Dietrich Bonhoeffer und die Neue Rechte

Dietrich Bonhoeffers Ideen werden von der Neuen Rechten missbraucht.

©epd-bild /Gütersloher Verlagshaus

Die AfD und die Neue Rechtehaben den Theologen Dietrich Bonhoeffer für sich entdeckt. "Da wird eine Figur zugeschnitten..., dass es dann zu dieser nationalistischen bis völkischen Programmatik passt", kritisiert die katholische Sozialethikerin Mariannne Heimbach-Steins.

Dietrich Bonhoeffer und die Neue Rechte
Vor 75 Jahren, am 9. April 1945, wurde der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer von den Nationalsozialisten im KZ Flossenbürg hingerichtet. Doch nicht nur die Evangelische Kirche in Deutschland wird seiner gedenken. Auch die Neue Rechte hat Bonhoeffer für sich entdeckt.

"Ich bin stutzig geworden, als im letzten Jahr in Flossenbürg vom amerikanischen Botschafter eine große Gedenkplakette im Namen Donald Trumps eingeweiht wurde. Warum hängt da jetzt diese Plakette? Donald Trump wird wahrscheinlich noch nie von Dietrich Bonhoeffer gehört haben", vermutet der evangelische Theologe, Fernsehjournalist und Buch-Autor Arnd Henze.

Dietrich Bonhoeffer, Dichter des berühmten Liedes "Von guten Mächten still und treu umgeben", der Mitbegründer der Bekennenden Kirche, der Widerständler gegen Adolf Hitler, ist nicht nur Vorbild für die Evangelische Kirche in Deutschland: Das KZ Flossenbürg ist heute "American heritage", Ort US-amerikanischen Kulturerbes.

Als ideologische Waffe missbraucht

Längst wird Bonhoeffer in politisch rechten Lagern geradezu benutzt, weiß Henze: "Die religiöse Rechte in Amerika hat ihren eigenen Zugang zu Dietrich Bonhoeffer gefunden. Wir haben hier noch gar nicht gemerkt, wie Bonhoeffer politisch umgedreht und zur Waffe gemacht worden ist." Zur ideologischen Waffe nämlich, die Evangelikale und extreme Rechte gegen das vermeintliche Establishment und den neoliberalen Zeitgeist, gegen Abtreibungen oder die Aufhebung des Schulgebetes in Stellung bringen. So wie Bonhoeffer damals müsse man heute dem Rad in die Speichen fallen. Wortführer ist dabei, so sieht es Arnd Henze, der US-Erfolgsautor Eric Metaxas, der mit seiner Bestseller-Biografie über Bonhoeffer den sogenannten "Bonhoeffer-Moment" etabliert hat.

"Als Donald Trump 2016 Präsidentschaftskandidat wurde, war Metaxas einer der ersten, der der evangelikal-fundamentalistischen Szene gesagt hat: Leute, der mag zwar mit seinen ganzen Affären, seiner sexistischen Sprache und mit allem, was sonst an dem Mann schmierig ist, nicht ein Vorzeigechrist sein. Aber das ist jetzt der Bonhoeffer-Moment, weil der Mann alles verspricht, was wir haben wollen", sagt Henze.

Aus dem Zusammenhang gerissen

Von den USA her sickere diese Aneignung Bonhoeffers durch die Evangelikalen auch nach Europa. Ähnlich werde der Widerstand gegen Hitler nun auch von der Neuen Rechten und der AfD in Deutschland rezipiert. Das sieht auch der katholische Theologe Gregor Taxacher an der TU Dortmund so, der über Bonhoeffer geforscht hat. Die Rechte in Amerika, aber auch in Deutschland nehme sich von Bonhoeffer das, was ins eigene Weltbild passe.

"Das ist eine Strategie, die rechte Bewegungen in den USA kultivieren - dieses völlige Entkontextualisieren von Zitaten, von Ereignissen, von Gestalten. Irgendein Spruch, irgendein Fakt, völlig aus dem historischen Kontext genommen. Da werden nun auch in Deutschland irgendwelche Bonhoeffer-Sprüche auf Facebook gepostet und dann wird darunter geschrieben: Warum muss ich da jetzt an die Flüchtlingskrise denken?", so Taxacher.

In vielen Pfarrämtern werde das nicht einmal bemerkt. "AfD-Kreise teilen einen sehr populären Text von Bonhoeffer: 'Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit'. Als sei der Text wie auf Angela Merkel geschrieben worden. Und weil das eben ein sehr vertrauter Text ist, teilen und liken Pfarrer das einfach, obwohl die sicher nichts mit der AfD zu tun haben. Unter dem Motto: Alles von Bonhoeffer ist gut. Sie merken nicht, dass ergänzt mit zwei bis drei Sätzen einer Anti-Merkel-Polemik das sofort einen ganz anderen Spin bekommt", beklagt Arnd Henze die Arglosigkeit vieler Gemeindetheologen.

Die AfD und die Neue Rechte beziehen sich aber nicht nur auf Bonhoeffer: Der AfD-Saalekreisverband etwa wirbt mit dem Slogan "deus vult – Gott will es" - der Spruch, mit dem Papst Urban II. zum ersten Kreuzzug gegen die Muslime ins Heilige Land rief. Auf der erzkatholisch-rechtsextremen Webseite kreuz-net.at findet sich der Wahlspruch des in der Nazizeit widerständigen Kardinals Clemens August Graf von Galen: "Nec laudibus nec timore!"  - Weder Lob noch Angst. Von Galen hatte öffentlich gegen die Euthanasie protestiert. Der katholische Widerständler gegen Hitler wird wie ein Persilschein für die eigenen kruden Aussagen benutzt. Andere Neurechte beziehen sich auf die Geschwister Scholl oder auf Stauffenberg. Das Erzählmotiv: So wie die guten Nationalkonservativen damals Widerstand gegen Hitler leisteten, so müssten die guten Deutschen heute Widerstand gegen den vermeintlich "links-grünen Mainstream", den "Gender-Wahnsinn" und gegen die "Merkel-Diktatur" leisten. Ein seriöser Umgang mit den Quellen ist das nicht.

"Da wird eine Figur zugeschnitten, im Grunde genommen amputiert, dass es dann zu dieser nationalistischen bis völkischen Programmatik passt. Das wird aber dem Gesamtwerk eines Bonhoeffer, dem Zeugnis der Geschwister Scholl oder Kardinal von Galens sicher nicht gerecht", sagt Mariannne Heimbach-Steins, katholische Sozialethikerin an der Uni Münster.

Natürlich gebe es kein Copyright auf Bonhoeffer und andere. Nur dürften die Kirchen solche gewichtigen Theologen nicht den neuen Rechten überlassen, mahnt der EKD-Synodale Henze. Gerade Dietrich Bonhoeffer sei ein Kronzeuge dafür, dass sich die Kirchen gegen jede Form der Menschenverachtung wehren müssten. Gerade jetzt, im 75. Jahr nach seiner Ermordung. Es brauche bei den verfassten Kirchen endlich ein Bewusstsein, dass sich auch in Deutschland eine religiöse Rechte bilde, die die Bekennende Kirche, Bonhoeffer und andere Gestalten der deutschen Geschichte für sich vereinnahme.

"Wir müssen aufpassen, dass wir Bonhoeffer nicht so sinnentleeren, dass die Sprüche zeitlos schön auf Kalenderblätter passen. 'Man muss dem Rad in die Speichen greifen' - ohne den konkreten Kontext, was er gemeint hat: Dann, wenn der Staat versagt, wenn er den Menschen keinen Schutz mehr bietet. Wenn wir diesen Kontext nicht mehr im Bewusstsein haben, dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn andere Bonhoeffer aus dem Kontext reißen und für sich benutzen", warnt Arnd Henze.