternrolle. Menschen, die ihre Enkel derzeit nicht sehen dürfen - und zugleich miterleben, dass die Kleinsten kaum noch Kontakt zu Gleichaltrigen haben, lange nicht auf Spielplätze konnten, noch immer nicht in die Kitas und nicht in die Schulen können. Als siebenfache Großmutter würde ich sofort für das Wohl meiner Enkelkinder einen Schritt zurücktreten, ohne mich in unzumutbarer Weise in meinen Rechten eingeschränkt zu fühlen, wenn das für sie hilfreich wäre.

Bildergalerie

Mit Pfiff: Margot Käßmanns Schritte durchs Leben

Kindheit im Hessischen

Foto: Archiv Margot Käßmann

Kindheit im Hessischen

Foto: Archiv Margot Käßmann

Ihre Kindheit findet im hessischen Stadtallendorf zwischen dem Elternhaus, der Tankstelle und der Autowerkstatt ihres Vaters statt. Der Papa (links) war ein lebenslustiger Mann, ihre Mutter (Mitte) hat sie eher streng in Erinnerung. Und ihre Omi (rechts) brachte ganz selbstverständlich den Glauben mit Bibelzitaten in ihr Leben, wie zum Beispiel mit: "Lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen!"

Unterwegs in Israel

Foto: Archiv Margot Käßmann

Schon früh findet sie den Glauben und theologische Fragen spannend. 1978 reist sie zu archäologischen Ausgrabungen nach Israel, um viele Wirkungsorte Jesu mit eigenen Augen zu entdecken: Bethlehem, Nazareth, den See Genezareth und Golgatha.

In Schottland

Foto: Archiv Margot Käßmann

Nach Stationen in Israel, Tübingen und China reist sie für einen Studierendenaustausch im Oktober 1979 nach Edinburgh in Schottland. Die Landschaft versprüht Harry-Potter-Flair, doch der Unterricht ist ihr zu sehr verschult. Wer etwas sagen will, muss sich melden. Hier erfährt sie etwas über den englischen Reformator John Knox, der die Bibel in die englische Sprache übesetzte.

Ordinationsfeier 1985

Foto: Archiv Margot Käßmann

Ein großer Schritt: Am 20. Oktober 1985 werden Margot und ihr Mann Eckhard Käßmann ordiniert. Doch die Pfarrstellen sind rar gesät. Eigentlich wollen sie nach Marburg, Göttingen oder in eine andere Stadt. Es wird die Pfarrstelle im Kirchspiel Spieskappel. Diese wollen sie sich teilen. Ihre dreijährige Tochter Sarah ist schon da und Margot Käßmann ist mit Zwillingen schwanger. Das übersteigt die Vorstellungskraft der damaligen Pröpstin, dass eine Frau mit drei kleinen Kindern hauptamtlich Pastorin wird. Also soll ihr Mann die ganze Stelle übernehmen und sie "darf" ehrenamtlich mithelfen. Margot Käßmann fühlt sich damit unwohl.

Taufe der Zwillinge

Foto: Archiv Margot Käßmann

Mit nur fünf Minuten Abstand kommen die beiden Mädchen Hanna und Lea auf die Welt. 1986 wird ihre Taufe gefeiert.

Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags

Foto: epd-bild / Friedrich Stark

Margot Käßmann ist als erste Frau von 1994 bis 1999 Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Dafür zieht die Familie nach Fulda. Meist lassen sich Familie und Beruf gut verbinden, manchmal ist es schwer.

Büro in Fulda

Foto: epd-bild/ Norbert Neetz

Ein Blick ins damalige Büro in Fulda. Drei evangelische Kirchentage hat sie als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags vorbereitet und mitgestaltet.

Familienbande

Foto: epd-bild / Jens Schulze

Mit den Töchern, von links nach rechts: Lea, Esther, Margot Käßmann, Hanna und Sara.

Neujahrespredigt in Dresden

Foto: picture alliance / Ralf Hirs

Es passiert viel: 1999 wird Margot Käßmann Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. 2006 gibt sie bekannt, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. 2007 lässt sich das Ehepaar Käßmann scheiden. Und 2009 wird sie als erste Frau die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Während ihrer Neujahrspredigt am 1. Januar 2010 spricht sie sich in der Dresdner Frauenkirche für ein Ende des Afghanistan-Einsatzes aus: "Nichts ist gut in Afghanistan". Sie ruft auf zu mehr Optimismus und Mut. Auch kleine Schritte veränderten die Welt, sagt sie in ihrer Neujahrspredigt.

Gastdozentin

Foto: epd-bild / Hyosub Shin

Nach einem Straßenverkehrsdelikt am 20. Februar und ihrem Rücktritt von allen kirchlichen Ämtern am 24. Februar 2010 ist sie als Gastdozentin von August bis Dezember 2010 an der Emory-University in Atlanta (Georgia, USA) tätig.

Die Verabschiedung

Foto: epd-bild / Jens Schulze

Die ehemalige hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann wird am 26. März 2011 in einem feierlichen Gottesdienst zur Einführung ihres Nachfolgers Ralf Meister gleichzeitig aus dem Amt verabschiedet. Der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), der bayrische Landesbischof Johannes Friedrich, segnet Margot Käßmann. Rund 1.500 Gäste versammelten sich dazu in und um Hannovers Marktkirche.

Geburtstag

Foto: epd-bild / Norbert Neetz

An ihrem 53. Geburtstag ist sie auf dem evangelischen Kirchentag in Dresden: "Da wird auch dein Herz sein" lautet das biblische Leitwort.

Wittenberg

Foto: Kolja Warnecke

Magot Käßmann steht vor Beginn eines Jugendgottesdienstes an der Tür der Wittenberger Schloßkirche. Dort, wo Martin Luther seine Thesen angenagelt haben soll. Sie ist nun Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017.

Reformationsbotschafterin

Foto: Mark Reusch, Markus Lesinski, Archiv Margot Käßmann (r)

Während des Reformationsjubiläums 2017 wird Margot Käßmann die Ehrendoktorwürde der Theologischen Hochschule Mexiko verliehen (links). In dieser Zeit bereist sie die Welt. So besucht sie auch ein Kinderhilfsprojekt in Dhaka in Bangladesh (Mitte) und trifft sich beispielsweise mit Bischof Mwakyolile in Tansania. Auch freut sie sich über viele ökomenische Annäherungen.

Usedom

Foto: Markus Tedeskino/DroemerKnaur

Einfach mal Durchatmen und die Seele baumeln lassen: Margot Käßmann genießt ihre Zeit am Strand von Usedom.

Biografie

Foto: bene! Verlag

Wer mehr über das Leben von Margot Käßmann erfahren will, für den hat der Journalist Uwe Birnstein eine Biografie über sie geschrieben: "Margot Käßmann. Folge dem, was Dein Herz Dir rät."

Sie haben die ältere Generation als "Luxusgeneration" bezeichnet. Ist das nicht arg pauschal?

Käßmann: Dazu stehe ich. Und damit meine ich ausdrücklich die Menschen meines Alters. Die Generation der 60- bis 70-Jährigen. Es geht nicht um geldwerten Luxus. Sondern darum, dass sie weder den Krieg noch die harten Entbehrungen danach erleben mussten, sondern ein Leben lang in Frieden und Freiheit gelebt haben - und viele Menschen dieser Generation auch in materieller Sicherheit. Ich habe keinesfalls von der Kriegsgeneration gesprochen, die bittere Not erlebt hat. Am allerwenigsten habe ich die Menschen in den Altenheimen gemeint, die eine tief belastende Isolation ertragen müssen. Im Gegenteil: Ich habe schon vor Wochen darauf hingewiesen, wie drängend ihre Situation ist. Die Menschen in den Pflegeheimen sitzen im Grunde im selben Boot wie die Kleinsten in unserer Gesellschaft: Beide haben keine starke Lobby. Meine Generation dagegen sehr wohl.

Schüren derart zugespitzte Formulierungen nicht einen Generationen-Konflikt?

Käßmann: Nein, der baut sich ohnehin seit längerem wieder auf. Meine Generation hat die Eltern gefragt, warum sie den Krieg, die Nazi-Diktatur und den Mord an Millionen Juden nicht verhindert haben. Mit unseren eigenen Kindern gab es wenig grundsätzliche Konflikte. Aber heute stehen wir in einem ganz anderen, in seiner Tragweite aber sehr wohl vergleichbarem Generationen-Konflikt. Wir erleben ihn weltweit in Gestalt von "Fridays for Future". Heute sind es unsere Kindeskinder, die unserer Generation mit Nachdruck für die Bewahrung der Schöpfung ins Gewissen reden. Und jetzt, in der Corona-Krise, sehen wir eine weitere Konfliktlinie. Sie macht sich an der Frage fest, was wir für eine solidarische Gesellschaft zu geben bereit sind.