Wie die Siebenbürger Sachsen versuchen ihr Erbe zu erhalten

Kirchenburg Grossau

© Lisa Menzel

Großau (Cristian) befindet sich ganz in der Nähe des Flughafens von Hermannstadt (Sibiu). Die Kirchenburg steht mitten im Dorf . Im Speckturm innerhalb der Mauern der Kirchenburg haben die Familien schon früher ihr Fleisch geräuchert, und auch heute werden dort noch Erzeugnisse aus dem Dorf verkauft. Das Pfarrhaus auf der anderen Seite der Kirche hält Übernachtungsmöglichkeiten für Tourist*innen bereit.

Wie die Siebenbürger Sachsen versuchen ihr Erbe zu erhalten
Wegen des Exodus' der Sachsen werden viele der Kirchenburgen in Siebenbürgen - zu Wehranlagen befestigte historische Kirchen - nur noch selten oder gar nicht mehr genutzt. Mehr als die Hälfte der insgesamt über 160 Kirchenburgen sind vom Verfall bedroht – bei manchen ist es im wahrsten Sinne des Wortes ein Kampf gegen die Zeit.

Seit dem 13. Jahrhundert war die Region Siebenbürgen, die heute zu Rumänien gehört und in der Landessprache "Transylvania" heißt, ein umkämpftes Gebiet. Dorfbewohner, vor allem Siebenbürger Sachsen, bauten deshalb ihre Kirchen zu Wehranlagen aus, hinter deren Mauern sie bei Bedrohung selbst Schutz suchen und außerdem wertvolle Güter vor Plünderungen in Sicherheit bringen konnten.

Kirchenburgen gab und gibt es auch in anderen Regionen Europas, weltweit einmalig ist allerdings die Dichte und Vielfalt der Kirchenburgen in Siebenbürgen – deshalb spricht man auch von der "Kirchenburgenlandschaft" Siebenbürgens. Heute gibt es noch über 160 solcher Anlagen, die weitgehend in ihrer vielfältigen historischen Gestalt erhalten sind.

Die Kirchen sind jeweils sehr unterschiedlich ausgebaut: Einige sind vergleichsweise einfache Wehranlagen in der Dorfmitte, andere dagegen richtig massive Festungen mit mehreren Ringmauern und strategisch guter Lage zur Abwehr von Feinden.

Sechs Dörfer mit Kirchenburgen gehören zum UNESCO Weltkulturerbe: Tartlau (Prejmer), Deutsch-Weißkirch (Viscri), Keisd (Saschiz), Birthälm (Biertan), Wurmloch (Valea Viilor) und Kelling (Câlnic). Außerdem ist auch die gesamte Stadt Schäßburg (Sighișoara) mit ihrer Kirchenburg UNESCO Weltkulturerbe. Sie alle wurden ausgewählt, weil sie jeweils eine bestimmte Besonderheit aufweisen, die sie gegenüber anderen Kirchenburgen hervorhebt.

Christoph Machat, Kunsthistoriker und Experte für Denkmalpflege, war in den 1990er Jahren an der Antragstellung für die UNESCO-Liste beteiligt. "Ich hoffe, dass zumindest die Kirchenburgen auf der UNESCO-Liste einigermaßen gepflegt und erhalten werden – und auch die dazugehörigen Dörfer", sagt er. Das Hauptproblem sei, dass die in Siebenbürgen verbliebene Bevölkerung weder Bezug zu den Kirchenburgen noch Interesse an ihnen habe. "Da muss man sich etwas einfallen lassen", sagt Machat.

Christoph Machat ist Siebenbürger Sachse und 1973 nach Deutschland ausgewandert.

"Die Kirchenburgen selbst sind Produkte einer Dorfgemeinschaft. Wegen der fehlenden Gemeinde sind Wartung und Pflege oft nicht mehr gewährleistet", sagt auch Ruth István, Referentin für Fachtourismus und Öffentlichkeitsarbeit bei der Stiftung Kirchenburgen. Die Stiftung wurde als Fachinstitut für den Erhalt des kirchlichen Kulturerbes von der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien gegründet, die für die Verwaltung der Kirchenburgen zuständig ist.

Natürlich kann die Stiftung Kirchenburgen sich nicht alleine um alle Kirchenburgen kümmern. Deshalb arbeiten sie mit vielen Partnern vor Ort zusammen. "In einigen Dörfern gibt es tolle Initiativen, mit denen wir partnerschaftlich zusammenarbeiten", erklärt Ruth István. Sie versteht die Stiftung eher als Koordinationsstelle für alles, was mit und in den Kirchenburgen passiert.

Längst wird nicht mehr in allen Kirchenburgen Gottesdienst gefeiert – es ist schlicht keine Gemeinde mehr da. Beeindruckende Kirchräume haben viele der Kirchen trotzdem, wie etwa die Hallenkirche in Birthälm, dem ehemaligen Bischofssitz der Evangelischen Kirche A.B.

"Was wir brauchen, sind Menschen, die anpacken und gute Ideen haben – und Geld. Wenn eines davon da ist, dann kommt das andere irgendwie zusammen", erklärt Ruth István zuversichtlich. Als sie vor kurzem die Möglichkeit hatten, beantragtes Geld aus einem Fond für Kulturerbeerhalt für eine Kirchenburg ihrer Wahl auszuschütten, haben sie es in Hundertbücheln (Movile) eingesetzt.

Dort hatten Landschaftsarchitekten aus München gerade den Verein Churchfortress e.V. gegründet, der Impulse zur Entwicklung des Dorfes sowie zum Erhalt der Kirchenburg und der umgebenen Landschaft setzen möchte. "Wenn wir uns aussuchen können, wo wir Gelder einsetzen, dann nehmen wir Dörfer, wo was los ist", sagt Ruth István.

Von der UNESCO fühlen sich die Mitarbeiter*innen der Stiftung Kirchenburgen alleine gelassen. "Die Aufnahme in die Liste der Weltkulturerbe ist eine Bestätigung der Relevanz. Die Gemeinschaft merkt dadurch, was sie da haben: ein einzigartiges kulturelles Erbe. Aber nach der Auszeichnung zeigt die UNESCO den Menschen vor Ort nicht, wie sie damit umgehen können", sagt Ramona Laczko, Kulturreferentin des Demokratischen Forums der Deutschen in Siebenbürgen (Siebenbürgenforum) bei der Stiftung Kirchenburgen.

UNESCO-Weltkulturerbe: "Die Gefahr ist groß, diesen Titel wieder zu verlieren"

Laczko wünscht sich vor allem Unterstützung in der Region, die über die Überprüfung alle zehn Jahre hinausgeht. "Zwischen diesen Bewertungen ist praktisch kein Kontakt da", erklärt sie. Und Ruth István fügt hinzu: "Die Auszeichnung der UNESCO bringt gar kein Geld – leider. Es ist schon so, dass ein solcher Titel mehr Publikum gibt, aber er bedeutet eben auch mehr Auflagen. Denn die Gefahr ist groß, diesen Titel wieder zu verlieren. Das hängt über den Kirchenburgen wie ein Damoklesschwert."

Ramona Laczko und Ruth István von der Stiftung Kirchenburgen.

Als Referentin für Fachtourismus überlegt Ruth István, wie die Stiftung mit Tourismus etwas für die Kirchenburgen tun kann. "Das geht mit Fachleuten: Denkmalpfleger, Architekten, Restauratoren und andere Leute, die sich mit der Materie auskennen," erklärt sie. Deshalb lädt die Stiftung vor allem Gruppen von Universitäten und (Fach-)Hochschulen ein, die Kirchenburgen in einem touristischen Umfeld kennenzulernen.

"Meistens ist es so, dass dann mindestens eine Person aus der Gruppe wiederkommt und seine Masterarbeit über ein Chorgestühl schreibt, ein Praktikum macht oder sich in einem Dorf ganz besonders wohlfühlt. Da kommen dann tatsächlich ganz tolle Ergebnisse raus", berichtet István.

Klassisches Handwerk fördern

Im Jahr 2019 hat der Masterstudiengang "Digitale Denkmaltechnologien", der von der Universität Bamberg und der Hochschule Coburg angeboten wird, eine Exkursion nach Siebenbürgen unternommen. "Die kamen mit ihrem ganzen Equipment angefahren und haben uns angeboten, dass sie mit ihren Studierenden einen praktischen Ausmaß machen – und wir durften uns aussuchen von welcher", erzählt István. Die Stiftung habe sich dann für die Kirchenburg in Schaal (Şoala) entschieden, bei der "sowieso baulich etwas zu machen" war.

Diese Karte der Stiftung Kirchenburgen zeigt den baulichen Zustand der Kirchenburgen in Siebenbürgen: Grüne Punkte markieren Kirchenburgen in sehr gutem bis gutem Zustand, gelbe Punkte sind Kirchenburgen in zufriedenstellendem Zustand bzw. teilweise gefährdet, und rote Punkte geben an, welche Kirchenburgen in schlechtem Zustand sind bzw. wo der Bestand akut gefährdet ist.

Auch über den Fachtourismus hinaus nimmt die Stiftung Kirchenburgen einen Bildungsauftrag wahr, so werden etwa in Workshops und Sommerschulen Handwerker*innen ausgebildet. "Es geht da um das klassische Handwerk, Maurer- und Zimmermannsarbeiten, die an den Kirchenburgen erledigt werden müssen – damit diese Tätigkeiten nicht verloren gehen", erklärt István.

Innovation und Bewahrung sind kein Widerspruch

Ein anderes Thema für die Stiftung Kirchenburgen ist Innovation. Laut Kulturreferentin Ramona Laczko müsse man anfangen, ernsthaft über die Umnutzung von Kirchenburgen zu sprechen. Damit sei gemeint, dass Kirchenburgen zumindest teilweise über den religiösen Gebrauch hinaus genutzt werden – und sei es nur das Gelände und die Gebäude um den eigentlichen Kirchraum herum.

Versucht wird das unter anderem in Holzmengen (Hosman). In der dortigen Kirche werde regelmäßig Gottesdienst gefeiert, es gebe aber auch Bestrebungen, darüber hinaus auch andere Veranstaltungen auszurichten.

Seit 2018 findet auf dem Gelände der Kirchenburg das "Holzstock-Festival" statt – ein dreitägiges Indie-Rock-Festival. "Die Bühnen waren innerhalb der Burgmauern aufgebaut und auch die Zelte wurden zwischen den Ringmauern aufgestellt", berichtet Laczko vom letzten Festival.

"Das ist ein Beispiel, wie diese Orte auch anders genutzt werden können. Langsam merken die Leute, dass solche Projekte keinen Widerspruch zur Bewahrung des kulturellen Erbes darstellen," sagt Laczko.

Insgesamt herrsche in Rumänien Uneinigkeit darüber, wie mit dem kulturellen Erbe in Zukunft umgegangen werden soll. Laczko stehe allerdings dafür ein, dass die Kirchenburgen im wahrsten Sinne des Wortes "offen" sind und damit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Stiftung Kirchenburgen

Die Verwaltung aller Kirchenburgen in Siebenbürgen gehört heute zu den Aufgaben der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien. Als Fachinstitut für den Erhalt des kirchlichen Kulturerbes wurde im Herbst 2015 die Stiftung Kirchenburgen gegründet. Die Schirmherrschaft haben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der rumänische Staatspräsident Klaus Johannis inne, der selbst Siebenbürger Sachse ist. Zuvor hat sich das Projektbüro "Leitstelle Kirchenburgen", das die Kirche 10 Jahre zuvor eingerichtet hatte, um die Kirchenburgen in der Region gekümmert.

Die Stiftung Kirchenburgen ist auf Spenden für konkrete Projekte oder auch den Aufbau der Stiftungsarbeit angewiesen.

 

Reformation in Siebenbürgen

Die Siebenbürger Sachsen haben sich im 16. Jahrhundert geschlossen der Wittenberger Reformation angeschlossen. Maßgeblich verantwortlich dafür war der Kronstädter Ratsherr Johannes Honterus (1498-1549), der im Exil in Kontakt mit dem Humanismus und den Gedanken der Wittenberger Reformation kam. Nach seiner Rückkehr wurde er der erste evangelische Pfarrer in Kronstadt (Brașov) und publizierte 1543 das sogenannte "Reformationsbüchlein". Honterus' Nachfolger im Stadtpfarramt von Kronstadt, Valentin Wagner (1510-1557), war direkter Schüler von Philipp Melanchthon.