Volker Jung predigt zur Corona-Krise

Predigt
Volker Jung predigt zur Corona-Krise
Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung predigt im ZDF-Gottesdienst in der Ingelheimer Saalkirche. Angesichts der Corona-Pandemie rief er zu Solidarität auf ermutigte, nicht die Hoffnung zu verlieren. Lesen Sie seine Predigt.

"Andrá tutto bene" – alles wird gut! Mit diesen Worten, liebe Fernsehgemeinde, machen sich zurzeit die Menschen in Italien Mut. Abends singen sie auf den Balkonen. Sie bleiben zuhause, halten Abstand und verbinden sich mit Liedern, um die Hoffnung stark zu machen. Das ist sehr beeindruckend.

Auch hier in Deutschland gibt es seit Tagen ähnliche Aktionen. Musikerinnen und Musiker haben sich im Internet verabredet und spielen gemeinsam die Ode an die Freude.

Menschen singen abends zu einer verabredeten Zeit "Der Mond ist aufgegangen" – mit den zurzeit besonders berührenden Zeilen "Verschon uns Gott mit Strafen und lass uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbarn auch".

Mittlerweile läuten an vielen Orten auch die Glocken zu fest verabredeten Zeiten. In dieser Zeit rufen sie Menschen nicht zusammen – hinein in die Kirchen. Aber sie laden ein zum Gebet. Und so sind dann die Gebete der vielen einzelnen Menschen in ihren Wohnungen ein gemeinsames Gebet.

"Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet." (Römer 12,12) Das hat der Apostel Paulus vor fast zweitausend Jahren an die junge Christengemeinde in Rom geschrieben. Da wurde keine Pandemie bekämpft. Aber das Gefühl, wie zerbrechlich und bedroht das Leben sein kann, war den Menschen damals nicht fremd.

Gegen Krankheiten gab es ohnehin viel weniger Möglichkeiten als heute. Fast jede Krankheit konnte schnell lebensbedrohlich werden.

Bedroht waren die Christinnen und Christen aber auch, weil sie damit rechnen mussten, wegen ihres Glaubens verfolgt zu werden. Es war ihnen bewusst, dass ihnen manchmal gar nichts anderes blieb, als sich in ihre Häuser zu verkriechen.

Leben kann so vielfältig bedroht sein. Das schienen wir fast vergessen zu haben. Der Gemeinde in Rom stand das jeden Tag vor Augen.

I. Mitten hinein in das bedrohte Leben dann diese Worte: "Seid fröhlich in Hoffnung!" Das ist sogar noch mehr als "Alles wird gut!". Denn manchmal wird eben nicht alles gut. Wir sehen und erleben das auch jetzt.

Für manche Menschen bedeutet es, dass Covid-19 den Tod bringt. Aus Italien erreichen uns eben nicht nur die Bilder der singenden Menschen auf den Balkonen, sondern auch die Bilder überfüllter Krankenhäuser und verzweifelter Menschen.

"Seid fröhlich in Hoffnung." Als Paulus das schrieb, wusste er auch, dass es für manche nicht einfach gut ausgehen würde. Er wusste es auch nicht für sich selbst, weil er immer wieder in Gefahr und Not war. Und trotzdem schreibt er: Seid fröhlich in Hoffnung!

Warum? Weil Gott ein Gott des Lebens ist und nicht des Todes. Davon war Paulus überzeugt, das hat er geglaubt: Gott hat dem Leben den Tod nicht erspart. Aber er hat dem Tod die Macht genommen. Denn Gott hat Jesus Christus nicht im Tod gelassen. Jesus ist nicht in dieses Leben zurückgekehrt. Aber er ist uns nah, an unserer Seite – in allem, was wir erleben.

Römer 8,37-39

Diesen Glauben, den Grund seiner Hoffnung, hat er in die wunderbaren Worte gefasst, die auch im Brief an die Gemeinde in Rom stehen: "Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserem Herrn." (Römer 8,37-39)

Wer so glaubt, sagt sich und anderen: Du bist unauflöslich mit der Liebe Gottes verbunden. Was auch immer geschieht, du wirst aufgefangen von der Hand eines liebenden Gottes. Gott, der das Leben geschenkt hat, gibt dich nicht der Macht des Todes preis.

"Alles wird gut." Das können wir nicht immer so sagen. Manches ist nicht gut und wird nicht gut. Und manches ist und bleibt wirklich sinnlos. Aber die Hoffnung, die alles übersteigt, legt auch das Sinnlose in Gottes Hand und vertraut es Gott an: Gottes Gerechtigkeit und Gottes Liebe.

II. Und diese Hoffnung vertröstet aber nicht einfach auf das, was danach kommt. Sie ist und bleibt Hoffnung auch hier und jetzt. Sie wendet sich nicht ab, wenn Menschen in Not sind und Hilfe brauchen. Deshalb: Seid fröhlich in Hoffnung! Und: Seid geduldig in Trübsal!

Was das bedeutet, müssen wir vielleicht gerade jetzt lernen. Wir merken, dass es Dinge gibt, die wir nicht mal einfach so in den Griff bekommen. Alle, die entscheiden müssen, haben nicht einfach und sofort ein Konzept in der Tasche. Die Entwicklung eines Impfstoffes oder eines wirksamen Medikamentes braucht Zeit.

Jetzt müssen wir alles tun, um möglichst viele Neuinfektionen zu vermeiden. Und dabei merken wir: Das ist auch nicht auf Abruf machbar. Das Corona-Virus hat unser Leben empfindlich unterbrochen.

Manche denken: Das ist auch gut, daraus können wir vielleicht vieles lernen. Es ist gut, dass wir uns gerade jetzt darauf besinnen, was wirklich wichtig ist. Ja, das ist sicher richtig.

Aber dabei dürfen wir die nicht übersehen, die es jetzt besonders schwer haben.

Da sitzt jemand ganz alleine in seiner Wohnung und fühlt sich abgeschnitten und isoliert von allen.

Da wird jemand beatmet und kein Angehöriger darf in die Nähe und fürchtet ein einsames Sterben.

Da wissen manche nicht, wie es danach, wenn alles überstanden ist, wirtschaftlich weitergehen soll, weil die Betriebe geschlossen sind oder alles nur eingeschränkt läuft: in der Gastronomie, im Handwerk, in der Landwirtschaft, in Unternehmen und Einrichtungen.

Da ist jetzt schon viel Geduld, sehr viel Geduld gefragt.

Mehr zu Fernsehgottesdienst, Volker Jung, Coronavirus
istock-1284176826_i-201.jpg
Auch wenn die Corona-Lockdowns das Land zeitweise lahmlegten - gestorben wurde trotzdem. Und so musste auch weiterhin Abschied genommen werden. Wie waren Bestattungen während der Pandemie? Was galt für die Beerdigung von Infizierten?
Covid-19 Impfstoff von Biontech/Pfizer für eine Impfung
Evangelische und katholische Hilfswerke fordern eine gerechtere Verteilung von Corona-Impfstoffen. Insbesondere vulnerable Gruppen weltweit müssten versorgt werden.

Und es ist für alle nicht einfach, die gerade jetzt unendlich gefordert sind – in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, in den Geschäften, die offen bleiben, in den Rettungsdiensten, in Beratung und Seelsorge, in der Forschung, in der Politik.

Und bei denen, die ganz ungewohnte Situationen bewältigen müssen – in Kindertagesstätten und Schulen, in unseren Familien. Sie alle brauchen viel Geduld, viel Kraft und sie brauchen Solidarität – jetzt und in der Zeit danach.

Ich bin dankbar, in einer Gesellschaft zu leben, die auch in einer so schwierigen Situation darum ringt, gerade Schwache und besonders Verwundbare zu schützen. Diesen Weg müssen wir weitergehen. Es ist Weg der Nächstenliebe und es ist so ein Weg der Geduld.

Dabei können, ja müssen wir einander helfen und unterstützen. Es gibt so viele großartige Initiativen, die Einkaufshilfe organisieren und zeigen, dass niemand allein sein muss. Und manchmal hilft in allem auch der kleine Humor zwischendurch. Denn gibt es auch jetzt. Nicht umsonst heißt es: Geduld und Humor sind Kamele, die durch die Wüste tragen.

III. Wir können auch jetzt viel erreichen. Hoffnung, Geduld (und auch Humor) kommen aber nicht nur aus uns selbst. Damit sie in uns bleiben und uns immer neu erfüllen, ist es gut, auch das Dritte zu hören, das Paulus hinzufügt: Seid beharrlich im Gebet.

Vielleicht sind jetzt manche bei unserem Gottesdienst dabei, die denken: Ich habe schon lange nicht mehr gebetet. Oder andere, die sagen: Ja, in diesen Tagen, hatte ich manches Stoßgebet im Herzen.

Wie auch immer Sie beten: Beten tut gut, Beten hilft, Beten gibt Kraft. Das Gebet ist der Ort, wo ich das vor Gott ausbreite, was mich im Innersten bewegt: meine Sehnsucht, meine Wünsche, meine Sorge, meine Angst, meine Fragen. Wenn ich bete, dann sage ich Gott oft das, was ich nicht verstehe und begreife. Ich vertraue Gott Menschen an, um die ich mich besonders sorge. Und ich bitte Gott um seinen Schutz und seine Beistand für mich und für andere.

Ja, und durch das Gebet, im Gebet sind wir in einer weltweiten Gemeinschaft miteinander verbunden. Lassen Sie uns miteinander und füreinander beten – gerade jetzt und hier und heute.

Wir haben am Anfang des Gottesdienstes dazu eingeladen, dass Sie uns ihre Gebete zu schicken. Viele sind bei uns eingetroffen. Wir werden sie gleich in den Fürbitten aufnehmen.

Und sie können uns gern auch jetzt noch Ihr Gebet zusenden. Die Adresse ist gerade noch einmal eingeblendet.

Drei möchte ich jetzt schon vorlesen. Sie werden mir gerade gebracht:

[ …] Hier werden Fürbitten vorgelesen.

Ja, es ist gut, wenn wir so aneinander denken und miteinander beten. Gott ist uns nah ist und hört unsere Gebete.

Lassen Sie uns beherzigen, was Paulus sagt – heute, in der kommenden Woche und der Zeit, die vor uns liegt: "Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet."

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.