TV-Tipp: "Renoir" (Arte)

Alter Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Renoir" (Arte)
4.12., Arte, 20.15 Uhr
Es liegt gewiss nicht nur an der Sinnlichkeit Christa Thérets, dass man am liebsten Teil dieser Geschichte wäre: Gilles Bourdos’ Künstlerporträt ist ein Fest für die Sinne.

Der Erste Weltkrieg lässt sich erfolgreich aus dem Paradies verdrängen, das sich Auguste Renoir für seinen Lebensabend an der Cote D'Azur geschaffen hat. Auch wenn der Maler infolge einer Arthritis kaum noch einen Pinsel halten kann, lässt er sich in seinem Schaffensdrang nicht beeinträchtigen. Beinahe rastlos kreiert er Gemälde voller Lebensfreude. Als sich eines Tages die attraktive Andrée als Aktmodell anbietet und umgehend zur neuen Muse des großen Impressionisten avanciert, werden Vater und Sohn unversehens zu Konkurrenten um die Gunst der jungen Frau.

Bourdos versucht gar nicht erst, die ausgesprochen überschaubare Handlung in irgendeiner Form aufzupeppen. Aufregende Augenblicke hat die Geschichte kaum zu bieten. Der Film schwelgt stattdessen in Farben und Formen; Ausstattung und Bildgestaltung gehen eine sinnliche Allianz ein. Das Szenenbild ist eine Komposition unterschiedlichster Rot-Töne, die natürlich vortrefflich mit den roten Haaren des Modells korrespondieren; mitunter wirkt der Film wie ein Traum in Technicolor.

Pure Kunst ist zudem die Lichtsetzung: Kameramann Mark Ping Bing Lee taucht die Bilder in fortwährende Abendsonne; selten hat ein Film mediterranes Flair und Ambiente so treffend eingefangen wie "Renoir". Die flirrende Helligkeit steht dabei nie für Hitze, sondern für das Leben, das der Künstler (Michel Bouquet) mit dem Korken in einem Bach vergleicht: Man soll sich nicht dagegen wehren, sondern sich treiben lassen; seine Werke sollen liebenswert sein und glücklich machen. Sohn Jean (Vincent Rottiers) lehnt diese hedonistische Haltung des Vaters ab. Er ist im Krieg schwer verwundet worden und will nach seinem Genesungsurlaub in die Schlacht zurück; trotz seiner Liebe zu Andrée, die alle nur Dédée nennen.

"Renoir" ist also allem Augenschmaus zum Trotz doch nicht bloß ein Film über die Flucht in die Kunst. Dennoch machen jene Szenen, die den Künstler bei der Arbeit zeigen, den großen Reiz des Werks aus. Die langen Einstellungen bieten viel Muße, sich in den Arrangements zu verlieren. Wer sich ein wenig mit Renoirs Werk auskennt, wird mit großer Freude einige bekannte Motive wiedererkennen. Michel Bouquet versieht den Maler mit einem trockenen Humor und großer Alterswürde; kurze Momente genügen Bourdos, um die Gebrechlichkeit des Alten anzudeuten. Ansonsten aber erfreut er sich offenbar bester Manneskraft: Für die vielen Frauen in seinem Haushalt sind die Übergange vom Modell zur Haushälterin zur Geliebten und wieder zurück offenbar fließend. 

Die Schönheit Dédées liegt zudem keineswegs bloß im Auge des Betrachters; Christa Théret, bekannt geworden als Teenager in "LOL", macht nicht nur als Aktmodell eine ausgezeichnete Figur. Kein Wunder, dass Jean der jungen Frau verfällt. Das junge Paar eint unter anderem die Liebe zu einem Medium, dessen Bilder vor hundert Jahren gerade erst das Laufen gelernt hatten. Es ist eine hübsche Fußnote dieser Geschichte, dass Jean Renoir später einer der bedeutendsten französischen Filmemacher werden sollte. Er gilt dank Klassikern wie "Die große Illusion" (1937) oder "Die Spielregel" (1939) als wichtigster Regisseur des Poetischen Realismus. 1975 wurde er mit dem "Oscar" für sein Lebenswerk geehrt; Dédée war unter dem Künstlernamen Catherine Hessling Hauptdarstellerin vieler seiner frühen Filme.

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