Monumente der Erinnerung an eine vergangene Zeit

Kriegsgefallenen wird nicht nur am Volkstrauertga gedacht an den neugestalteten Kriegsdenkmälern.

© Hanna Lucassen

Die Gemeinde von St. Nicolai in Hannover hat den Impuls der Hannoverschen Landeskirche aufgenommen und sich die Erinnerungskulturen in der eigenen Gemeinde angeschaut: Sie hat die Kriegsenkmäler umgestaltet zu einer offenen Anlage.

Monumente der Erinnerung an eine vergangene Zeit
Interview mit Pastor Dirk Rademacher, Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Nicolai, Hannover-Bothfeld
Mahnmale und Gedenkstätten für die Verstorbenen der beiden Weltkriege gibt es in vielen Kirchengemeinden. Die Nicolai-Gemeinde in Hannover hat die eigenen Kriegsdenkmäler umgestaltet, um sie zu Orten moderner Erinnerungskultur zu machen. Pastor Dirk Rademacher erklärt, wie es dazu kam und wie das neue Konzept aussieht.

Wie sahen die Mahnmale aus?

Rademacher: Das erste ist von 1923 und ist ein Soldatenrelief: ein Soldat, mannshoch, mit Eisernen Kreuz. Auf dem steinernen Schriftband steht: "Zum Gedächtnis der im Weltkriege gefallenen Väter und Söhne aus den Gemeinden Bothfeld, Klein-Buchholz und Lahe." Daneben eine große  Sandstein-Tafel mit den Namen der 111 gefallenen Soldaten aus diesen drei Gemeinden, alle mit Sterbedaten versehen. Mitte der Sechziger Jahre wurde davor eine kleinere schlichte Steinplatte gelegt, mit der Inschrift: "Zum Gedächtnis der Gefallenen und Opfer der Heimat in den Kriegsjahren 1939/45".

Sie haben 2018 die Kriegsdenkmäler an Ihrer Kirche umgestaltet. Wo standen die?

Dirk Rademacher: An eine Seitenmauer der Kirche grenzt eine Rasenfläche mit ein paar Sträuchern und paar großen Bäumen. Die Mahnmale standen direkt an der Mauer. Davor waren Blumen gepflanzt, das Ganze lag hinter einer halbhohen Hecke. "Geradezu schamhaft versteckt", sagte der Denkmalschützer, der sich das mit uns anschaute.  

Das alte Kriegsdenkmal an St Nicolai vor der Umgestaltung, versteckt hinter einer Hecke..

Sie kamen 2014 in die Gemeinde. Haben Sie das auch so wahrgenommen?

Rademacher: Ja, sie fielen nicht so ins Auge. Mal lag eine Rose davor, mal ein Blumenstrauß, aber ansonsten sah ich da kaum jemand. Wir haben eine Gesamtschule in der Nähe, Hunderte von Schülern laufen da jeden Tag vorbei. Auch unter denen haben viele gesagt: "Das ist uns gar nicht aufgefallen." 

Nur am Volkstrauertag war das anders. Es sind die einzigen Kriegsmahnmale im Stadtbezirk, insofern findet die offizielle Gedenkfeier hier statt. Traditionell luden dazu die Bürgervereine andere Vereine und den Bezirksbürgermeister ein. Man ging nach dem Gottesdienst dort hinaus und legte im Namen der Stadt Hannover und der ortsansässigen Vereine einen Kranz nieder, spielte "Ich hatt' einen Kameraden". Es waren um die hundert Menschen, vor allem Ältere und Vereinsmitglieder, aber auch die Familienangehörigen von Gefallenen. Es war, so wurde mir erzählt, eine traditionelle Veranstaltung zum Volkstrauertag – und es gab ein gewisses Unbehangen bei den Mitwirkenden, das ich gut nachvollziehen konnte.

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Unbequeme Denkmäler und Gedenkstätten
Unbequeme Denkmäler und Gedenkstätten

Warum?

Rademacher: Wir schauen an diesem Tag ja nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch auf die Opfer, die aktuell weltweit zu beklagen sind. Wir mahnen zu Versöhnung und Frieden. Dem wurde unsere Gedenkstätte gar nicht gerecht. Ich nahm sie als Monumente der Erinnerung an eine vergangene Zeit wahr.

Und das wollten Sie verändern?

Rademacher: 2014 - hundert Jahre nach Beginn des ersten Weltkrieges - rief die Hannoverschen Landeskirche dazu auf, sich die Erinnerungskultur in der eigenen Gemeinde anzuschauen. Zu fragen: "Ist das ein angemessener Ort zu gedenken? Wird an diesem Ort auch zum Frieden gemahnt?" Und da konnten wir nur den ersten Punkt bejahen, den zweiten nicht. Das war der Anlass zu sagen, wir möchten diese Platz umgestalten und erweitern. Und der Bezirksbürgermeister machte sich dieses Anliegen gleich zu eigen.

Was sagte die Gemeinde und der Ort dazu? 

Rademacher: Es gab schon auch Diskussionen. Wir hatten vier Künstler eingeladen, Entwürfe einzureichen und öffentlich vorzustellen. Darunter war auch eine künstlerisch bahnbrechende Idee des Bremer Künstlers Tim Reinecke, die für viel Aufregung sorgte. Er wollte das Kriegerdenkmal von 1923 in Einzelteile zerlegen und diese auf eine öffentliche Fläche im Stadtteil legen – sozusagen die zerfetzten Soldaten sichtbar machen, den Krieg in seiner ganzen Schrecklichkeit vergegenwärtigen.

Das war beeindruckend und überzeugend, aber für unseren Rahmen nicht das Richtige. Zum einen ist es seelsorglich bedenklich, die Namen auf der Gedenkplatte auseinander zu reißen. Zum anderen stellt sich die Frage, ob dies ein angemessener Umgang mit dem Gedenken der Menschen vor fast hundert Jahren ist. Auch der Denkmalschutz erlaubte es nicht, insofern war der Entwurf vom Tisch.  Dennoch hielt sich in der Öffentlichkeit lange das Gerücht, wir würden die alten Denkmäler zerstören wollen und so das Gedenken geringschätzen. Davor hatten viele Menschen offenbar Angst.   

Pastor Dirk Rademacher und Künstler Winni Schaak.

Sie haben sich für den Entwurf des Lübecker Bildhauers Winni Schaak entschieden: zwei rostrote, dreieckige Säulen, 2,70 hoch. Um diese laufen wie auf einem Spruchband einzelne Wörter, etwa Familie, Liebe, Frieden. Was hat Sie daran überzeugt?

Rademacher: Es ist ein Kunstwerk, das die beiden Kriegsdenkmäler ergänzt und als Friedensmahnmal kommentiert. Die hohen Stelen sind auch von der Straße aus gut sichtbar. Die Form lässt sich auf mehreren Ebene deuten: Ein Juror etwa sah darin einen Mann und eine Frau, Arm in Arm, die gemeinsam auf die Liste mit den gefallenen Soldaten schauen und gemeinsam trauern. Auch regen die Worte dazu an, weiterzudenken, weil sie deutungsoffen sind. Sie nehmen Bezug darauf, wo Frieden realisiert wird: Familie, Gemeinde, Gesellschaft, Welt. Und machen deutlich, dass es Rahmenbedingungen gibt für den Frieden: Liebe, Achtung, Freiheit, Schutz. Damit können zum Beispiel auch Schülergruppen arbeiten. Sie können fragen: "Was bedeutet gesellschaftlicher Frieden?" Oder sie können sich mit dem Begriff Achtung auseinandersetzen. Was uns auch wichtig war: Das Mahnmal ist anschlussfähig für christliche Leitgedanken. Stelen und Spruchband verbinden sich zu einem Kreuz. 

Die alte Gedenkplatte vor der Umgestaltung der Anlage.

Wo stehen die Säulen?

Rademacher: Wir haben die Fläche umgestaltet. Die Gedenkplatte für die Opfer des Zweiten. Weltkrieges liegt nun auf der anderen Seite der Rasenfläche, etwa zehn Meter entfernt vom alten Platz. Dort ist zudem die alte Hecke weg. Die neuen Stelen stehen nach hinten versetzt zwischen den beiden alten Denkmälern. Wir ließen einen Fußweg legen, der zu allen drei Denkmälern führt. Es ist ein offenes begehbares Areal entstanden, wir nennen es "Geh-Denk-Garten Frieden!"

Das neue Mahnmal und die Umgestaltung kosteten circa 40.000 Euro. Wie haben Sie das finanziert? 

Rademacher: Ohne Kirchensteuergelder. Der Stadtbezirksrat gab 4.000 Euro, 10.000 Euro kamen von der VR-Stiftung der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Norddeutschland und der Hannoverschen Volksbank. Der Rest kam mit Unterstützung aus dem Ort und der Gemeinde zusammen: Der Kabarettist Matthias Brodowy veranstaltete einen Benefizabend, ein Bauunternehmen und ein Ingenieur arbeiteten kostenlos. Mehr als 200 Privatmenschen spendeten Geld, hunderte gaben in die Kollekten, etwas beim Ökumenischen Jahresempfang zusammen mit der Katholischen Kirchengemeinde. Damit haben Sie uns ihre Zustimmung signalisiert, das war sehr beeindruckend.

"Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Mahnmale wesentlich schlichter, die Soldaten standen nicht mehr im Mittelpunkt"

Warum haben Sie die beiden Mahnmale getrennt, die lange eine Einheit bildeten?

Rademacher: Es schien nicht richtig, zwei Kriege einfach so als eine Einheit abzuhandeln. Der Erste Weltkrieg hat die Deutschen vor allem über die gestorbenen Soldaten betroffen. Familien haben ihre Väter, Ehemänner, Söhne verloren. Im Zweiten Weltkrieg gab es viel mehr Opfer unter der deutschen Zivilbevölkerung, ganz zu schweigen von den Ländern, in denen Deutschland einen Vernichtungskrieg führte. Das zeigt sich auch in der Erinnerungskultur. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde oft der klassische Soldat gezeigt, der Wache hält. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Denkmäler wesentlich schlichter, die Soldaten standen nicht mehr im Mittelpunkt. Wohl aber die eigene Nation. In den Fünfziger Jahren war man fokussiert auf das eigene Schicksal: die eigenen Toten, die Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten, die in Deutschland neu begannen. Man schaute kaum auf die Opfer des Vernichtungskrieges in anderen Ländern oder der Opfer des Nationalsozialismus in den Konzentrationslagern. Das hat sich geändert.

Wie wird der Geh-Denk-Garten genutzt?

Rademacher: Immer mal wieder sehe ich einzelne Besucher, die dort verweilen. Wir führen natürlich auch Gruppen hindurch, bei einer Kirchenführung etwa, und gehen mit Konfirmanden dorthin, auch mit Schülergruppen. Im Dezember werden wir eine Veranstaltung haben, in denen Menschen von ihren Erfahrungen mit Bombennächten und Vertreibung berichten und vorher am Volkstrauertag in Zusammenarbeit der örtlichen IGS über Gedichte von Kindern aus dem Konzentrationslager Theresienstadt nachdenken.

Keine kritischen Stimmen mehr?

Rademacher: Wenige. Der eine oder andere, der skeptisch war, meinte sogar: Oh, das gefällt mir doch.

Warum?

Rademacher: Die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Wir haben die Gedenkstätte nicht zerstört. Im Gegenteil. Es ist eine Aufwertung passiert. Wir richten den Blick neu auf Krieg und Frieden. Nichts wird mehr verschämt versteckt. Es ist alles sichtbar: Die Trauer um die Toten. Aber eben auch der Frieden, für den wir uns einsetzen müssen.