TV-Tipp: "Der Sommer nach dem Abitur"

Altmodischer Fernsehapparat steht auf Tisch.

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TV-Tipp: "Der Sommer nach dem Abitur"
28.2., Arte, 20.15 Uhr
In der Mitte des Lebens beginnen Männer, den verpassten Möglichkeiten nachzutrauern. Hin und wieder gibt es jedoch eine zweite Chance; und davon erzählen Marc Terjung (Buch) und Eoin Moore (Regie) in ihrer Tragikomödie "Der Sommer nach dem Abitur". 25 Jahre nach dem Ende der Schulzeit treffen sich drei Freunde, die sich lange nicht gesehen haben, um ein Vorhaben umzusetzen, das sich damals aus unterschiedlichen Gründen nicht realisieren ließ: der Besuch eines Open-Air-Konzerts ihrer gemeinsamen Lieblingsband, der britischen Ska-Gruppe Madness, die ihre größte Zeit Mitte der Achtziger hatte. Vergeblich versuchen die drei, die Uhr zurückzudrehen und die Unbekümmertheit von einst, als sie das Leben noch vor sich hatten, zu reanimieren. Zwar stellen sich umgehend die früheren Verhaltensweisen ein, aber das Trio hat sich auseinandergelebt, zumal sich gewisse Tendenzen, die wohl auch damals schon zu erkennen waren, verfestigt haben: Pharmareferent Alexander (Bastian Pastewka) ist ein echter Spießer geworden. Paul (Hans Löw) ist zwar immer noch ein Hallodri, aber was in jungen Jahren sympathisch war, wirkt heute lebensuntüchtig. Ole (Fabian Busch) schreibt Ratgeberbücher, deren alliterarische Titel ("Buddha an der Börse", "Judo für Jeden") reichlich fragwürdig klingen.

Eoin Moore ist der Schöpfer des "Polizeirufs" aus Rostock mit Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau. In den letzten Jahren hat er ausschließlich ARD-Sonntagskrimis gedreht; seine jüngste Arbeit war ein "Tatort" mit Til Schweiger. "Der Sommer nach dem Abitur" scheint daher deutlich aus dem Rahmen zu fallen, zumal der gebürtige Ire, der schon seit über dreißig Jahren in Deutschland lebt, seine Drehbücher in der Regel selbst schreibt. Trotzdem hat er für Terjungs Erzählung den perfekten tragikomischen Tonfall gefunden. Vordergründig ist die Geschichte der drei Freunde witzig, hintergründig hingegen beinahe bedrückend, weil der Schein bei allen Dreien trügt: Alexander, unfreiwilliger Vegetarier, ist nur noch angeblich glücklich verheiratet; Paul hat es allerdings ungleich ärger getroffen. Bloß Ole hat zur Verblüffung der beiden anderen das Beste aus seinem Leben gemacht.

Terjung hat mit "Edel & Starck" sowie "Danni Lowinski" zwei der erfolgreichsten Sat.1-Serien geschaffen. "Der Sommer nach dem Abitur" ist dagegen ein klassisches Road-Movie, bei dem ihm das Kunststück gelingt, aus Antihelden Sympathieträger zu machen. Schon der Prolog, als sich die drei Hauptfiguren zum Madness-Song "Our House" auf die Reise vorbereiten, sorgt für eine perfekte Charakterisierung. Im Grunde sind sie allesamt traurige Gestalten, die sich verzweifelt bemühen, einen letzten Zipfel ihrer Jugend zu erhaschen. Recht bald wird klar, dass die Reise Richtung Süden in dem klapprigen Uraltgolf, den Paul extra für den Roadtrip gekauft hat, unter einem schlechten Stern steht; der Scheibenwischer auf der Fahrerseite gibt schon beim ersten Regenschauer den Geist auf. Was früher gnädig durch den Deckmantel der Freundschaft kaschiert wurde, erweist sich heute als nervig, zumal gerade Alexander trotz eines gewissen Hangs zum Opportunismus keine Lust hat, wieder in seine alte Rolle als Opfer von Pauls fragwürdigen Scherzen zu schlüpfen.

Terjung und Moore lösen diese Konflikte jedoch immer wieder witzig auf, selbst wenn viele Ereignisse eigentlich nicht komisch sind: Weil Ole beim Umräumen Alexanders Koffer auf dem Parkplatz stehen gelassen hat, rückt prompt ein Sprengkommando an. Nach einem um Haaresbreite überstandenen lebensgefährlichen Unfall wird das Auto aus dem Verkehr gezogen. In einer sehr witzigen Szene klaut das Trio den Golf mit der Hilfe Whitney Houstons vom bewachten Parkplatz der Polizei. Als Running-Gag gibt es mehrfach Begegnungen mit einem bedrohlich wirkenden Rockertrio, das den Freunden die Reservierung auf dem Campingplatz streitig macht, sodass sie ihr Zelt neben dem Klo aufschlagen müssen. Sehr amüsant ist auch der Gastauftritt von Hübner als ehemaliger Mitschüler, der heute einen Supermarkt leitet und seinen Mitarbeiterinnen mit Hilfe der Überwachungskameras unter den Rock schaut. Kollegin Sarnau war sich nicht zu schade, eine ähnlich winzige Rolle als Apothekerin zu übernehmen. Moores Tochter Zoe wirkt ebenfalls mit und dröhnt die Freunde auf dem Campingplatz mit einem fragwürdigen Heino-Hit zu.

Trotz der heiteren Verpackung ist die Geschichte letztlich ein Drama, zumal sich Pauls Idee von der Reise zurück in die Jugend als abgekartetes Spiel entpuppt, in dessen Rahmen er einen Kind gebliebenen erwachsenen Sohn aus dem Hut zaubert und sogar zwei Romanzen eingefädelt hat. Immerhin beschert der Film der bezaubernden Pegah Ferydoni auf diese Weise einige beeindruckende musikalische Auftritte; die Schauspielerin wäre tatsächlich beinahe Sängerin geworden. Musik spielt naturgemäß ohnehin eine große Rolle, weil die Abenteuer der Freunde nicht nur von Madness-Songs begleitet werden; die Filmmusik (Warner Poland, Kai-Uwe Kohlschmidt, Wolfgang Glum) fügt sich prima in die Stimmung ein.

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