TV-Tipp: "Unter Verdacht: Evas letzter Gang"

Altmodischer Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Unter Verdacht: Evas letzter Gang"
28.3., ZDF, 20.15 Uhr
Seit 2002 gehört "Unter Verdacht" zu den besten deutschen Krimireihen. Selbst die gelegentlichen etwas schwächeren Episoden waren immer noch sehenswert. Nach 17 Jahren ist nun Schluss, auch auf Betreiben von Hauptdarstellerin Senta Berger, die schon seit einigen Jahren der Meinung ist, angesichts ihres Alters (78) nehme die Glaubwürdigkeit der Figur Schaden.

Gemeinsam mit Drehbuchautor Alexander Adolph und Regisseur Friedemann Fromm – alle drei wurden für die Auftaktepisode "Verdecktes Spiel" mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet – sowie dem Produzenten Mario Krebs hat die Schauspielerin 2002 für einen ganz neuen Ermittlertypus im hiesigen Fernsehen gesorgt. Als Vorbild diente "Prime Suspect" (deutscher TV-Titel: "Heißer Verdacht"). Die britische ITV-Serie mit Helen Mirren war in den Neunzigern ein Prototyp für verschiedene Krimireihen, in denen sich Frauen in einer Männerwelt behaupten müssen. Mit der Entscheidung, eine interne Ermittlerin zur Hauptfigur zu machen, waren Krebs & Co. ihrer Zeit nicht nur im Fernsehen weit voraus: Im Jahr 2000 gab es in Deutschland überhaupt nur zwei Dienststellen dieser Art.

Mit dem dreißigsten Film, "Evas letzter Gang", schließt sich der Kreis, denn das Drehbuch (Stefan Holtz, Florian Iwersen) knüpft an den ersten Fall von Kriminalrätin Eva Prohacek an. Damals war sie einer Immobilienspekulation in großem Stil auf der Spur. Die Drahtzieher saßen wie in vielen Geschichten der Reihe ganz oben. Der besondere Reiz des Abschiedsfilms besteht nicht zuletzt im Wiedersehen mit einigen Antagonisten früherer Ermittlungen; Friedrich von Thun (als Wasserwerks-Chef), Helmut Berger (Bauunternehmer) und Michael Greiling (Brauerbesitzer) haben Prohaceks Antagonisten in "Das Blut der Erde" (2013) gespielt und waren sich nicht zu schade, im Abschlussfilm in kurzen Szenen aufzutreten.

Der Film beginnt mit einer Rückblende: Vor 17 Jahren ist eine Frau in ihrem Haus verbrannt. Offiziell war der Brand ein Unfall; selbst die hartnäckige Prohacek hat sich mit dieser Version begnügen müssen. Die Tochter des Opfers, Sarah (Julia Franz Richter), war aber stets überzeugt, dass ihre Mutter umgebracht worden sei, weil sie ihr Haus nicht verkaufen wollte. Deshalb ist sie Polizistin geworden; nebenbei hat sie ermittelt. Auf diese Weise ist sie schließlich mit unfreiwilliger Hilfe eines Kollegen auf den mutmaßlichen Mörder gestoßen, einen Ex-Polizisten (Heinz-Josef Braun hat bereits in "Verdecktes Spiel" mitgewirkt).

"Evas letzter Gang" dauert ausnahmsweise 105 Minuten, weil die eigentliche Handlung etwas umständlich eingeführt wird: Der Kollege, den Sarah für Zwecke benutzt hat, war in sie verliebt und hat sich vor ihren Augen in den Kopf geschossen. Da es zuletzt überdurchschnittlich viele Suizide bei der Münchener Polizei gegeben hat, soll sich die kurz vor der Pensionierung stehende interne Ermittlerin der Sache annehmen. Wie so oft in früheren Fällen grätscht ihr Chef dazwischen: Claus Reiter (Gerd Anthoff) war schon damals in die Sache verwickelt. Im Lauf der gemeinsamen Jahre hat der Vorgesetzte mitsamt seinen Spießgesellen aus der einflussreichen Vereinigung "Opus bavariae" (um diesen Verein ging es auch in "Willkommen im Club", 2006) immer wieder Schuld auf sich geladen, konnte seinen Kopf aber jedes Mal aus der Schlinge ziehen. Als Sarah tot aus der Isar geborgen wird, sehen Prohacek und ihr Mitstreiter und Reiter-Intimfeind Langner (Rudolf Krause) endlich die Chance gekommen, den verhassten Vorgesetzten dank eindeutiger Indizien zur Strecke zu bringen; aber dann kommt alles ganz anders, und Eva muss dem alten Widersacher sogar das Leben retten.

Die Rückblenden sind im Stil alter Technicolor-Filme gehalten, aber das ist neben einigen wenigen bemerkenswert gestalteten Einstellungen die einzige stilistische Besonderheit. Regie führte Andreas Herzog, "Evas letzter Gang" ist sein sechster Beitrag zu "Unter Verdacht". Bislang waren seine Filme stets herausragend. Er hat neben "Blut der Erde" unter anderem auch "Verlorene Sicherheit" (2017) inszeniert. In dem packenden Zweiteiler wurde der Ziehsohn von Prohacek verdächtigt, an einem islamistischen Bombenanschlag aufs Oktoberfest beteiligt zu sein. An diese Qualität reicht der Abschluss der Reihe allerdings nicht heran; das Spannungsniveau ist diesmal ein ganz anderes, zumal das Drehbuch immer wieder die Pensionierung thematisiert und die Stimmung entsprechend melancholisch wird. Mitunter schießt der Film auch etwas übers Ziel hinaus; einmal bricht Langner in einer Mischung aus Abschiedsschmerz und Frustration darüber, dass Reiter wieder mal davonzukommen scheint, gar in Tränen aus. Allzu unsubtil wirkt auch die Szene, in der er seine Tastatur zerdeppert, wobei die "Escape"-Taste abspringt; später schreibt er seine Kündigung (Escape heißt Flucht).

Holtz und Iwersen sind ein gestandenes Autorenduo. Die beiden haben sich ihre Meriten von "Donna Leon" bis "Kluftinger" bei einer Vielzahl von Krimireihen erworben; für "Unter Verdacht" haben neben "Verlorene Sicherheit" auch den bedrückenden Jugendamtkrimi "Mutterseelenallein" geschrieben. "Evas letzter Gang" leidet jedoch darunter, dass die Krimiebene im Grunde erst nach dreißig Minuten beginnt. Dann allerdings erreicht der Film das übliche Niveau der Reihe, zumal Senta Berger sehenswert wie stets ist. Die außerordentliche Qualität der Reihe resultierte ohnehin nicht zuletzt aus den vorzüglichen Leistungen des Trios Berger/Anthoff/Krause. Das deutsche Fernsehen verliert mit "Unter Verdacht" eine seiner profiliertesten Krimimarken.

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