Mediziner: Höhere Standards bei Transplantationen in armen Ländern

Mediziner: Höhere Standards bei Transplantationen in armen Ländern
17.01.2020
epd-Gespräch: Stefan Korinth
epd

Hannover (epd). Weltweit höhere Standards in der Transplantationsmedizin könnten aus Sicht des Medzin-Ethikers Eckhard Nagel viele Menschen vor Erblindung und anderen gesundheitlichen Schäden schützen. "Eine einfache Transplantation der Augenhornhaut kann Millionen Menschen vor der Blindheit bewahren", sagte Nagel am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Höhere Standards seien auch nötig, um der Kommerzialisierung der Transplantationsmedizin und der Ausbeutung möglicher Spender in armen Ländern entgegenzuwirken. Nagel äußerte sich am Rande der Jahrestagung der "European Eye Bank Association" in Hannover.

Nach Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hätten weltweit zwei Milliarden Menschen mit Einschränkungen beim Sehen zu kämpfen, sagte Nagel. Vielen drohe der Verlust des Augenlichts durch Infektionskrankheiten oder Unfälle. Der Professor schlug vor, in Entwicklungsländern ein Netz von Gewebebanken wie in Europa zu etablieren, in denen Gewebespenden wie Augenhornhaut aufbewahrt werden. In Europa funktioniere dies effektiv und ohne kommerzielle Interessen. Das operative Ersetzen der Augenhornhaut sei bereits heute die weltweit häufigste Transplantation bei Menschen und ein Routineeingriff.

Zu den höheren Standards gehöre auch eine bessere Informationspolitik für die Bevölkerung in Entwicklungsländern, sagte Nagel, der an der Universität Bayreuth Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften lehrt. "In Entwicklungsländern gibt es teilweise noch Ressentiments und religiöse Vorbehalte gegen Transplantationen." Diese müssten durch Information abgebaut werden.

Nagel, der jahrelang Mitglied des Deutschen Ethikrats war, warnte vor der Ausbeutung und Kommerzialisierung des Gewebe- und Organhandels. "Gewebehandel ist überall verboten, und doch findet er statt." Der enorme Mangel an Gewebespenden sei der Hauptgrund dafür. Mit Geld könnten Regeln in armen Ländern zu oft umgangen werden. Hier müssten wirksame Grenzen gezogen werden.

In Deutschland existiert ein Netz von rund 20 Gewebebanken, in denen Augenhornhäute, Blutgefäße oder Herzklappen für Transplantationszwecke aufbewahrt werden. Die Augenhornhaut (Cornea) kann bis zu 72 Stunden nach dem Tod bei gestorbenen Menschen entnommen und dann bis zu 34 Tage in einer Gewebebank konserviert werden.

Rund 7.000 von Blindheit bedrohten Menschen wird in Deutschland nach Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation jährlich eine gespendete Cornea transplantiert. Die Tendenz sei steigend. Rund 1.800 Menschen stünden auf einer Warteliste.