Medizinethiker: Ärzte brauchen konkrete Handlungsempfehlungen

Medizinethiker: Ärzte brauchen konkrete Handlungsempfehlungen
30.03.2020
epd-Gespräch: Christiane Ried
epd

Der Bayreuther Medizinethiker Eckhard Nagel warnt in der Corona-Pandemie vor seelischen Belastungen für Ärzte, wenn diese entscheiden müssen, welcher Patient eine lebensrettende Behandlung erhält und welcher nicht. Sie bräuchten dafür konkrete Handlungsempfehlungen, sagte Nagel dem Evangelischen Pressedienst (epd). Vergangene Woche hatten mehrere medizinische Fachgesellschaften entsprechende Empfehlungen herausgegeben. Aus Nagels Sicht sind diese aber noch nicht konkret genug, "weil wir einfach noch zu wenig über das Coronavirus und den Verlauf der Krankheit wissen".

Es sei ein gravierendes Problem, dass Ärzte somit zu sehr auf sich allein und ihr Gewissen gestellt seien, sagte Nagel. Er rate Medizinern immer: "Entscheidet nie allein. Holt euch Unterstützung." Diese sollte aus einer Pflegekraft und einem weiteren Arzt bestehen. Zustände wie in Italien oder Spanien, wo nicht mehr alle Patienten so behandelt werden können, wie sie müssten, seien eine "furchtbare Situation, von der ich hoffe, dass wir sie in diesem Ausmaß in Deutschland nicht erleben werden". Es dauere lange, bis Ärzte nach so einer belastenden Situation wieder zur Ruhe kommen. Sie müssten über das Erlebte sprechen, zum Beispiel mit Kollegen oder Notfall- und Krankenhausseelsorgern.

Sogenannte Triage-Entscheidungen zu treffen, gehört für den Transplantationsmediziner Eckhard Nagel zum beruflichen Alltag: "Es gibt einfach viel zu wenige Organe für zu viele Patienten, die auf Wartelisten stehen. Bekommt jemand kein Organ, dann kann das ein Todesurteil bedeuten." Der Gesetzgeber habe bestimmte Kriterien definiert: Wer braucht am dringendsten ein Organ, und wie gut sind die Erfolgsaussichten nach einer Transplantation? Hautfarbe, Religion oder soziale Zugehörigkeit spielten keine Rolle, sagte Nagel.

Diese Kriterien könnten grundsätzlich auch für schwer an Covid-19 Erkrankte herangezogen werden, allerdings nicht Eins zu Eins, sagte Nagel. Die notwendige Beatmungszeit bei Corona-Patienten dauere vergleichsweise lange, oftmals vier oder fünf Wochen. "Das ist ungewöhnlich für eine rein infektbedingte Lungenentzündung", sagte Nagel. Die Ärzte müssten daher natürlich bedenken, dass ein Patient, etwa aufgrund von Vorerkrankungen, so eine lange Beatmungszeit womöglich gar nicht überlebt.

Eckhard Nagel ist Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth. Bis 2016 war der mehrfach promovierte Mediziner und Transplantationsexperte Mitglied im Deutschen Ethikrat. Im Jahr 2005 war er Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags, 2010 des Ökumenischen Kirchentages.

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