Hanau: Neun Getötete haben Migrationshintergrund

Hanau: Neun Getötete haben Migrationshintergrund
Generalbundesanwalt spricht von «zutiefst rassistischer Gesinnung»
Neun der elf Toten in Hanau haben einen Migrationshintergrund. Der mutmaßliche Täter, der sich selbst das Leben nahm, soll ein rassistisches Motiv gehabt haben. Muslimische Verbände fordern mehr Schutz.

Deutschland trauert um die Opfer des mutmaßlich rechtsextremistischen Anschlags auf zwei Shisha-Bars in Hanau. Neun der elf Toten haben nach Angaben des Generalbundesanwalts Peter Frank einen Migrationshintergrund. Ein 43-jähriger Hanauer soll demnach am Mittwochabend in zwei Shisha-Bars neun Menschen erschossen haben. Die Polizei fand den mutmaßlichen Täter nach der Tat tot in dessen Wohnung auf, ebenso wie dessen Mutter, teilte der Generalbundesanwalt am Donnerstag in Karlsruhe mit. Sechs Menschen, darunter fünf mit Migrationshintergrund, seien verletzt worden.

Auf der Internetseite des mutmaßlichen Täters Tobias R. befanden sich laut Generalbundesanwalt Videobotschaften und ein Manifest, die "wirre Gedanken und Verschwörungstheorien" enthielten und eine "zutiefst rassistische Gesinnung" offenbarten. Ziel der Ermittlungen sei es zu klären, ob es Mitwisser oder Unterstützer gegeben habe. Die polizeilichen Ermittlungen übernimmt das Bundeskriminalamt.

Politiker aller Parteien verurteilten den Mordanschlag. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier reiste am Donnerstagnachmittag nach Hanau, um dort auf der für den Abend geplanten Mahnwache auf dem Marktplatz zu sprechen, wie das Bundespräsidialamt mitteilte. Steinmeier hatte zuvor sein Entsetzen über die Tat geäußert. "Ich stehe an der Seite aller Menschen, die durch rassistischen Hass bedroht werden", betonte das Staatsoberhaupt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von "entsetzlichen Morden". "Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift." Dieses Gift sei "schuld an schon viel zu vielen Verbrechen", sagte sie in Berlin und verwies auf der Morde der rechtsextremistischen Terrorzelle NSU, die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und den antisemitischen Anschlag von Halle.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), der zusammen mit Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) nach Hanau gereist war, kündigte an, mit den Innenministern der Länder über erhöhte Sicherheitsvorkehrungen an den Karnevalstagen zu beraten. Unter anderem solle es darum gehen, "sensible Einrichtungen" noch besser zu schützen, sagte Seehofer.

Muslimische Verbände riefen Politik und Gesellschaft zu Solidarität mit den Opfern auf. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, erklärte, wer antimuslimischen Rassismus nicht klar benenne oder verharmlose, mache sich mitschuldig an der blutigen Gewalt gegen Minderheiten. Muslimische Gotteshäuser und Repräsentanten der Religionsgemeinschaft müssten von den Sicherheitsbehörden besser geschützt werden, forderte er und rief zugleich die Muslime auf, eigene Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Unter den in Hanau getöteten Menschen seien auch junge Kurden, erklärte die Kurdische Gemeinde Deutschland am Donnerstag in Gießen.

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), der fast mit seinem vollständigen Kabinett nach Hanau gekommen war, sprach von einem "Angriff auf uns alle, auf unsere freiheitliche Demokratie" - und das an Weiberfastnacht, einem Tag, an dem die Menschen sonst fröhlich seien. Der hessische Landtag hatte am Morgen nach einer Schweigeminute für die Opfer seine geplante Sitzung abgesagt.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) rief zu einer Mäßigung im politischen Diskurs auf. "Solche Wahnsinnstaten geschehen nicht im luftleeren Raum, sie wachsen in einem vergifteten gesellschaftlichen Klima", erklärte Schäuble in Berlin. Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, nannte die Gewalttat einen traurigen Beleg für die brutalen Konsequenzen des Gifts, das rechtspopulistische und rechtsextreme Kreise zu streuen versuchen, schrieb Bedford-Strohm bei Facebook.

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