TV-Tipp: "Tatort: Krieg im Kopf"

Altmodischer Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Tatort: Krieg im Kopf"
29.3., ARD, 20.15 Uhr
Hollywood hätte aus diesem Stoff einen großen Film in der Tradition vieler regierungskritischer Thriller gemacht. Weil hierzulande im Kino bloß noch Komödien große Umsätze bringen, reicht es "nur" für einen "Tatort"; aber der dürfte zu den besten Sonntagskrimis des Jahres gehören.

Es geht um eine Form der Kriegsführung, die eher nach Science-Fiction als nach Bundeswehr klingt, und um einen skrupellosen Menschenversuch, aber das können die Göttinger Kommissarinnen Lindholm (Maria Furtwängler) und Schmitz (Florence Kasumba) nicht ahnen, als sie mit einer fast ausweglosen Situation konfrontiert werden. "Krieg im Kopf" beginnt mit einer Szene, die Autoren und Regisseure gern als Einstieg nutzen, um dann in einer langen Rückblende die Vorgeschichte zu erzählen.

Im Foyer des Präsidiums drückt ein offenkundig verwirrter Mann Lindholm ein Messer an die Kehle, Schmitz steht mit gezückter Waffe davor und drückt schließlich ab. Im Haus des Mannes entdecken die Polizistinnen die Leiche seiner Frau. Nachforschungen ergeben: Benno Vegener (Matthias Lier) ist von einem Bundeswehreinsatz in Mali, bei dem sein Erkundungstrupp in einen Hinterhalt geraten ist, mit einem posttraumatischen Belastungssyndrom heimgekehrt. Er hörte Stimmen und war in therapeutischer Behandlung; offenbar vergebens. Dann hat er anscheinend seine Frau umgebracht und seine Erschießung provoziert. Für Lindholms Chef (Luc Veit) ist der Fall damit erledigt, für die Kommissarinnen allerdings nicht. Ihre Recherchen führen sie in einen Abgrund kaum vorstellbarer Skrupellosigkeit: Kaltblütig geht der Militärische Abschirmdienst über Leichen, um einen unerhörten Skandal zu vertuschen.

Christian Jeltschs Geschichte erinnert lebhaft an "Brennende Kälte", einen "Dengler"-Roman von Wolfgang Schorlau, dessen Verfilmung das ZDF im letzten Jahr gezeigt hat. In der auf Tatsachen basierenden Handlung hat ein deutscher Rüstungskonzern eine Waffentechnologie entwickelt, die im Prinzip ähnlich wie eine Mikrowelle funktioniert und das Blut zum Kochen bringt. Dort gehörten die Schurken zum Bundesnachrichtendienst, im "Tatort" zum MAD. Die Botschaft ist die gleiche: alles Verbrecher. Die Recherchen der Polizistinnen ergeben, dass es bei dem Erkundungstrupp in Mali vier Überlebende gab. Die drei Männer waren in psychologischer Behandlung und sind mittlerweile tot, den Anführer hat Schmitz erschossen. Bleibt nur noch Susanne Bortner (Katharina Schlothauer), die seit einem Autounfall im Rollstuhl sitzt, dank der implantierten Chips einer High-Tech-Firma aber bald wieder gehen kann. Dieses Unternehmen ist eigentlich auf Helmtechnologie spezialisiert. Im Selbstversuch erlebt Lindholm, wie die Kopfbedeckung aus Soldaten perfekt funktionierende, gegen Schmerzen unempfindliche Maschinen macht. Den Schlüssel zur Lösung des Rätsels aber findet sie in Vegeners verstecktem Kellerraum, als sie plötzlich selber Stimmen hört.

Die Faszination von Jeltschs auch in kleinsten Details sehr sorgfältigem und zudem ziemlich komplexem Drehbuch liegt nicht zuletzt in der Verquickung von Fakten und Verschwörungstheorien, wobei der Begriff "Theorie" streng genommen nicht mehr angebracht ist, wenn sich die Fiktion als Wahrheit entpuppt. Es schwirren allerlei komplizierte technische Details durch die Dialoge, aber da die Ermittlerinnen hinsichtlich eines Phänomens wie der transkraniellen Magnetstimulation ähnlich ahnungslos sind wie die meisten Zuschauer, werden sie schlüssig erklärt. Die entsprechenden Ausführungen hat Grimme-Preisträger Jeltsch ("Einer geht noch", 2001), dessen Miniserie "Die verlorene Tochter" (ZDF) kürzlich einer der Höhepunkte des Fernsehjahres war, griffig in die Handlung integriert; ähnlich wie in Schorlaus Roman sind die beschriebenen Erfindungen und Experimente (etwa das "Mind Control"-Programm der CIA) allesamt authentisch. Regie führte Jobst Christian Oetzmann, auch er Grimme-Preisträger ("Tatort: Im freien Fall", 2002). 

"Krieg im Kopf" ist nach "Das verschwundene Kind" (2019) der zweite Fall für das Duo Lindholm/Schmitz, und zum Glück hat Jeltsch darauf verzichtet, den Zickenkrieg zwischen den beiden Frauen zu vertiefen; absurder Tiefpunkt der Animositäten war im ersten Film eine schallende Ohrfeige. Die Kommissarinnen sind immer noch keine besten Freundinnen, aber der Rettungsschuss zu Beginn lässt sie zusammenwachsen, auch wenn sie unterschiedlich damit umgehen. Jeltsch lässt sie anschließend nur scheinbar zu Tagesordnung übergehen: Beide geben sich zwar cool, aber natürlich macht ihnen das Erlebnis zu schaffen. Schmitz hat regelmäßig Visionen von Vegener, was zu einer echten Gänsehautszene Szene führt, als sich ihr Mann beim Kuss in den Soldaten verwandelt. 

Der Film ist ohnehin immer wieder ziemlich spannend, erst recht, wenn die Ermittlerinnen ins Visier ihres unbekannten, aber offenbar omnipotenten und omnipräsenten Gegners geraten und selbst Opfer des von Oetzmann so genannten "Horrorkabinetts der Militärtechnologie" werden. Buch und Regie haben zudem ein gutes Gleichgewicht zwischen anspruchsvollen Dialogen und packenden Ereignissen gefunden. Beides ist gleichermaßen faszinierend: Ein Hirnforscher doziert über die Illusion des freien Willens, eine Frau droht wie aus dem Nichts unter unerträglichen Schmerzen zu sterben. Spätestens jetzt wird auch die wichtige Rolle der Musik (Sebastian Fillenberg) deutlich, die nicht nur in dieser Szene ein fast körperlich spürbares Unbehagen verbreitet.

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