"Ich freue mich, überhaupt wieder Gottesdienste feiern zu können"

Gottesdienst in Corona-Krisenzeiten

© epd-bild/Jens Schulze

Gottesdienste in Corona-Zeiten werden in vielen Kirchen nur mit Mund-Nasen-Schutz gefeiert.

"Ich freue mich, überhaupt wieder Gottesdienste feiern zu können"
Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh zur Kirche in Krisenzeiten
Der badische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh freut sich darüber, dass wieder Gottesdienste in Kirchen gefeiert werden können. Aber es sei auch klar, dass Gottesdienste in Corona-Zeiten wegen der Auflagen anders seien als vorher, sagte er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Online-Gottesdienste werde es weiter geben. Er halte aber das "Vor-Ort-Sein" für ein Schlüsselelement.
16.05.2020
Leonie Mielke und Christine Süß-Demuth
epd

Seit kurzem finden wieder Gottesdienste statt. Die behördlichen Vorgaben schreiben zum Beispiel 1,5 Meter Abstand zwischen den Besuchern vor. Warum sind die kirchlichen Sicherheitskonzepte mit zwei Metern strenger?

Jochen Cornelius-Bundschuh: Uns war von Anfang an wichtig, dass der Gesundheitsschutz eine ganz hohe Priorität haben muss. Deshalb haben wir auch sofort zu Beginn der Krise die Gottesdienste abgesagt. Wir wollten auf keinen Fall dazu beitragen, dass das Zurückdrängen des Virus nicht gelingt.

Jetzt haben wir uns für einen größeren Sicherheitsabstand entschieden, weil man in Gottesdiensten länger Zeit miteinander verbringt, als in einem Laden, in dem man vielleicht nur zehn Minuten ist. Die neuen Auflagen haben auch Fragen ausgelöst, ob es überhaupt geht, einen evangelischen Gottesdienst ohne Singen zu veranstalten.

Aber man muss sich einfach klarmachen, Gottesdienste in Corona-Zeiten sind nicht das gleiche, wie es vorher war oder vielleicht bald wieder sein wird. Ich gehöre zu denen, die sich freuen, überhaupt wieder Gottesdienste feiern zu können.

In den vergangenen Wochen sind zahlreiche kirchliche Internet-Angebote entstanden, werden sie erhalten bleiben?

Cornelius-Bundschuh: Wenn man Online-Gottesdienste halbwegs professionell machen will, sind sie sehr teuer. Hinzu kommt, dass die Nutzungszahlen zwar höher sind, die Gottesdienste aber anders verfolgt werden. Da schaut sich jemand vielleicht nur drei Minuten den Gottesdienst an und kocht sich dann einen Kaffee.  

Wir haben auch beobachtet, dass wir im Online-Bereiche viele Menschen nicht erreichen, gerade auch in der klassischen Klientel. Dagegen werden zur Zeit Fernsehgottesdienste sehr viel mehr geschaut. Es gibt aber auch eine ganze Reihe Menschen, die begeistert Online-Gottesdienste gefeiert haben.

Ich denke daher, dass es ein stabiles Angebot von digitalen Formaten geben wird, mit Besonderheiten wie Einblendung oder mehr spontaner Kommunikation. Das "Vor-Ort-Sein" halte ich aber für ein Schlüsselelement.

Sind die Kirchen in Baden-Württemberg in der Corona-Krise näher zusammengerückt?

Cornelius-Bundschuh: Abstimmungen und Absprachen haben gut geklappt. Es war wichtig, dass wir nicht in verschiedene Richtungen marschieren. Wir haben aber auch deutlich die Unterschiede zur katholischen Kirche gemerkt, für die ein Gottesdienst mit einer Eucharistiefeier sein muss. Dies erfordert aber sehr spezielle Hygieneregeln. Dagegen ist es für die evangelische Kirche auch dann ein Gottesdienst, wenn kein Abendmahl dabei ist. Daher warten wir noch bis Erntedank mit Abendmahlsfeiern.

Die badische Kirche hat gemeinsam mit den evangelischen Kirchen in der Pfalz, im Rheinland und in Elsass-Lothringen eine Erklärung abgegeben, in der sie vom "Aufflammen alter Nationalismen" wegen der Grenzschließung berichten. Sorgen Sie sich um die deutsch-französische Freundschaft?  

Cornelius-Bundschuh: Wie wir in der Erklärung betonen, tragen wir die Grenzschließungen mit. Aber wir bitten die Regierung dringend darum, Alternativen zu finden, um die in vielen Jahren aufgebaute deutsch-französische Freundschaft nicht zu zerstören.

Eigentlich gibt es derzeit keinen sachlichen Grund mehr, die Grenze geschlossen zu halten. Ich habe mehrfach Briefe und Mails bekommen, von Deutschen und aus dem Elsass, dass die Grenzschließung alte Vorurteile wiederbelebt habe. Es sind viele persönliche Geschichten. Etwa über Franzosen, die in Deutschland arbeiten und zwar merken, dass sie gebraucht werden, aber im Supermarkt schiefe Blicke bekommen. Die fragen sich, "warum schließen die Deutschen die Grenze eigentlich? Wir sind doch genauso vorsichtig und halten uns auch an alle Hygieneregeln."

Ich denke, dass wir mit einem guten europäischen System auch gemeinsam das Virus bekämpfen können. Es war auf jeden Fall sehr gut, dass Baden-Württemberg Corona-Patienten aus dem Elsass aufgenommen hat.

"Die Corona-Krise zeigt uns sehr deutlich, dass wir aufeinander angewiesen sind"

Auch bei der Flüchtlingsfrage handeln die Länder in der Corona-Krise nicht gemeinsam.

Cornelius-Bundschuh: Ja, das ist eine schreckliche Geschichte. Alle Länder machen die Grenzen dicht und konzentrieren sich auf ihre eigenen Gesundheitssysteme und Bürger. Flüchtlinge fallen dabei zwischen alle Stühle. Sie sind durch die Corona-Krise am allermeisten gefährdet. Ich hoffe sehr, dass es der EU endlich gelingt, ein besseres Verteilungssystem für ankommende Flüchtlinge aufzubauen.

Sehen Sie in der Corona-Krise auch Chancen?

Cornelius-Bundschuh: Weltweit haben sich sehr viele Regierungen sehr handlungsstark in der Corona-Krise gezeigt. Jetzt geht es darum, ob wir bei der Bekämpfung der Klimakrise genauso handlungsfähig sind. Die Corona-Krise zeigt uns sehr deutlich, dass wir aufeinander angewiesen sind, sei es beim Thema Reisen oder Kleiderherstellung. Auch beim Gesundheitssystem wird deutlich wie nie, dass man Krankenhäuser nicht nur von der Frage der Wirtschaftlichkeit her denken darf.

Wir müssen neu lernen, mit den anderen Menschen auf der Erde, aber auch mit der Natur ehrfürchtig umzugehen. Ich hoffe, dass es uns in Zukunft besser gelingt eine langfristige Nachhaltigkeit sowie soziale und ökologische Gerechtigkeit zu erreichen.