Kinositze statt Kirchenbänke

Kirchensaal der ehemaligen Baptistenkirche in Göttingen

© epd-bild/Sven Pförtner

Die 117 Jahre alte ehemalige Baptistenkirche in Göttingen, die fast 35 Jahre leer stand, ist zum Kino umgebaut worden.

Kinositze statt Kirchenbänke
Wie sich leere Kirchen neu erfinden
Was soll aus leerstehenden Kirchen werden? Die Gebäude sind oft denkmalgeschützt, der Unterhalt teuer. Für die Menschen aber bleiben sie besondere Orte. In Göttingen ist eine ehemalige Kirche zum Kino umgebaut worden. Und auch an anderen Orten gibt es interessante Lösungen

Das meiste von der Kirche ist geblieben, auch ein Geruch, der ein wenig wie in einer alten Bibliothek anmutet. Nur die Kirchenbänke sind üppigen Sitzen aus dunklem Samt gewichen. Und wo der Altar stand, hängt jetzt eine Leinwand. Die 117 Jahre alte ehemalige Kirche der Baptistengemeinde in Göttingen ist zum Kino geworden. Über dem Kinosaal mit Foyer und Bistro entstanden zudem auf zwei Etagen vier Mietwohnungen und ein Büro direkt unter dem Dach.

Hier wie überall in Deutschland geht die Zahl der Kirchenmitglieder zurück, Gemeinden werden zusammengelegt, einige Kirchen immer weniger genutzt: Manchmal bleibt nur die Entscheidung für eine Entwidmung, also die Aufgabe als sakraler Bau. Der Unterhalt der Gebäude ist auf Dauer teuer. "Die einzelnen Kirchengemeinden stehen dann vor der Frage, ob sie ihr Geld lieber in Menschen oder in Steine investieren", sagt die Stadtplanerin und Architektin Kerstin Gothe, Professorin am Karlsruher Institut für Technologie. Zusammen mit der Volkswagenstiftung hatte sie ein Symposium geplant, in dem Fachleute aus fünf europäischen Ländern über die Umnutzung von Kirchen diskutieren wollten. Es wurde wegen der Corona-Krise kurzfristig abgesagt.

Die Frage, was aus den profanierten Kirchen werden soll, sei komplex, erläutert Gothe. "Kirchen sind besondere Orte." Die Menschen in ihrer Umgebung hingen daran. Selbst diejenigen, die sich sonst nicht als religiös bezeichneten, stünden auf, wenn eine Kirche abgerissen werden sollte. "Kirchen sind für Schwellenrituale wie Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse als Orte wichtig." Auch nach Terroranschlägen fänden Menschen oft in Kirchen zusammen, um einander zu trösten.

Sollte eine Kirche nach der Entwidmung eine neue Funktion bekommen, müsse diese im Idealfall eine öffentliche Aufgabe erfüllen, fordert die Stadtplanerin: "Traditionell sind Kirchen öffentliche Räume." Im Mittelalter und der frühen Neuzeit versammelten sich Menschen darin oder trieben Handel. Die Einschränkung auf rein sakrale Nutzung hat sich Gothe zufolge erst in späteren Jahrhunderten etabliert.

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Wo leere Gotteshäuser neu zum Leben erwachen

Alte Kapelle wird zum modernen Apartment

Foto: Cornbread Works

Alte Kapelle wird zum modernen Apartment

Foto: Cornbread Works

Das niederländische Architekturbüro "Zecc Architecten" verwandelte in Utrecht eine alte katholische Kapelle in ein modernes Apartment. Dabei blieb der bauliche Charakter der kleinen Kirche erhalten. Zusätzliche Dachfenster machen den Raum heller und die Glasmalerei wirkt stimmungsvoll. Hinter dem ursprünglichen Altar wurde ein mondrianähnliches Fenster eingebaut. Der Balkon, auf dem die Orgel stand, wurde erweitert. Ehemalige Kirchenbänke stehen nun im Essbereich. Aus einzelnen Bänken wurde auch der Tisch gezimmert. Das Schlafzimmer des Apartments ist bewusst dunkler gehalten. Weitere Informationen unter <a href="http://www.zecc.nl/nl/Projecten/project/1/Woonkapel-Utrecht">www.zecc.nl</a>

Brauerei

Foto: Rene Mattes/hemis.fr/laif

Haarlem war einst eine der wichtigsten Brauereistädte der Niederlande. Heute sind in der ehemaligen Jacobskirche im Raaks-Quartier in Haarlem eine Brauerei, ein Grand Café und ein Restaurant untergebracht. Eine Bierprobe ist möglich. Mehr Informationen unter <a href="http://www.jopenkerk.nl/haarlem/de/">www.jopenkerk.nl</a>

Hotel

Foto: Etienne van Sloun

Die ehemalige Kreuzherrenkirche in Maastricht ist nun ein Hotel mit Rezeption und Glasaufzug. Die Zimmer sind im angrenzenden Kloster untergebracht und die Ausstattung harmoniert mit der gotischen Architektur des Spätmittelalters. Wo einst der Altarraum war, befindet sich die Hotelbar. Mehr Informationen unter <a href="http://www.oostwegelcollection.nl/de/hotels/kruisheren-hotel">www.oostwegelcollection.nl</a>

Schlafzimmer

Foto: Etienne van Sloun

Wo einst gebetet wurde, werden heute in der ehemaligen Kreuzherrenkirche in Maastricht Hotelgäste weicher gebettet als Mönche jemals schliefen.

Skatehalle

Foto: Collin Versteegh

Wo früher Gläubige auf Kirchenbänken saßen und beteten, skaten nun Jugendliche über Rampen und Halfpipes. Das ehemalige Gotteshaus im niederländischen Arnhem wurde kurzerhand zur Skatehalle umgebaut.
Mehr Informationen unter <a href="http://www.skatehalarnhem.nl/">www.skatehalarnhem.nl</a>

Wohnhaus

Foto: Frans Hanswijk

In der katholischen Sankt Jakobuskirche im niederländischen Utrecht gibt es bereits seit 1991 keine Gottesdienste mehr. Bis 2007 wurde die Kirche als Ausstellungsraum für antike Möbel genutzt. Heute bietet die ehemalige Kirche, die vom niederländischen Architekturbüro "Zecc Architecten" umgebaut wurde, viel Raum für ein Wohnloft. Mehr Informationen unter <a href="http://www.zecc.nl/nl/Projecten/project/23/Woonkerk-XL-Utrecht">www.zecc.nl</a>

Martin's Patershof

Foto: PR

Aus der ehemaligen Franziskanerkirche im belgischen Mechelen wurde das schicke Hotel Martin's Patershof. Gespeist wird im sakral wirkenden Ambiente. Mehr Informationen unter <a href="http://www.martinshotels.com/en/hotel/martins-patershof">www.martinshotels.com</a>

Schlafen unterm Kuppeldach

Foto: PR

Heute lässt es sich im Martin's Patershof himmlisch schlafen.

Zudem ragten Kirchen aus baulicher Sicht heraus - im übertragenen wie buchstäblichen Sinne. Mit ihren Türmen und auf einem prominenten Platz im Ort sollten sie schon von weitem zu sehen sein. "Die Kirchentürme werden manchmal auch Zeigefinger Gottes genannt." Auch die Gebäude an sich seien wertvoll: "Oft haben sie die besten Architekten ihrer Zeit errichtet." Weit mehr als 80 Prozent aller Kirchen in Deutschland stehen unter Denkmalschutz. Sie einfach abzureißen, gehe allein schon deshalb nicht. "Aber sie stark zu verändern, kann auch problematisch sein."

In Göttingen stand die frühere Kirche der Baptistengemeinde fast 35 Jahre lang leer. "Vieles war mittlerweile völlig verrottet", sagt Telke Reeck. Sie ist Geschäftsführerin des kommunal geförderten Göttinger Kinos "Lumière", das auch das neue Kino in der Kirche betreibt. Die Sanierungskosten des Sandsteingebäudes aus dem Jahr 1903 waren für die Stadt als neue Eigentümerin schlicht zu hoch. Erst als sich ein Investor fand, der nach eigenen Angaben 1,8 Millionen Euro in die originalgetreue Renovierung investierte, konnte in der Kirche ein neues Leben beginnen.

Charakter erhalten

"Dabei wollten wir ihren Charakter unbedingt erhalten", betont Reeck. Im Kirchensaal wurde dafür das Tonnengewölbe aus Holz von Hand geschliffen, die Balustrade mit Samt bezogen, damit der Ton auch für ein Kino stimmt. "Wenn ein Gebäude sich nicht gut als Kino eignet, dann ist es eigentlich eine Kirche", sagt Reeck. "Aber wir haben es am Ende geschafft."

Einer Umfrage des Evangelischen Pressedienstes vom vergangenen Jahr zufolge ist die Zahl der verkauften und entwidmeten Kirchen im Rheinland und in Westfalen besonders hoch: In der Evangelischen Kirche im Rheinland wurden zwischen 2008 und 2018 insgesamt 150 Kirchen entwidmet. Seit 2001 wurden in der Evangelischen Kirche von Westfalen 78 Kirchen und 61 weitere Gottesdienststätten aufgegeben.

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Kirchen werden Synagogen

Die alte Kirche mit Turm (links) und die umgebaute Synagoge in der Dämmerung

© Philipp Ottendörfer/JürgenVolkmann

Die alte Kirche mit Turm (links) und die umgebaute Synagoge in der Dämmerung

© Philipp Ottendörfer/JürgenVolkmann

Wahrscheinlich lebten Juden bereits seit der Stadtgründung im 12. Jahrhundert in Bielefeld. Die ersten Quellen datieren jüdisches Leben auf die Mitte des 14. Jahrhunderts. Nun war Bielefeld - anders als die berühmten Gemeinden in Mainz oder Worms - nie Zentrum der jüdischen Geistesgeschichte. Und doch gelangte das Bielefelder Judentum zu tragischer Bekanntheit: Eine der wenigen Filmaufnahmen, die es von den Novemberpogromen gibt, zeigt die brennende Bielefelder Synagoge, ein Bauwerk für 800 Menschen. Die heutige Synagoge ist kleiner. Die ehemalige Paul-Gerhardt-Kirche wurde 2008 zur Synagoge Beit Tikwa, "Haus der Hoffnung". Worte, die sicherlich auch Paul Gerhardt, dem bekanntesten Texter evangelischer Kirchenmusik und Namensgeber der ehemaligen Kirche, gefallen hätten.

Alte Hugenottenkirche von Außen (links) und der Innenraum der Synagoge (rechts)

© dpa Picture-Alliance / Patrick Pleul / Bernd Settnik

Nach Kriegsende waren nur noch zwölf Mitglieder der ehemaligen Cottbuser jüdischen Gemeinde am Leben. Erst der Zuzug russischer Juden in den 90er Jahren führte zu einer neuen Blüte des Gemeindelebens. Was hätte besser gepasst, als die alte Hugenottenkirche (Schlosskirche) 2015 zur Synagoge umzuwidmen. Auch die Hugenotten kamen einst als Flüchtlinge nach Brandenburg und brachten nicht nur ihr Handwerk sondern auch die eigene Spiritualität mit. Frei nach dem Motto: Migration bringt Vielfalt.

Altes Kirchengebäude von Außen (links) und der tiefblaue Innenraum der Synagoge (rechts)

© Martin Steiner/HAZ / Philipp Ottendörfer

2013 wurde das jüdische Leben in Hannover um einen Sakralbau reicher. Mit rund 200 Mitgliedern befindet sich hier die größte Gemeinde bucharischer Juden (die Vorfahren der bucharischen Juden sind nach dem babylonischen Exil im 6. Jahrhundert vor Christus bis nach Zentralasien, ins Gebiet des heutigen Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan gewandert). Die Gemeinde kaufte die evangelische Magdalena-Kirche, einen sanierungsbedürftigen Bau aus den 60er Jahren. Es ist heute eines von drei jüdischen Gotteshäusern der Stadt und strahlt nach dem Umbau im Innenraum in leuchtendem Blau. Traditionell sind orientalische Synagogen im Blau eines afghanischen Steins ausgemalt - der Farbe, die ein Gefühl der Verbindung zum Göttlichen vermitteln soll.

Eine Kirche wird zur Synagoge: Vor der Umwidmung (links), während der Bauarbeten m Gerüst (Mitte), die fertige Synagoge (rechts)

© bariloche1/www.panoramio.com/photo/7937813/CC BY-SA 3.0/Creative Commons / Geogast/CC BY 3.0/Creative Commons.org/licenses/by/3.0 / Philipp Ottendörfer

Bereits 2009 wurde eine andere Kirche in Hannover zur Synagoge. Auf der einen Seite gab es schwindende Mitgliederzahlen in der damaligen evangelischen Gemeinde, auf der anderen Seite suchten die liberalen Juden Hannovers ein Gebäude für ihre größer werdende Gemeinde. Die Gustav-Adolf-Kirche war ein in die Jahre gekommener moderner Kirchenbau aus den 60er Jahren. Gerade das Schlichte des Baus sprach für eine Umnutzung. Die Vorsitzende der jüdischen Geminde betonte einmal in einem Interview, dass es für sie nicht in Frage gekommen wäre, einen Kirchturm abzureißen, da die Vornutzer eine emotionale Verbindung zu dem Gebäude hätten. So wurde ein moderner Bau außen morderner und erst der Innenraum verrät, wer hier betet.

Die Rose Barracks-Kapelle von Außen (links), der mit Deckenventilatoren ausgestattete Innenraum der Synagoge

© Philipp Ottendörfer

Der Luftzug eines Deckenventilators, die Ahnung von einem Gospelchor, doch es ist keine Südstaatenkirche, um die es geht: Die abgebildete Kapelle steht im rheinland-pfälzischen Bad Kreuznach. Seit den 50er Jahren hatte sich die 8th Infantry Division der US-Armee in Bad Kreuznach eingerichtet und war in der Rose Baracks-Kasernenanlage untergebracht. Als die GI's gingen, blieb die Kirche zurück. Es gab ein paar Zwischennutzungen aber erst die jüdische Kultusgemeinde Bad Kreuznach und Birkenfeld kam, um zu bleiben. 63 Jahre nach der Zerstörung der alten Synagoge hatte die Gemeinde wieder ein Zuhause.

Glasfenster der Synagoge von dem Glaskünstler Renée Blätterman

© Uli Holzhausen

Das Glasfenster der Synagoge in Bad Kreuznach stammt von dem Glaskünstler Renée Blätterman, der sie in den DERIX Glasstudios (Bericht: https://www.evangelisch.de/galerien/144257/03-07-2017/kirchenfenster-handgemacht-glasmaler) anfertigen ließ.
Hier einige Gedanken des Künstlers zu seinem Glasfenster: "SIMCHAT TORA -
Das Glaskunstwerk vermittelt in seiner
Bildsprache Aspekte jüdischer Kultur
und Religion und erinnert an die wechselvolle
Geschichte jüdischen Lebens in
der Region und in Bad Kreuznach. Das
Werk besteht aus einer Komposition
von sieben Bedeutungsebenen, angelehnt
an die tiefgründige Symbolik der
Zahl Sieben in der Tora." Die sieben Symbole des Fensters spannen einen Bogen
von der Wüstenwanderung bis zur
Übergabe der Tora.

Alte Aufnahme der Baptisten-kapelle (links) und das Gebäude nach der Sanierung heute (rechts)

© Alt-Oldenburg.de / GregorHelm/GFDL /CC-BY-SA-3.0/Creative Commons

Vor genau 150 Jahren weihten Oldenburger Baptisten ihre eigene Kapelle ein. Eine Glaubensgemeinschaft, die es mit Staat und Kirche nicht leicht hatte. Noch heute existiert die kleine Gemeinde, allerdings sind sie schon seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr im Besitz des Gebäudes. Und während das evangelische Krankenhaus das sakrale Kleinod als Bettenhaus nutzte, wirkte die Shoa noch lange auf eine andere Gemeinschaft nach, die nicht einmal genug Mitglieder hatte, um überhaupt eines Gottesdienst abhalten zu können. Doch auch hier heilten Zeit und Migration die Wunden. 1995 kauften die Oldenburger Juden die Kapelle und nach über 80 Jahren wurde in den Räumen wieder gebetet.

Die Gustav-Adolf-Kirche in Hannover ist seit 2009 eine Synagoge. In Bielefeld wurde 2005 die Martini-Kirche als Restaurant neu eröffnet, und in Mecklenburg-Vorpommern ist aus einer Klosterkirche ein Orgelmuseum geworden. Expertin Kerstin Gothe empfiehlt Gemeinden, sich früh um Kooperationen mit Vereinen oder der öffentlichen Hand zu bemühen, um gemeinsam zu überlegen, wie man Kirchen erhalten könne. Zurzeit stünden viele von ihnen einfach leer. Aber: "Wenn es anfängt, durchs Dach hereinzuregnen, ist es für gut durchdachte Lösungen oft zu spät."

Das konnte in Göttingen verhindert werden. Marianne Mühlenberg, Vorsitzende des Vereins "Filmkunstfreunde Göttingen", freut sich: "Es ist beglückend, dass der Kirchensaal in seiner Schönheit wieder einmal einem guten Zweck dient."

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