Corona-Demos in der Kritik

Corona-Demonstration Stuttgart

© Sebastian Gollnow/dpa

Teilnehmerinnen und Teilnehmer jubeln während einer Protestkundgebung der Initiative "Querdenken 711" in Stuttgart. Vielerorts bieten Corona-Demonstrationen auch Anknüpfungspunkte für christliche Fundamentalisten.

Corona-Demos in der Kritik
Bedford-Strohm empört - Bischof July fassungslos - Soziologe sieht Anknüpfungspunkte für manche Christen
EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm ist empört über Proteste gegen Corona-Maßnahmen. bei denen Abstandsregeln nicht eingehalten wurden. Bischof July von der Landeskirche in Württemberg zeigte sich "fassungslos". Der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel sieht mit Blick auf die Demos auch Anknüpfungspunkte für christliche Fundamentalisten. "Das eine ist die Angst vor dem Eingriff in ihre Form der Religionsausübung." Das andere seien Elemente aus der Esoterik und dem Dogmatismus, die auch mal mit Verschwörungstheorien einhergingen.

"Ich bin entsetzt über die Bilder von den gestrigen Corona-Demonstrationen und die Rücksichtslosigkeit, die darauf sichtbar wird", schrieb Heinrich Bedford-Strohm am Montag auf Facebook. Ein ganzes Land habe über viele Wochen mit großer, aus Einsicht kommender Disziplin die Kontaktbeschränkungen mitgetragen, erklärte der EKD-Ratsvorsitzende und bayerische Landesbischof. Dadurch seien Bilder von überfüllten Krankenstationen und vielen Toten wie in Bergamo oder New York in Deutschland verhindert worden. "Und nun ignorieren viele der Demonstranten von gestern alle diese Regeln und gefährden damit nicht nur sich, sondern vor allem viele andere."

"Man kann über alle Maßnahmen kontrovers diskutieren", fügte der bayerische Landebischof hinzu. Aber sich unter Gefährdung anderer Menschen einfach über die Regeln, die gewählte Regierungen nach gründlicher Abwägung beschlossen haben, bewusst hinwegzusetzen, sei nicht in Ordnung. "Und dass Rechtsextreme und alle möglichen Verschwörungstheoretiker das jetzt für ihre Zwecke nutzen, ist umso schlimmer."

Am Wochenende hatten in mehreren deutschen Städten Tausende gegen die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie demonstriert. Manche Teilnehmer vertraten dabei krude Theorien, die die Gesundheitsgefahr durch das neuartige Virus infrage stellen und unterstellen, dass das Virus für Einschränkungen gegen die Interessen der Bürger missbraucht werde.

"Krudes Gedankengut"

Der Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Frank Otfried July, warnt im epd-Gespräch davor, Freiheit auf Kosten anderer durchsetzen zu wollen: "Anfangs ging es um Protest gegen die Aussetzung von Grundrechten. Die Kirchen haben von Beginn an in großer Verantwortung die Maßnahmen mitgetragen. Seit einigen Tagen erlebe ich eine Radikalisierung. Verschwörungstheoretiker und Rechtspopulisten nutzen diese Bühne für ihr krudes Gedankengut. Das ist in Wirklichkeit kein offener Diskurs. Manches, was da geäußert wird, macht mich einfach fassungslos."

Bischof July ergänzte: "Wir haben aus unserem Glauben heraus Verantwortung für uns und die Nächsten, für unsere Gesellschaft. Die Maßnahmen der letzten Wochen in Gesellschaft und Kirche haben etwas von dieser Verantwortung gezeigt. Dies zeigt auch der Vergleich mit anderen Ländern. Deshalb appelliere ich, diese Verantwortung mit Augenmaß weiter wahrzunehmen. Freiheit und Verantwortung gehören für mich zusammen. Kein Verständnis habe ich für diejenigen, die ihre Freiheit auf Kosten anderer durchsetzen wollen."

"Nähe zu Antisemitismus sehr bedenklich"

Nach den Worten des Leipziger Theologie-Professors Pickel legen etwa evangelikale Gemeinden besonders großen Wert auf Gemeinschaft und fühten sich darin nun beschnitten. "Das Zweite ist, dass Elemente aus der Esoterik und dem Dogmatismus gerne auch mal mit Verschwörungstheorien einhergehen", erklärte Pickel. Dies gelte etwa für die Vorstellung, dass eine höhere Macht etwas Böses wolle, woran schließlich die Welt zugrunde gehe. Wenn indes auch Geistliche entsprechende Elemente in Predigten aufnähmen, beriefen sie sich meist "ganz klassisch auf die Apokalyptik, auf Erzählungen vom Ende der Zeit, wie sie etwa im Alten Testament zu finden sind", sagte Pickel. Hinzu komme, dass es verstärkt in den USA, aber auch in Deutschland, Personen gebe, die aus religiösen Gründen jegliche medizinische Behandlung ablehnten, so Pickel: "Die treten jetzt als Impfgegner auf, und da ist die Verbindung zu den Protesten eigentlich sehr naheliegend."

Dass im Zuge der Corona-Maßnahmen auch hohe kirchliche Würdenträger Verschwörungstheorien äußerten, zeigt laut Pickel "in erschreckender Weise", wie weit diese bereits verbreitet seien. Sehr bedenklich sei hier auch die Nähe zu antisemitischen Erzählungen wie die einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung, warnte Pickel: "Das schwingt natürlich mit und der Weg ist nicht weit". Mehrere katholische Bischöfe, darunter der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller, hatten jüngst in einem Schreiben mit Blick auf die Corona-Politik vor dem "Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung" gewarnt, "die sich jeder Kontrolle entzieht".

Nach Pickels Einschätzung hatten die Demonstrationen eigentlich "die harte Form des Lockdown" im Blick und seien aus organisatorischen Gründen erst zeitverzögert gestartet. Die Zukunft der Bewegung hänge daher davon ab, wie lange die aktuellen Lockerungen bestehen bleiben, erklärte er. "Wenn wieder Verschärfungen eintreten, kann man das noch mal richtig beleben." Sollte die Coronavirus-Pandemie noch mehr als ein Jahr andauern, sei dies "ein Raum in dem man sich als gesellschaftliche Bewegung durchaus entfalten kann", betonte er.

"Bedrohliche Entwicklung für Gesellschaft"

Der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick warnt vor Gefahren für die Demokratie durch Verschwörungstheorien und ihre Anhänger während der Corona-Pandemie. Politik und Öffentlichkeit reagierten zum Teil ratlos auf die aufkommenden Verschwörungsmythen, sagte der Wissenschaftler der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Zwar habe es schon vor der Pandemie eine Spaltung der Gesellschaft gegeben. "Aber wir müssen uns jetzt nicht wundern, wenn sich radikale Gruppen weiter radikalisieren, also aggressiver und gewaltorientierter werden, sich verbinden und zeigen", erklärte Zick. Auf einmal sei es möglich, Tausende Menschen auf die Straße zu bringen, um zulasten der Gesundheitsprävention einen vermeintlichen Widerstandsakt gegen "das System" zu äußern. "Für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist das eine bedrohliche Entwicklung."

"Demonstranten nicht pauschal abwerten"

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen appelliert angesichts der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen an Journalisten, die Demonstranten nicht pauschal abzuwerten. Es wäre ein Fehler, die Teilnehmer der Proteste allesamt als "Spinner" oder "Hysteriker" abzutun, sagte Pörksen im Deutschlandfunk. Denn dies würde zu einem "Ruin des Diskursklimas" beitragen. Anstatt in eine "Abwertungsspirale" einzusteigen, sei eine "respektvolle Konfrontation" notwendig, betonte der Forscher.

Es sei wichtig, medial über die Demonstrationen zu berichten, so Pörksen: "Hier entstehen zum Teil zweifelhafte neue Koalitionen, über die man sprechen muss, die Frage ist nur wie." Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, "dass der Diskurs in einem Strudel aus Verschwörungstheorien untergeht". Die Mehrheitsverhältnisse seien andere, das Kommunikationsklima dürfe nicht von den Lauten und Wütenden bestimmt werden.

Protestforscher sieht schwindenden Demo-Rückhalt

Der Protestforscher Dieter Rucht geht davon aus, dass die Demonstrationen gegen die Corona-Beschränkungen an Zulauf verlieren werden. Der Rückhalt für den Protest "verliert in dem Maße, in dem die Auflagen gegen die Pandemie gelockert werden - immer vorausgesetzt, dass es keine zweite Welle gibt", sagte Rucht dem Berliner "Tagesspiegel". "Diesem Protest wird bald der Wind in den Segeln fehlen." Zudem würden sich die Demonstrationen etwas "entmischen", erklärte er. "Es werden Leute zu Hause bleiben, weil sie nicht hinter den falschen Fahnen und dubiosen Figuren mitlaufen wollen." Das sei bereits bei den sogenannten Hygiene-Demonstrationen in Berlin zu beobachten. Allerdings werde die AfD, "die unter Corona an Aufmerksamkeit verloren hat, parteipolitisch Kapital aus den Protesten zu schlagen versuchen", sagte Rucht, der Vorstandsmitglied des Berliner Instituts für Protestforschung ist.

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