Präsident und Bürger

Altbundespräsident Joachim Gauck wird 80 Jahre alt

© epd-bild/Rolf Zoellner

Der frühere Pfarrer Joachim Gauck veröffentlichte ein Buch als Plädoyer für mehr Toleranz im demokratischen Meinungsspektrum.

Präsident und Bürger
Altbundespräsident Joachim Gauck wird 80 Jahre alt
Er war Pfarrer, Politiker, Bundespräsident, vor allem aber ist er Demokrat: Joachim Gauck wird 80. Die Lust an kontroverser Debatte hat er nicht verloren.

Bei seinem Amtsantritt als Bundespräsident freute sich Joachim Gauck 2012 uneingeschränkt über das deutsche "Demokratiewunder". Bei seinem Abschied aus dem höchsten Staatsamt fünf Jahre später warnte er dann vor Gefahren für genau diese Demokratie. Im vergangenen Jahr veröffentlichte der frühere evangelische Pfarrer ein Plädoyer für mehr Toleranz im demokratischen Meinungsspektrum. Und seine Vorlesungsreihe als Stiftungsprofessor in Mainz in diesem Sommersemester heißt "Demokratie in Frage". Joachim Gauck bleibt seinem Lebensthema treu.

Am 24. Januar wird der Altbundespräsident 80 Jahre alt. Seine Biografie ist bewegt, sein Lebensweg zum Zeitpunkt der Geburt keineswegs wahrscheinlich. Der spätere Bundespräsident eines wiedervereinten Deutschlands kommt 1940 in Rostock zur Welt. Seine Kindheit ist geprägt von der Abwesenheit des Vaters, der nach dem Zweiten Weltkrieg in einem sowjetischen Arbeitslager interniert ist. Die Ablehnung des Kommunismus wächst seit frühen Kindestagen. 

Nach dem Abitur studiert er Theologie, wird Pastor in Mecklenburg. Ende der 80er Jahre zählt er zu den Pfarrern, die ihre Kirchen für die friedliche Revolution öffnen. Er ist Mitbegründer des Neuen Forums in Rostock und zieht nach dem Mauerfall als Abgeordneter von Bündnis 90 in die erste frei gewählte Volkskammer der DDR ein. 1991 wird er zum Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen berufen. Die Institution heißt im Volksmund schnell "Gauck-Behörde". 

Im zweiten Anlauf gewählt

"Gauck bringt ein Leben mit", sagte der damalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel 2010 über ihn. Der frühere Pfarrer hat vier Kinder, zwölf Enkel und sechs Urenkel. Seit 2000 ist seine Lebensgefährtin Daniela Schadt.

2010 trat er ein erstes Mal als Kandidat von SPD und Grünen für das Bundespräsidentenamt an, verlor aber gegen Christian Wulff, den die schwarz-gelbe Koalition nominiert hatte. Bei seiner Wahl in der Bundesversammlung 2012 stand hinter Gauck dann ein breites Bündnis. Neben SPD und Grünen hatten sich nun auch FDP und Union für ihn ausgesprochen. Von den Parteien im Bundestag schickte nur die Linke eine eigene Kandidatin ins Rennen.

Teile der Linken hadern bis heute mit Gauck - wie er wegen ihrer Parteigeschichte im Osten mit Teilen von ihr. Das hält ihn derzeit dennoch nicht davon ab, sich bei den schwierigen Mehrheitsverhältnissen nach der Landtagswahl in Thüringen im vergangenen Jahr als Vermittler zwischen CDU und Linken zu versuchen.

Bildergalerie

Lachen, träumen, wütend sein: Joachim fühlt mit

Der Pfarrer Joachim Gauck wurde der erste Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.

© Henning Langenheim/akg-images

Der Pfarrer Joachim Gauck wurde der erste Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.

© Henning Langenheim/akg-images

Der Pfarrer Joachim Gauck wurde der erste Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Er wurde am 24. Januar 1940 in Rostock geboren.

Das Foto zeigt ihn während einer Diskussionsveranstaltung zum "Schwarzbuch des Kommunismus" im Humboldt-Saal der Urania, Berlin, 16. Juni 1998. Links neben Joachim Gauck (rechts) sitzt der Herausgeber des Buches Stéphane Courtois.

Portrait von Joachim Gauck am 18. Juli 1990 in Berlin.

© epd-bild/Hans-Peter Stiebing

Portrait von Joachim Gauck am 18. Juli 1990 in Berlin. Zu diesem Zeitpunkt ist er Vorsitzender des Volkskammerausschusses zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Zuvor stand er von 1965 bis 1990 im Dienst der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs und arbeitete viele Jahre als Pastor.

Auf dem Foto scherzt er vor der Thesentür der Schlosskirche mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (links) und der dänischen Königin Margarethe II.

© epd-bild/Rolf Zoellner

Die restaurierte Schlosskirche in Wittenberg war am 2. Oktober 2016 mit einem Festgottesdienst feierlich wiedereröffnet worden. Als Bundespräsident ist Joachim Gauck beliebter Gast vieler offizieller Veranstaltungen. Auf dem Foto scherzt er vor der Thesentür der Schlosskirche mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (links) und der dänischen Königin Margarethe II.

Joachim Gauck gedenkt der Opfer der Reichsprogromnacht 1938 in Kottbus.

© Hermann Bredehorst/Polaris/laif

9. November 2016: Joachim Gauck gedenkt der Opfer der Reichsprogromnacht 1938. Dafür besuchte er die ehemalige Synagoge in Kottbus.

Jürgen Trittin (links) und Joachim Gauck während der Bundespressekonferenz, die ihn als Kandidaten der SPD und Bündnis 90/Die Grünen für das Bundespräsidentenamt vorstellt.

© Hermann Bredehorst/Polaris/laif

Jürgen Trittin (links) und Joachim Gauck während der Bundespressekonferenz, die ihn als Kandidaten der SPD und Bündnis 90/Die Grünen für das Bundespräsidentenamt vorstellt. Am 18. März 2012 wählte die Bundesversammlung Joachim Gauck zum elften Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland.

Joachim Gaucks erste Rede vor dem Bundestag als bundespräsident am 23. März 2012

© Goetz Schleser/laif

Joachim Gauck war der erste parteilose Kandidat in der Geschichte der Republik, der zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Am 23. März 2012 hielt er seine Antrittsrede vor dem Bundestag und fragte: "Wie soll es nun also aussehen, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel 'unser Land' sagen?" Er antwortete darauf: "Es soll 'unser Land' sein, weil 'unser Land' soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und Aufstiegschancen verbindet. Der Weg dazu ist nicht der einer paternalistischen Fürsorgepolitik, sondern der eines Sozialstaates, der vorsorgt und ermächtigt. Wir dürfen nicht dulden, dass Kinder ihre Talente nicht entfalten können, weil keine Chancengleichheit existiert. Wir dürfen nicht dulden, dass Menschen den Eindruck haben, Leistung lohne sich für sie nicht mehr und der Aufstieg sei ihnen selbst dann verwehrt, wenn sie sich nach Kräften bemühen. Wir dürfen nicht dulden, dass Menschen den Eindruck haben, sie seien nicht Teil unserer Gesellschaft, weil sie arm oder alt oder behindert sind."

Gauck als junger Pfarrer.

©Privatbesitz Joachim Gauck

Den jungen Landpastor der evangelisch-lutherischen Kirche in Lüssow quälten Zweifel, ob er den richtigen Berufsweg beschritten hatte, was er mit forschem Auftreten wett machte und sehr beliebt bei der weiblichen Gemendemitgliedern. Hier ist er mit einer Konfirmandin zu sehen, denn er hielt in dem kleinen Ort den Konfirmandenunterricht und die Christenlehre.
Weitere persönliche Einblicke in Gaucks Leben sind nachzulesen in der Biografie "Gauck - Eine Biografie, Surkamp Verlag.

 In seinem Amtszimmer im Schloss Bellevue empfängt er einen ehemaligen Konfirmanden aus seiner Zeit als Pastor und dessen Familie.

© Dominik Butzmann/laif

Bundespräsident Joachim Gauck. In seinem Amtszimmer im Schloss Bellevue empfängt er einen ehemaligen Konfirmanden aus seiner Zeit als Pastor und dessen Familie.

Joachim Gauck glaubt auch an Europa

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Joachim Gauck glaubt auch an Europa: "Europa war für meine Generation Verheißung – aufbauend auf abendländischen Traditionen, dem antiken Erbe einer gemeinsamen Rechtsordnung, dem christlichen und jüdischen Erbe. Für meine Enkel ist Europa längst aktuelle Lebenswirklichkeit mit grenzüberschreitender Freiheit und den Chancen und Sorgen einer offenen Gesellschaft. Nicht nur für meine Enkel ist diese Lebenswirklichkeit ein wunderbarer Gewinn" (aus seiner Rede vor dem Bundestag am 23. März 2012). Joachim Gauck hat vier Kinder, zwölf Enkel- und vier Urenkelkinder.

Nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten am 18. März 2012 spricht Joachim Gauck (links) mit Otto Rehhagel (mitte), dem damaligen Trainer von Hertha BSC Berlin und Angela Merkel (rechts).

© Tobias Schwarz/reuters

Nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten am 18. März 2012 spricht Joachim Gauck (links) mit Otto Rehhagel (Mitte), dem damaligen Trainer von Hertha BSC Berlin und Angela Merkel (rechts).

Während einer Lesereise fährt Joachim Gauck auch in seine Heimatstadt Rostock. Auf dem Foto, vom 12. Juni 2010, grüßt er einen Bekannten in der St.Thomas-Morus-Kirche, bevor die Lesung beginnt.

© Regina Schmeken/SZ Photo/laif

Während einer Lesereise fährt Joachim Gauck auch in seine Heimatstadt Rostock. Auf dem Foto, vom 12. Juni 2010, grüßt er einen Bekannten in der St.Thomas-Morus-Kirche, bevor die Lesung beginnt.

Nachdenklicher Joachim Gauck

© Giribas Jose/SZ Photo/laif

Gauck nennt sich einen "linken, liberalen Konservativen". Als deutscher Bundespräsident verfügte er über wenig Macht; seine eigentliche Macht ist die der Rede. Von seinen fünf Jahren Amtszeit sind <a href="http://www.bundespraesident.de/DE/Bundespraesident-Joachim-Gauck/Reden-und-Interviews/Reden/reden-node.html?gtp=1891762_Dokumente%253D58">586 seiner Reden dokumentiert.</a>.

Auch mit fast 80 Jahren zeigt er sich seinem Gegenüber hellwach, konzentriert, scharf in der Analyse. In die Miene des Norddeutschen mischt sich dabei manchmal ein verschmitztes Lächeln, manchmal werden Augen und Mundwinkel fest, wenn es um Ernstes geht.

Gauck beherrscht die Unparteilichkeit, die ein Bundespräsident mitbringen muss: Er betonte stets das Freiheitliche als Grundwert. Daneben steht er für den Sozialstaat genauso ein wie für einige konservative Werte. In eine Schublade aus dem politischen Farbenspektrum passt er nicht.

Hassfigur für extreme Rechte

Vor allem steht Gauck aber dafür, den Raum der demokratischen Mitte weit zu halten. "Eine repräsentative Demokratie soll eben möglichst viele Bürger repräsentieren", sagte er in seiner Rede zum Ende der Amtszeit als Staatsoberhaupt im Januar 2017. Oft betonte er, dass er sich selbst als Bürger versteht, als einer, der sich einbringen und einmischen und gestalten kann.

In seinem 2019 erschienenen Buch "Toleranz" fordert Gauck, stärker zu unterscheiden zwischen "rechtsextrem" und "rechts" im Sinne von "konservativ". Er verlangt, eine Grenze zu ziehen bei Angriffen auf die Verfassung, aber nicht jeden Ultrakonservativen zum Demokratiefeind zu erklären. 

Gauck selbst wurde zur Hassfigur für extrem Rechte, als er im Flüchtlingssommer 2015 angesichts von Anschlägen auf Asylbewerberheime und Pöbeleien gegen Regierungspolitiker von "Dunkeldeutschland" sprach. Der gleiche Bundespräsident war es, dessen Rede nur einen Monat später als Plädoyer für eine Begrenzung der Zuwanderung verstanden wurde. "Unser Herz ist weit. Doch unsere Möglichkeiten, sie sind endlich", sagte er im September 2015. 

Joachim Gauck in Berlin am 14.01.2020, kurz vor seinem 80. Geburtstag.

Gauck fordert in seinem Buch eine Islamkritik und das Benennen von Integrationshemmnissen, die in der Religion begründet lägen. Zugleich war er 2016 als erster Bundespräsident offiziell Gast einer muslimischen Gemeinde beim Fastenbrechen zum Ende des Ramadan. 

Nahezu jeder kann damit an Gauck eine Reibungsfläche finden. Selbst einstige Weggefährten aus der DDR-Bürgerrechtsbewegung fanden sie, weil sie sich vom früheren Pfarrer mehr Distanz zu militärischem Engagement erhofft hatten. Ihn stört das nicht: Austausch sei der Sauerstoff der offenen Gesellschaft, sagte er selbst einmal. Und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erkannte seine Kritikfähigkeit. Er sei "Manns genug", sich auch Kritik zu stellen, sagte sie 2012 über ihn.