Was tun mit Opas Grabmal?

Wiederverwendung gebrauchter Grabsteine in Werkstatt des Steinmetzbetriebs Hanel

© epd-bild/Timm Schamberger

Hans Baumgärtner schleift in der Werkstatt des Steinmetzbetriebes Hanel die Oberfläche eines alten Grabsteines ab.

Was tun mit Opas Grabmal?
Wenn ein Grab aufgelöst wird, müssen Angehörige auch entscheiden, was mit dem Grabstein werden soll. Möglichkeiten gibt es viele - nicht nur als "Secondhand-Grabstein" mit neuer Inschrift. Allerdings ist manchmal Vorsicht geboten.

Johannes bietet einen "naturbelassenen grünlichen Grabstein" zur Selbstabholung an. Nicole verkauft ein Grabmal aus braunem Granit: "Müsste nur gereinigt und die Schrift abgemacht werden." Und Bonny will einen "alten antiken Grabstein" aus grauem Granit loswerden - "ein ganz schweres Teil". Zu Dutzenden werden ausgemusterte Grabsteine im Internet angeboten. Juristisch spricht nach Ablauf der jeweiligen Ruhefrist im Prinzip nichts gegen eine Zweitverwertung - und auch theologisch nicht.

Der Vertrag für das Familiengrab läuft aus, wird nicht verlängert, also wird es aufgelöst - sprich: Die Friedhofsverwaltung vergibt die Grabstätte in der Regel neu. Bleibt die Frage: Wohin mit dem Grabstein? Angehörige haben verschiedene Möglichkeiten. Menschen, für die er einen hohen ideellen und emotionalen Wert hat, können ihn als Erinnerung sogar in ihren Garten stellen.

Steinmetz Herbert Strößner streicht mit einem Spachtel Epoxidharz auf einen Stein, um diesen mit einem alten Grabstein zu verkleben.

Manchmal kann man ihn auch von einem Steinmetz aufarbeiten lassen, um ihn später als eigenen Grabstein zu verwenden. Wieder andere beauftragen Fachleute, daraus Kerzenständer oder andere Steinobjekte zu fertigen. Oder man lässt den Stein einfach entsorgen.

Alexander Hanel leitet einen mittelständischen Steinmetzbetrieb im fränkischen Leutershausen bei Ansbach, ein Familienunternehmen. Für ihn ist die Wiederverwendung gebrauchter Grabsteine nichts Neues. "Man muss da zwischen zwei Gruppen unterscheiden", sagt er. Zum einen gebe es Steine, die sich für eine zweite Verwendung als Grabmal nicht eigneten. "Es gibt viele Grabmale, die nur aus einer dünnen Natursteinplatte bestehen, die auf einen Hintergrund aus Beton aufgebracht ist", erklärt Hanel.

Bildergalerie

Alles ist endlich - Individuelle Grabsteine

Berliner Friedhofswerkstatt

© Severin Wohlleben

Berliner Friedhofswerkstatt

© Severin Wohlleben

Nikolaus Seubert ist Steinbildhauer und hat sich auf Grabsteine spezialisiert. In Berlin-Prenzlauer Berg hat er auf dem Friedhofsgelände der Georgen-Parochialgemeinde sein Atelier. Der Besucher lässt den Lärm der Stadt hinter sich, sobald er dieses Kleinod in der Mitte Berlins betritt. Seubert hat die alte Remise als Ruine übernommen und mit viel Eigeninitiative saniert.

Grabstein

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Die wenigsten Menschen lassen sich zu Lebzeiten einen Grabstein anfertigen. Das Thema Tod - und wie man das eigene Ableben gestalten möchte, ist keines, das im Leben eine Rolle spielt. Und selbst, wenn es um den Tod von nahestehenden Menschen geht, wissen nicht viele, welche Möglichkeiten es gibt, das Grab zu gestalten. Es muss keine Massenware sein. Eine Grabstele kann individuell sein und so viel liebevoller an den geliebten Menschen erinnern.

Steinbildhauerei

© Severin Wohlleben

In der Remise duftet es nach frisch gebrühtem Tee, kleine Steinbildhauereien stehen auf dem Tisch. In der Werkstatt ist Nikolaus Seubert bei der Arbeit. Der Ort wirkt lebendig, obwohl es hier um den Tod geht.. Seit 1980 lebt Seubert schon in Berlin. Vom katholischen Süden in den protestantischen Norden. Das Handwerk hat er in der Ausbildung gelernt, dann den Meister gemacht und schließlich seine künstlerische Nische entdeckt.

Erinnerungsstücke

© Severin Wohlleben

Gibt es einen Gegenstand, der mich an die verstorbene Person erinnert? In einer Stele ist ein Kreisel integriert. Die verstorbene Mutter hat Kreisel gesammelt, und für die Tochter war klar, dass ihr Grabstein an ihre kleine, geliebte Leidenschaft erinnern sollte.

Steinarbeit

© Severin Wohlleben

Die Steine, die der Handwerksmeister benutzt, kommen allesamt aus europäischen Steinbrüchen. "Keine Kinderarbeit", wie er betont. Kalkstein, Sandstein, Dolomit oder Thüringer Travertin aus Bad Langensalza – das sind die Steine, die er bearbeitet. Zuerst grob, dann sanft mit einem Marmorschaber. Soll der Stein hell sein oder dunkel? Wie möchte ich die Oberfläche haben, rau und wild oder glatt poliert? Stein ist eben nicht Stein.

Werkstatt

© Severin Wohlleben

Knorrige Hölzer, alte Bienenwaben, ein alter verrosteter Sargnagel, all diese Gegenstände hat Seubert schon in seinen Stelen verarbeitet. Er finde immer etwas, wenn er durch die Natur laufe oder auch durch die Stadt. Aufs Auge komme es an. Und die Fantasie.

Skizze

© Severin Wohlleben

Politisch ist Nikolaus Seubert, wenn es ums Sterben geht. Ein Thema, das ihn bewegt. Die Friedhofskultur habe sich verändert. Der Trend gehe hin zu Urnen, zu Feldern mit anonymen Gräbern, zum Friedwald, oft schlecht erreichbar außerhalb der Stadt. Die innerstädtischen Friedhofsflächen schrumpften - Bauland ist in Berlin viel wert. Die Kirchen bräuchten Geld. Es ginge nicht mehr um Inhalte, sondern nur noch um das richtige Maß: "Die Grabstellen sind viel zu klein, warum gibt man den Leuten nicht mehr Platz?"

Friedhof

© Severin Wohlleben

"Friedhöfe sagen sehr viel aus, über die Menschen, die hier gelebt haben." Wer kennt das nicht: Im Ausland, der kleinen Stadt in den Bergen, oder den großen Metropolen der Welt? Oft sind es die Friedhöfe, die uns reizen, die Geschichten der Menschen, die dort begraben sind, die unsere Phantasie anregen. Ein schönes Grabwort über die junge unbekannte Schönheit, die vielen Blumen am Grab desjenigen, der schon lange Zeit tot ist. Die Namen, die Verwandtschaftsverhältnisse, das Todesdatum, das überproportional oft zu lesen ist. Friedhöfe sind unser Erbe für die Nachwelt.

Kunstwerk

© Severin Wohlleben

Eine von Seubert gearbeitete Stele braucht Zeit. Es gibt Vorgespräche. Man nähert sich an, versucht gemeinsam eine Idee für den Stein zu entwickeln. Wenn dann feststeht, wie er aussehen soll, dann dauert es in der Regel fünf bis sechs Wochen, bis aus dem Rohstück ein Kunstwerk entstanden ist.

Friedhof

© Severin Wohlleben

Was bleibt von einem Menschen, wenn er stirbt? Wer geht, der nimmt nichts mit. Keine Reichtümer, auch keine Armut. Er bleibt in der Erinnerung derer, die ihn liebten und auch derer, die das vielleicht nicht taten. Was bleibt von einem Menschen, wenn er geht? Am Ende auch der Ort, an dem die Mutter, der Vater, das Kind, der Freund, die Freundin die letzte Ruhe findet.

Und dann gibt es welche aus hochwertigen Natursteinen. "Solche Steine arbeiten wir immer mal wieder zu neuen Grabmalen um", sagt Hanel. In der Regel müssten die Vorder- und Rückseite dazu abgeschliffen werden. 

Zahlen oder Statistiken zur Wiederverwendung von Grabsteinen gibt es nicht - allerdings dürften die wenigsten nach der Auflösung eines Grabes erneut auf einem Friedhof landen, vermutet Hanel. Unter anderem auch, weil heute strengere Regeln gelten als früher: Viele Friedhofsverwaltungen verlangten inzwischen ein Zertifikat, das bestätige, dass der Stein nicht aus Kinderarbeit stamme. Das sei bei älteren Steinen oft schlicht unmöglich nachzuweisen. 

Nach Hanels Einschätzung geben die meisten Angehörigen heutzutage die Steine auch deshalb zur Entsorgung frei. Die Grabmale werden dann meist zerkleinert und enden als Bauschutt. Der dient beispielsweise als Untergrund im Straßenbau oder auch bei der Befestigung von Flussufern.

In den seltenen Fällen, in denen kein Nachfahre ermittelt werden kann, verfährt die Stadt Würzburg so: Das Grab wird aufgelöst, die Steine werden zerkleinert und in einer Recyclinganlage entsorgt, um Missbrauch zu vermeiden. Die Stadt München geht ähnlich vor, außer es handelt sich um kunsthistorisch bedeutende Grabmale. Dann wird die Schrift entfernt, die Steine bleiben stehen.

Im Internet werden ausrangierte Grabsteine auch als Deko-Objekte für den Garten angepriesen. Das freilich ist nicht jedermanns Sache - zumal, wenn womöglich noch eine Inschrift darauf prangt. 

Das ist auch rechtlich heikel, wie ein Fall in der Nähe von Würzburg gezeigt hat: In einem Freizeitpark entdeckte eine junge Frau beim Besuch des dortigen "Horror-Hauses" den Grabstein ihres Opas. Ein Steinmetz hatte von den Nachfahren bei der Auflösung des Grabes den Auftrag zur Entsorgung des Grabsteins erhalten - und ihn an den Freizeitpark verkauft. Der Inhaber musste sich wegen "Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener" vor Gericht verantworten. Ein Mitarbeiter des Parks hatte versäumt, die Anweisung des Steinmetzes umzusetzen und die Inschriften der Grabmale vor dem Aufstellen zu entfernen.

Theologisch spricht nichts gegen eine Zweitverwertung von Grabsteinen. Ein Sprecher der bayerischen evangelischen Landeskirche erklärt, bei der Bestattung werde der Verstorbene unter Nennung seines Namens als "individueller Mensch" in die Hand Gottes zurückgegeben, die ihn erschaffen habe. Die Grabsteine nähmen dieses Motiv mit der Nennung des Namens der Verstorbenen auf. Sobald ein Grab aufgelöst und der Grabstein entfernt werde, verlören die Grabmale ihre Funktion wieder und könnten "als Steine weiterverwendet werden".