Schöner die Glocken bald klingen

St. Laurentius

© JDBraasch/wikimedia

Das neue Vierer-Geläut der St. Laurentius-Kirche aus zwei neuen und zwei historischen Bronzeglocken wurde in einem festlichen Gottesdienst eingeweiht.

Schöner die Glocken bald klingen
In Mecklenburg haben in diesem Jahr zahlreiche Kirchtürme neue Glocken erhalten
Für Mecklenburg war 2019 ein gutes Glockenjahr: In vielen Kirchtürmen läuten nun neue Glocken. Einige wurden frisch gegossen, andere stammen aus entwidmeten Kirchen. Eine Übersicht.

Am 4. Advent (22. Dezember) gab es für die evangelische Kirchengemeinde Schönberg (Kreis Nordwestmecklenburg) etwas zu feiern. Das neue Vierer-Geläut der St. Laurentius-Kirche aus zwei neuen und zwei historischen Bronzeglocken wurde in einem festlichen Gottesdienst eingeweiht. Im Jahre 1917 waren zwei der vier Glocken beschlagnahmt, vom Turm geholt und für Kriegszwecke eingeschmolzen worden. Die beiden noch erhaltenen von 1601 und 1728 gelten als sehr wertvoll. Die neuen Glocken waren 2019 gegossen worden, die kleinere sogar unter großer öffentlicher Anteilnahme auf dem Kirchplatz in Schönberg.

So wie in Schönberg erfüllten sich im zu Ende gehenden Jahr auch anderswo in Mecklenburg langgehegte Glockenträume von evangelischen Kirchengemeinden. Am 1. Advent (1. Dezember) wurden in der Dorfkirche in Rethwisch (Landkreis Rostock) zwei neue Glocken feierlich in Dienst gestellt. Sie ersetzen zwei Glocken, die 1942 zu Kriegszwecken eingeschmolzen wurden. Die älteste Glocke von 1412 ist erhalten geblieben.

Eine neue Glocke gab es in diesem Jahr für die Lübtheener Stadtkirche (Kreis Ludwigslust-Parchim), drei Glocken für die St. Johanniskirche in Neukalen (Kreis Mecklenburgische Seenplatte), vier Glocken für die Stadtkirche in Teterow (Landkreis Rostock). Für die Stadtkirche Hagenow (Kreis Ludwigslust-Parchim) wurden sogar fünf Glocken gegossen. Sie sollen am 2. Februar eingeweiht werden.

Audioslide: Besuch in der Glockengießerei Rincker

In der Regel gibt es Spendenaktionen, um ein neues Geläut zu beschaffen. So sammelt derzeit ein Förderverein Geld für zwei neue Glocken der Dorfkirche in Kirch Stück (bei Schwerin). In Bützow (Landkreis Rostock) engagiert sich ebenfalls ein Förderverein für drei neue Glocken. Und in Tessin (bei Rostock) gibt es Träume, dass die gotische St. Johanniskirche zum 800. Stadtjubiläum 2021 wieder drei Glocken haben wird.

Es gibt keine genauen Zahlen, wie viele historische Kirchenglocken im 20. Jahrhundert zu Kriegszwecken in Mecklenburg eingezogen wurden. Teilweise wurden sie später durch Stahlglocken ersetzt. Da diese aber nur eine Lebensdauer von 70 bis 90 Jahren haben, müssen sie mittlerweile häufig ersetzt werden.

Bildergalerie

Als die Glocken verstummten

Abgehängte Glocke aus der evangelischen Kirche in Mussbach in der Pfalz aus dem Jahre 1917.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Abgehängte Glocke aus der evangelischen Kirche in Mussbach in der Pfalz aus dem Jahre 1917.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

<p>Mehr, mehr, immer mehr: Die deutsche Rüstungsindustrie im Ersten Weltkrieg ist unersättlich. Durch die Entwicklung neuer Geschütze, die blitzschnell wieder schussbereit sind, und die Weiterentwicklung von Infanteriewaffen wie dem Maschinengewehr 08/15 braucht die Armee viel mehr Munition als noch in früheren Kriegen. So feuern am 21. Februar 1916 in <a href="https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kriegsverlauf/verdun-1916.html">Verdun</a> zum Beispiel 1.500 Geschütze acht Stunden auf die feindlichen Stellungen.
<a href="https://www.evangelisch.de/inhalte/148067/07-01-2018/erster-weltkrieg-der-erste-totale-krieg">Eine vorstellbare Menge an Munition braucht es für solche Materialschlachten</a>.</p>
Die Rohstoffe dafür kommen zum Teil von den patriotischen Deutschen in der Heimat: Am Anfang geben sie im Kriegstaumel Zinnkrüge und Messingpfannen noch freiwillig ab. Doch schon bald reicht das nicht mehr aus, um die Rüstungsindustrie angesichts knapper werdender Rohstoffe zu versorgen. Und so richtet sich das Auge des Kriegsministeriums auf größere Beute: auf Kirchenglocken wie diese aus der evangelischen Kirche in Mussbach.

Eine Kinderschar steht und sitzt um zwei Glocken herum.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Am 1. März 1917 ordnet das Königliche Kriegsministerium in Berlin an: Alle Bronzeglocken im Deutschen Reich müssen registriert werden, damit man einen Überblick über den Bestand bekommt. Alle Besitzer von Bronzeglocken werden enteignet - widersetzen sie sich, droht ihnen eine Strafe. Einzig Glocken, die den Eisenbahn-, Schiffahrts- und Straßenbahn-Verkehr regeln sowie die der Feuerwehr sind von dieser Anordnung ausgenommen.

Auf einem Pferdewagen werden zwei geschmückte Glocken abtransportiert.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Anhand der von den Kirchengemeinden erstellten Listen werden die Bronzeglocken von Sachverständigen in eine von drei Kategorien eingeordnet. Glocken der Gruppe A müssen grundsätzlich schnellstmöglich abgeliefert werden - so wie die aus der evangelischen Kirche in Bad Dürkheim. Die Bronze-Glocken dieser Kategorie waren meist nach der Mitte des 19. Jahrhunderts gegossen und wurden sofort eingeschmolzen. Die Glocken der Gruppe B mit mäßigem kulturellen und historischen Wert werden zunächst zurückgestellt und die Glocken, die der Gruppe C zugeordnet werden, wurden generell geschützt und durften im Glockenturm hängen bleiben. Außerdem sollte jede Kirche mindestens die kleinste ihrer Glocken behalten dürfen.

Ein Kind sitzt zwischen zwei Glocken.

© Bundesarchiv/8295-17

Die Gemeinden (hier die Glocken der Sophienkirche zu Berlin) werden für den Verlust ihres Geläuts finanziell vom Staat entschädigt. 3,50 Mark pro Kilogramm ist eine Glocke "wert", die weniger als 650 Kilogramm auf die Waage bringt. Bei den schwereren Exemplaren sinkt der Kilo-Preis auf zwei Mark, doch es gibt eine Art "Grundgebühr" von 1.000 Mark zusätzlich. Das Geld, so die Vorstellung der Regierung, soll auf einem Sparbuch angelegt werden, um nach dem Krieg neue Glocken kaufen zu können. Ein Trugschluss: denn nach dem verlorenen Krieg und der Inflation ist von dem Geld nichts mehr übrig! Viele Glockentürme bleiben auf Jahre hin (so gut wie) leer.

Glockenturm, aus dem eine Glocke abgeseilt wird.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

<p>Dass die Kirchen ihr Geläut verlieren,
<a href="https://www.evangelisch.de/inhalte/152956/24-10-2018/so-verhielten-sich-die-deutschen-protestanten-im-ersten-weltkrieg">stößt bei der kirchlichen Obrigkeit eher auf wenig Widerspruch</a>. Man versucht sogar, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf die Vorgänge zu lenken. Den Beteiligten rät man, dieses Thema in Zeitungen oder Amtsblättern nicht anzusprechen.</p>
Da haben sie die Rechnung aber ohne die kleinen Gemeinden vor Ort gemacht: die kämpfen vielfach um "ihre" Glocken. Die Argumente variieren: entweder ist zum Beispiel die kleinste Glocke allein viel zu leise oder für den Abtransport der Glocken muss die halbe Turmwand zertrümmert werden. Denn nicht überall läuft die Abseilung der Glocke so reibungslos wie an der Stiftskirche in Neustadt a.d. Weinstraße.

Zerstörte Glocken liegen auf der Erde.

© picture alliance / IMAGNO/Archiv

Kleinere Glocken werden mit Hämmern zertrümmert, größere gesprengt. Danach werden sie eingeschmolzen und weiterverarbeitet. Nicht jedoch - wie zur Zeit der napoleonischen Kriege - zu Geschützen oder Kanonen, sondern zu Munition.

Ein Glockenfriedhof in Insbruck.

© Innsbrucker Glockenmuseum Grassmayr/Wikipedia

All die abgenommenen Kirchenglocken müssen irgendwohin - also richten die Behörden zentrale Sammelplätze ein, so wie hier im Innsbrucker Stadtteil Wilten. Auf diesen "Glockenfriedhöfen" warten die Metallkolosse auf ihre industrielle Weiterverarbeitung durch die Rüstungsindustrie.

Eine Glocke samt Klöppel.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Hatte man im Sommer 1914 die Glocken zum Kriegsbeginn noch läuten lassen, hatten sie in den folgenden Jahren noch laut die Siege der Armee verkündet, so sind bis zum Kriegsende am 11. November 1918 rund 65.000 Kirchenglocken für immer verstummt.

Manche mecklenburgische Kirche profitiert auch davon, wenn anderswo Kirchen entwidmet und geschlossen werden. So verschenkte die evangelische Kirchengemeinde Moers-Meerbeck vom Niederrhein drei Glocken in den Kreis Mecklenburgische Seenplatte: Je eine kam nach Kieve, nach Melz und nach Schwandt. 

Die Schweriner Paulskirche bekam in diesem Jahr fünf Bronzeglocken aus dem Jahr 1968 von der evangelischen Kirchengemeinde Neheim (Nordrhein-Westfalen) geschenkt, die im Oktober 2018 eine ihrer beiden Kirchen entwidmet hatte. Das Geläut aus Neheim soll die drei Eisenglocken ersetzen, die 1955 in die Paulskirche kamen.