Garnisonkirche: Experten empfehlen neuen Lernort statt Kirchenschiff

Debatte um den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam

© Rolf Zoellner

Gegner des Bauvorhabens hatten 2016 vor dem historischen Standort der Kirche der preussischen Militärkirche. Die Debatte um den Wiederaufbau der Garnisonkirche hält an. Nun gibt es einen neuen Vorschlag.

Garnisonkirche: Experten empfehlen neuen Lernort statt Kirchenschiff
Alles wie früher oder alles ganz neu: In der anhaltenden Debatte über einen Nachbau der Potsdamer Garnisonkirche haben Experten einen neuen Vorschlag präsentiert, der beides verbindet. Und sie fordern einen Lernort zur preußischen Geschichte.

In die Gestaltung des künftigen Potsdamer Garnisonkirchturms sollten nach Auffassung von Experten auch die früheren Kriegsgegner Preußens einbezogen werden. Damit könnten die damals von Preußen angegriffenen mehr als 60 Völker und Länder, darunter Frankreich und die Herero und Nama in Afrika, einen künstlerischen Kommentar zur preußischen Geschichte abgeben, sagte Steffen Schuhmann, Professor für visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, am Dienstag bei der Vorstellung des Konzepts in Potsdam.

Eine solche Gestaltung wäre ein "sichtbares Zeichen der Versöhnung", sagte der Architekturexperte und frühere Leiter der Dessauer Bauhaus-Stiftung, Philipp Oswalt. Damit könne der "militärischen Triumphgeste" der historischen Fassade der Kirche ein neuer Inhalt entgegengesetzt werden. Ziel sei die Ausschreibung eines klassischen Kunst-am-Bau-Wettbewerbs, sagte Schuhmann. Damit werde dann "zurückgestaltet, nicht zurückgeschossen".

Der frühere Standort der preußischen Militärkirche müsse zum Ort der kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte werden, betonte Oswalt. Dafür müsse auf der Freifläche hinter dem neuen Garnisonkirchturm statt eines historisierenden Kirchenschiffs ein modernes Ausstellungsgebäude errichtet werden. Dort sollten auf zwei Stockwerken rund 1.000 Quadratmeter Fläche zur Verfügung stehen.

Für einen solchen Lernort werde eine weit größere Fläche benötigt, als die derzeit im Turm geplanten Ausstellungsräume, sagte Oswalt. Um einen Bruch mit der Geschichte der früheren Militärkirche zu vollziehen, müsse zudem das in unmittelbarer Nähe errichtete DDR-Rechenzentrum erhalten werden, das derzeit von Künstlern genutzt wird. Am historischen Standort der Garnisonkirche müssten "Bau und Gegenbau" mit dem zusätzlichen Lernort zu einem neuen Ensemble vereint werden.

Bildergalerie

Die Geschichte der Garnisonkirche

Zeichnungen aus dem Jahr 1730

Foto: wikipedia/Alexander Gläßer

Zeichnungen aus dem Jahr 1730

Foto: wikipedia/Alexander Gläßer

Nachdem die vorherige Kirche, ein quadratischer Fachwerkbau, Risse bekommen hatte, wurde der Architekt Philipp Gerlach mit den Plänen für eine neue Kirche im Barockstil beauftragt. Auftraggeber war König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der die Kirche zwischen 1730 und 1735 errichten ließ. Sie wurde von Angehörigen des Hofstaats und der Garnison, aber auch von der Zivilgemeinde genutzt.

Gruft von Friedrich Wilhelm I und seinem Sohn Friedrich II.

Foto: wikipedia/Robert Ostmann

Friedrich Wilhelm I. wurde 1740 in der Gruft der Garnisonkirche bestattet, ebenso wie 1786 sein Sohn Friedrich II. gegen dessen Willen (er wollte auf der Terrasse von Sanssouci begraben werden). Am Grab von Friedrich II. verbrüderten sich 1805 Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise mit Zar Alexander I. gegen Napoleon Bonaparte.

Garnisonkirche im 19. Jahrhundert.

Foto: wikipedia/Carl Hasenpflug

Ein bedeutendes Datum ist der 31. Oktober 1817, als in der Garnisonkirche zum 300. Reformationsjubiläum erstmals ein gemeinsamer Abendmahlsgottesdienst von Reformierten und Lutheranern stattfand. Die beiden Konfessionen hatten sich 1809 auf Anordnung Friedrich Wilhelm III. zur Kirche der Altpreußischen Union zusammengeschlossen.
Ab 1816 wurden in der Garnisonkirche zahlreiche Fahnen und Standarten als Trophäen aus den Kriegen gegen Frankreich, Österreich und Dänemark aufgestellt.
Im Jahr 1827 entstand dieses Gemälde des damals bekannten Kirchenmalers Carl Hasenpflug.
Zwischen 1856 und 1910 wurde die Garnisonkirche renoviert.

Eröffnung des neugewählten Reichstags in der Garnisonkirche 1933.

Foto: Dr. Wilfried Bahnmüller/image BR/SZ Photo/laif

Am 21. März 1933 wurde in der Garnisonkirche der neu gewählte Reichstag eröffnet (SPD und KPD nahmen nicht teil). Reichskanzler Adolf Hitler spricht, vor ihm sitzt Reichspräsident Paul von Hindenburg. Die Inszenierung durch Propagandaminister Joseph Goebbels sollte konservativ-monarchisch eingestellten Deutschen suggerieren, dass mit Hitlers Machtergreifung an preußische Zeiten angeknüpft würde. Das Datum war eine Anspielung auf den 21. März 1871, als Kaiser Wilhelm I. im Berliner Schloss den damaligen Reichstag eröffnet hatte.

Adolf Hitler und Paul von Hindenburg.

Foto: epd-bild/akg-images

Reichskanzler Adolf Hitler verabschiedet am 21. März 1933 vor der Garnisonkirche Reichspräsident Paul von Hindenburg. Auch diese Szene wurde nachträglich für Propaganda genutzt: Der einfache Soldat Hitler unterstellt sich dem Kriegshelden und beliebten Landesvater von Hindenburg; preußisch-militaristische und national-konservative Kräfte schließen sich zusammen.

Mann an der Orgel.

Foto: bpk/Kunstbibliothek/Photothek Willy Römer

Der Professor wirkte von 1910 bis 1945 als Glockenist und Organist in der Garnisonkirche, die zu dieser zeit eine bedeutende Stätte der Kirchenmusik war. Das Glockenspiel der Garnisonkirche galt als eines der schönsten in Europa. Ab 1797 wurde im Wechsel "Lobe den Herren" und "Üb' immer Treu und Redlichkeit" mechanisch intoniert. Um frei zu spielen, musste Becker die Holzstäbe mit der Faust herunterschlagen, um die Klöppel zu aktivieren, die von innen an die Glocken schlugen.

Die Garnisonkirche nach einem Bombenangriff und einem Feuer.

Foto: wikipedia/Bundesarchiv/o.Ang./Hoffmann

Zwar wurde die Garnisonkirche in der Nacht vom 14. auf den 15. April nicht direkt von einer Bombe getroffen, doch Feuer aus den Nachbargebäuden griff auf die Kirche über. Das Innere wurde komplett zerstört, die Glocken fielen aus dem Turm in die Tiefe. Die Särge Fridrich Wilhelms I. und Friedrichs II. hatte man schon 1943 in Sicherheit gebracht.

Kapelle im Stumpf des Turms.

Foto: Spelda/garnisonkirche-wissen.de

Mit der Umbenennung in "Heilig-Kreuz-Kirche" begann die Gemeinde sich 1949 neu zu formieren. Der Gemeindekirchenrat hatte den Namen "Versöhnungsgemeinde" favorisiert, konnte sich damit aber gegenüber der Kirchenleitung nicht behaupten.
1950 wurde im Stumpf des Turms eine Kapelle eingerichtet, und mit zwei neuen Glocken konnte wieder zum Gottesdienst gerufen werden. Auch Taufen und Trauungen fanden in der Heilig-Kreuz-Kirche statt.

Zerstörte Garnisonkirche

Foto: garnisonkirche-wissen.de

Anfang der 1960er Jahre bemühte sich das Institut für Denkmalpflege Berlin um einen Wiederaufbau der Kirche. Dafür mussten zunächst die Trümmer beseitigt werden. Auf freiwilliger Basis begannen die Gemeindemitglieder im Sommer 1962 damit, den Schutt mit einer Lorenbahn abzutransportieren. Deren Gleise sind auf diesem Foto gut zu erkennen.

Sprengung der Garnisonkirche.

Foto: epd-bild/Lutz Hannemann

Das SED-Regime war der Meinung, die Kirche störe das sozialistische Erscheinungsbild Potsdams. Gegen den Widerstand von Kirchenvertretern, Bürgern und Denkmalschützern beschloss die Stadtverordnetenversammlung 1968 (mit vier Gegenstimmen), dass die Ruine gesprengt werden sollte. Das geschah in mehreren Abschnitten. Die Hälfte des Turms überstand diesen Sprengversuch am 19. Juni, endgültig fiel er am 23. Juni 1968.

Geläut

Foto: epd-bild/Gordon Welters

In Iserlohn gründete sich 1984 die "Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel", die das Geläut neu herstellen ließ und es im April 1991 an die Stadt Potsdam übergab. Es steht auf dem Gelände der ehemaligen Garnisonkirche und lässt ebenfalls "Lobe den Herren" und "Üb' immer Treu und Redlichkeit" erklingen. Auf den insgesamt 40 Glocken stehen die Namen der Spender, aber auch die von verlorenen deutschen Ostgebieten.

Bogen von der Grundsteinlegung 2005, dahinter eine provisorische Kapelle.

Foto: epd-bild/Rolf Zöllner

Mehr als 100 Persönlichkeiten aus Berlin und Brandenburg unterzeichneten 2004 den "Ruf aus Potsdam" zum Wiederaufbau der Garnisonkirche. Auf dem Gelände steht heute der Bogen von der Grundsteinlegung 2005, dahinter eine provisorische Kapelle, die 2011 in Dienst genommen wurde und in der sich eine Ausstellung befindet, rechts die Fassade des historischen Langen Stalls.
Der Wiederaufbau der Garnisonkirche ist umstritten. Befürworter sind die Evangelische Kirche mit der "Stiftung Garnisonkirche Potsdam" und der "Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam" (die "Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel" hat sich 2016 aufgelöst). Gegner sind die Bürgerinitiative "Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche" und die Initiative "Christen brauchen keine Garnisonkirche".

Vergoldete Wetterfahne

Foto: epd-bild/Andreas Schoelzel

Lange bevor mit dem Wiederaufbau des Turmes begonnen wird, ist die rund acht Meter hohe vergoldete Wetterfahne schon fertig. Die Metallkonstruktion mit einem zur Sonne strebenden Adler, einer Krone und den Initialen Friedrich Wilhelms I. wird durch einen Stahlkäfig vor Vandalismus geschützt.

Plakat mit der wiederaufgebauten Kirche.

Foto: epd-bild/Rolf Zöllner

Auf zwei Plakatwänden wurde 2014 für den Wiederaufbau der Barockkirche geworben. Er wird finanziell unterstützt von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und der Bundesregierung. Eine Baugenehmigung für den Turm liegt seit 2013 vor. Die Befürworter sehen in der Garnisonkirche einen erhaltenswerten historischen Ort und wollen darin ein Zentrum für Versöhnung einrichten, während die Gegner die Kirche als Symbol für Militarismus sehen und den Neubau zudem aus finanziellen Gründen ablehnen.

Symbolische Ziegelspende

Foto: garnisonkirche-wissen.de/Monika Schulz-Fieguth

Wer den Wiederaufbau unterstützen will, kann unter http://garnisonkirche-potsdam.de/spenden-und-foerdern/ziegelspenden einen Aufruf unterschreiben und eine Ziegelpatenschaft übernehmen.

Baustelle des Turms

Foto: epd-bild/Rolf Zoellner

Die Garnisonkirche wurde zwar zerstört und später abgerissen - ganz verschwunden ist sie jedoch nie. Unterirdisch blieben 38 bis zu 40 Meter tief versenkte Grundpfeiler bestehen. Als im Oktober 2017 der offizielle Wiederaufbau des neuen Turms freigegeben wurde, dachte man noch, dass man das alte Fundament der Barockkirche durchbrechen könne, um das Neue zu sichern. Aber Pustekuchen: im Frühjahr 2018 herrschte auf der Baustelle mehrere Wochen Stillstand. Das alte Fundament ist zu stabil, um die Bohrungen durchzuführen. Bei einer Bohrung habe sich das Bohrrohr nur mit Schwierigkeiten wieder aus dem Erdreich ziehen lassen, heißt es dazu bei der Baustiftung. Das Bohrloch habe deshalb nicht wie geplant mit Beton verfuellt werden können. Bei einer zweiten Bohrung sei das Bohrrohr abgerissen und zum Teil in der Erde verblieben.

Roland Fiedler (l-r), Wieland Eschenburg, Kommunikationsvorstand der Stiftung Garnisonkirche Potsdam, und Ernst Haiger, halten ein Brüstungsgitter der Garnisonkirche Potsdam in den Ausstellungsräumen auf der Fläche der einstigen Garnisonkirche in Potsdam i

Foto: Christoph Soeder/Picture-Alliance/dpa

Nicht alles aus der alten Garnisonkirche ging damals verloren. Ernst Haiger und Roland Fiedler retteten im Mai 1962 ein 57 Zentimeter langes, schmiedeeisernes Teilstück des ehemaligen Brüstungsgitters. Im Mai 2018 übergaben sie das Stück Wieland Eschenburg, dem Kommunikationsvorstand der Stiftung Garnisonkirche Potsdam.

Betonstabstahl im Fundament auf der Baustelle für den Turm der Garnisonkirche in Potsdam

Foto: Martin Müller/imago

Im Sommer 2018 wurde auf der Garnisonkirchenbaustelle wieder kräftig gearbeitet. Mit Betonstabstahl wird das Fundament für den Turm geschaffen.

Grundsteinlegung

© Ralf Hirschberger/dpa

Am 18.02.2019 beobachten Besucher gespannt den Beginn der Bauarbeiten für den Turm des Gotteshauses. Der Kirchturm soll wie das 1968 auf Geheiß der DDR-Führung gesprengte Original mit rund 2,3 Millionen Ziegelsteinen bis zu knapp 90 Meter hochgemauert werden.

40 Millionen Euro teurer Neubau des Kirchturms

© epd-bild/Rolf Zoellner

Seit Herbst 2017 wird hier gearbeitet, inzwischen steht der Erdgeschoss-Rohbau, drei weitere Etagen im Turmsockel folgen noch. Dann soll mit dem Turmschaft begonnen werden.
Bis November 2019 war bekannt, dass die bereits beschlossenen zwölf Millionen Euro Bundesmittel für den rund 40 Millionen Euro teuren Neubau des Kirchturms auf bis zu 18 Millionen Euro aufgestockt werden sollen. Zusätzlich heißt es in dem neuen Antrag vom 12. November, für die Garnisonkirche solle eine Verpflichtungsermächtigung von bis zu 2,25 Millionen Euro wegen Mehrbedarfs ausgebracht werden.

In dem Konzept übernimmt das DDR-Gebäude architektonisch die Rolle des Kirchenschiffs. Vor der Fertigstellung des Turms müsse zudem der Lernort errichtet werden, forderte Oswalt. Die Gelder, die derzeit in den Turmbau fließen, müssten deshalb umgelenkt werden. In der Architektur und in den Inhalten von Turm und Lernort müsse ein "doppelter Bruch" mit der Geschichte vollzogen werden.

Bereits im Jahr 2014 warben große Plakatwände für den Wiederaufbau der Garnisonkirche mit einem historischen Foto.

Auch der evangelische Kirchenkreis spricht sich gegen ein Kirchenschiff nach historischem Vorbild aus. "Einen historisierenden Wiederaufbau des ehemaligen Kirchenschiffes kann sich der Kreiskirchenrat nicht vorstellen", heißt es in einer Stellungnahme für die Anhörung der Stadtverordnetenversammlung am Freitagabend, die dem Evangelischen Pressedienst (epd) vorliegt.

Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) hatte vorgeschlagen, auf dem Grundstück eine internationale Jugendbegegnungsstätte für Bildung und Demokratie zu errichten. Der Vorschlag ist ein Thema der Anhörung.

Die Garnisonkirche wurde 1945 bei einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört und 1968 in der DDR abgerissen. Seit 2017 wird ein Nachbau des Turms errichtet. Das Bauprojekt ist vor allem wegen der Geschichte der preußischen Militärkirche umstritten.

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