Flugblätter hinterm Schlafzimmer

Pfarrer Stephan Bickhardt

© epd-bild/Matthias Rietschel

Stephan Bickhardt hielt in der DDR einen Untergrundverlag am Laufen und war am 12. September 1989 in Berlin Mitbegründer von "Demokratie jetzt".

Flugblätter hinterm Schlafzimmer
Der Theologe Stephan Bickhardt betrieb in der DDR einen Untergrundverlag
Stephan Bickhardt gehört zu den Protagonisten der friedlichen Revolution: Er war Mitbegründer von "Demokratie jetzt". Sein Antrieb war und ist der Wille zur Veränderung.

"Nichts bleibt so, wie es ist und alles kann auch wirklich grundlegend besser werden", sagt Stephan Bickhardt, evangelisch-lutherischer Theologe und DDR-Bürgerrechtler. Das ist wohl das Lebensmotto des heute 60-Jährigen. Bereits als junger Mann setzte er sich für Veränderungen ein, für bessere Arbeitsbedingungen. Während seiner Ausbildungszeit zum Werkzeugmacher organisierte er einen Lehrlingsstreik. Neben seiner Berufsausbildung legte er das Abitur ab, studierte Theologie und Pädagogik in Naumburg sowie am Sprachenkonvikt in Berlin. 

In den 80er Jahren brachte er an der Seite von Jugendpfarrer Christoph Wonneberger den Sozialen Friedensdienst in die Diskussion. Zudem hielt der gebürtige Dresdner in der DDR einen Untergrundverlag am Laufen und war am 12. September 1989 in Berlin Mitbegründer von "Demokratie jetzt", einer programmatisch ausgerichteten Bürgerbewegung, die später in das Bündnis 90 überging. 

Seine Beweggründe beschreibt er 30 Jahre später so: "Wir wollten leben, wir hatten Angst vor dieser hochgerüsteten Welt. Wir waren nicht bereit zu akzeptieren, dass die Mauer uns trennt von anderen Menschen."

Aufgewachsen in einer Dresdner Pfarrersfamilie lernte Bickhardt kritisches Hinterfragen - alles vor dem Hintergrund christlicher Werte. Im Jahre 1986 gründete der Bürgerrechtler und Systemkritiker zusammen mit Ludwig Mehlhorn den Untergrundverlag "radix-blätter", in dem Autoren unter ihren tatsächlichen Namen publizierten. Gedruckt wurde illegal. Das Versteck hinter dem Schlafzimmer seiner Eltern in einer kleinen Villa in Berlin-Kaulsdorf flog nie auf. "Niemand wusste, wo gedruckt wurde, nur meine heutige Frau, meine Eltern und ich", erzählt er. 

Bildergalerie

So trotzten Pfarrer*innen der DDR

Christoph Wonneberger

© imago/Jakob Hoff

Christoph Wonneberger

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Der lutherische Pfarrer koordinierte von 1986 bis Ende Oktober 1989 die immer montags stattfindenden "Friedensgebete" in der Leipziger Nikolaikirche. Und das gegen den Widerstand des SED-Staates und gegen Linientreue der eigenen Kirche. Nach den Montagsgebeten hielt er regelmäßig über ein sogenanntes "Demo-Telefon" die westlichen Journalist*innen über die Ereignisse in Leipzig am Laufenden. So schuf er eine Möglichkeit, dass eine breite Öffentlichkeit im Westen von den Verhaftungen in Leipzig, den stets wachsenden Menschenansammlungen bis hin zu den Demonstrationen erfahren konnte. Aus den Friedensgebeten entwickelten sich die Montagsdemonstrationen und schließlich die friedliche Revolution im Herbst 1989. Ein schwerer Hirninfarkt machte Wonneberger am 30. Oktober 1989 zum "Pfarrer ohne Worte". Seine Stimme verstummte an jenem Tag, als rund 200.000 Menschen friedlich und mit Sprechchören wie "Wir sind das Volk" in Leipzig lauthals demonstrierten. Christoph Wonneberger ist Vater zweier Kinder und heute im Ruhestand.

Katrin Hattenhauer

© dpa Picture-Alliance/Eventpress Radke

Pfarrerin durfte sie nicht werden. Katrin Hattenhauer ist Bürgerrechtlerin und Malerin. Zwar hatte sie zunächst das Studium am Theologischen Seminar in Leipzig begonnen, musste es jedoch nach einem halben Jahr auf staatlichen Druck hin beenden, weil sie zunehmend politisch aktiv geworden war. So verteilte sie im Januar 1989 Flugblätter für eine Demonstration. Sie engagierte sich im Arbeitskreis Gerechtigkeit, einer Leipziger unabhängigen Oppositionsgruppe im Netzwerk der Initiative Frieden und Menschenrechte und war aktiv bei den montäglichen Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche. Trotz häufiger Stasi-Verhöre und Erwerbstätigkeitsverbot trat die damals 20-Jährige zunächst mit einem Hungerstreik in der Leipziger Thomaskirche für politische Veränderungen in der DDR ein. In einer Erklärung der Fastenaktion im August 1989 kritisierte sie die in der DDR-Verfassung verankerte Führungsrolle der SED und rief auf: "Wir beten um Weisheit und Mut, damit wieder Heimat werde, was vielen nur noch Enge und Gefängnis ist." Am 11. September 1989 wurde Hattenhauer mit anderen Demonstranten auf dem Nikolaikirchhof verhaftet und bis zum 13. Oktober 1989 in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt in der Leipziger Beethovenstraße gefangen gehalten. Zu der Zeit war es in Leipzig jeden Montag zu Demonstrationen und Verhaftungen gekommen. Fürbittgottesdienste und Mahnwachen für die Freilassung der zu Unrecht Inhaftierten folgten. So entstanden, wie in der Berliner Gethsemanekirche, sogenannte Kristallisationspunkte für Proteste, die die demokratische Revolution beschleunigen. Katrin Hattenhauer wurde 2015 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Heino Falcke

© epd-bild/Bernd Bohm

Er gilt als einer der bedeutenden Denker und Mahner der evangelischen Kirchen in der DDR. Heino Falckes Hauptthemen waren die christliche Existenz im sozialistischen Staat und die Sicherung des Friedens und Erhaltung der Umwelt. Als in der Hochphase der friedlichen Revolution die neu gegründeten Parteien fragten, wer eigentlich Konzepte habe, waren es nicht zuletzt von Falcke formulierte Gedanken, die zur Basis politischer Beratungen wurden. Gedacht als christliche Positionsbestimmung waren sie das Ergebnis eines breiten Diskussionsprozesses verschiedener Kirchen und Gemeinschaften, der Ökumenischen Versammlung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Heino Falcke hatte diese Plattform in der DDR, auf der so breit konzeptionell über Wirtschaft und Ökologie, sozialen Zusammenhalt und weltweite Gerechtigkeit gesprochen wurde, emsig vorangetrieben. Einzelne Ausschnitte des Abschlussdokumentes wurden zum Teil wortwörtlich in Parteiprogramme übernommen. Die Stasi stufte ihn als gefährlichen Staatsfeind ein. Seit 1994 ist er Propst im Ruhestand. 2018 bekam er das Bundesverdienstkreuz. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) bezeichnete es "als ein großes Glück für Thüringen, aber auch für die anderen neuen Bundesländer", dass er als "spiritus rector der Friedensbewegung klug und weitsichtig" über viele Jahrzehnte wirkte. Seinem mutigen Wirken sei die friedliche Revolution 1989 mitzuverdanken.

Ehrhart Neubert

© imago/Streiflicht-Pressefoto

Er ist evangelischer Theologe und engagierte sich zu DDR-Zeiten in der oppositionellen Friedensbewegung. Während der friedlichen Revolution gründete Ehrhart Neubert mit anderen Theologen den Demokratischen Aufbruch (DA).
Dort arbeitete er am Programm der neuen Partei mit, deren stellvertretender Vorsitzender er wurde. In der "Initiative Recht und Versöhnung" trat er für die Rechte von Stasiopfern und eine konsequente Aufarbeitung von Stasiverstrickungen in der evangelischen Kirche ein. 1996 promovierte er zum Dr. phil. an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit zur Geschichte der DDR-Opposition von 1949 bis 1989. Seit 2005 befindet sich Ehrhart Neubert im Ruhestand. Er nimmt Aufgaben als Pfarrer im Ehrenamt wahr, beispielsweise im thüringischen Limlingerode.

Almuth Berger

© ullstein bild/Schoelzel

Die Pfarrerin arbeitete ab 1987 im Arbeitskreis "Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung", aus dem im Herbst 1989 die "Bürgerbewegung Demokratie Jetzt" wurde, eine der einflussreichsten Bürgerbewegungen in der DDR. Ihr damaliges Ziel: die DDR friedlich und demokratisch umzugestalten. Almuth Berger wurde nach dem Fall der Mauer die erste Ausländerbeauftragte der DDR, später dann die des Landes Brandenburg. Sie kämpfte stets für mehr Weltoffenheit. Ein Brandenburger Politiker soll sie mal als "Nervensäge" bezeichnet haben. Das habe sie als Ehrentitel empfunden, "weil ich in der Tat manchmal nerven und um Dinge kämpfen musste", sagte sie Deutschlandfunk Kultur. Ihre Strategie, sich mit Rückschlägen nicht einfach abzufinden, habe sich in ihrem Leben immer wieder bewährt. Ihr großes Ziel ist die Wahrung der Menschenwürde. Almuth Berger hat drei Töchter und lebt in Berlin.

Friedrich Schorlemmer

© epd-bild/Andreas Schoelzel

Er war eine prägende Figur der friedlichen Revolution in der DDR. Friedrich Schorlemmer ist bis heute ein kritischer Begleiter der deutschen Wiedervereinigung. Der Theologiedozent und Pfarrer aus Wittenberg war 1988/1989 Berater der Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der DDR. Er sprach am 4. November 1989 bei der Berliner Großdemonstration auf dem Alexanderplatz. Schorlemmer gehörte zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs "Für unser Land" vom 26. November 1989 und war Mitbegründer der Partei Demokratischer Aufbruch (DA). Als der DA sich auf dem Parteitag am 16./17. Dezember 1989 politisch umorientierte und von linken Vorstellungen abwandte, trat Schorlemmer mit anderen Linken aus der Partei aus und der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) bei. Dem MDR sagte er in diesem Jahr: "Ich bin nicht Pfarrer gewesen, sondern ich bin Pfarrer, der jetzt im Ruhestand lebt - und solange ich noch den Eindruck habe, dass ich etwas Sinnvolles weitersagen kann, was ich vorher bedacht habe, werde ich das auch tun." Und: "Ich habe 1989 erlebt, dass Menschen sich politisieren und dabei ganz vernünftig bleiben. Und ich will nicht aufgeben, daran zu glauben, dass ich sowas noch mal erleben könnte."

Bernd Albani

© Rolf Zöllner/Süddeutsche Zeitung Photo

Als promovierter Physiker studierte er Theologie am Theologischen Seminar in Leipzig. Bernd Albani wurde 1989 Pfarrer der Ost-Berliner Gethsemane-Gemeinde in Prenzlauer Berg. Dort war er an den Protestaktionen in der Gethsemane-Kirche zum 40. Jahrestag der DDR beteiligt. Diese Kirche wurde im Herbst '89 zu einem Zentrum des gewaltfreien Widerstandes gegen das SED-Regime. Von Dezember 1989 bis 1991 war Bernd Albani Sprecher des Neuen Forums Berlin-Prenzlauer Berg. Er beteiligte sich unter anderem an der Aufarbeitung, Pfarrer*innen und kirchliche Mitarbeiter*innen auf mögliche Stasi-Verstrickungen hin zu überprüfen. Der Theologe und Naturwissenschaftler ist heute im Ruhestand und lebt in Berlin-Pankow. Er sagt: "'Gethsemane' steht für das Gesicht einer Kirche, die den Konflikt mit der Macht riskiert."

Rainer Eppelmann

© epd-bild/Rolf Zöllner

Nach einer Maurerlehre studierte er evangelische Theologie und war 15 Jahre Pfarrer der Ost-Berliner Samaritergemeinde. Aus der Kirche in Friedrichshain macht er ein Zentrum der Oppositionsbewegung. Zusammen mit Robert Havemann rief er 1982 im "Berliner Appell" unter anderem zur Abrüstung in Ost und West auf: "Frieden schaffen ohne Waffen". 1989 war Rainer Eppelmann Gründungsmitglied und später Vorsitzender des "Demokratischen Aufbruchs" (DA), der im August 1990 mit der CDU fusionierte. Er wurde Mitglied des Zentralen Runden Tisches. Nach der Wiedervereinigung wurde Eppelmann von 1990 bis 2005 Mitglied des Deutschen Bundestags, wo er in den 1990er Jahren die Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Geschichte und Folgen der SED-Diktatur leitete. Er ist verheiratet, lebt in Berlin und hat fünf Kinder.

Christian Führer

© epd-bild/Jens Schlüter

Er war Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig. Christian Führer begann Anfang der 1980er die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche, die schließlich zu einer wöchentlichen Einrichtung montags um 17 Uhr wurden. Sie gelten als Initialzündung für die großen Montagsdemonstrationen, die das Ende der SED-Herrschaft einläuteten. Die Friedensgebete trugen dazu bei, die gewaltfreien Demonstrationen des Herbstes 1989 vorzubereiten. "Es ist eine friedliche Revolution aus den Kirchen herausgewachsen", sagte er einmal. Und fügte hinzu: "Wenn je etwas das Wort Wunder verdient hat, dann das." Zusammen mit Wolfgang Tiefensee meldete er im März 2002 den Ausspruch "Wir sind das Volk" als Marke an, um einen Missbrauch des Satzes zu verhindern. Christian Führer gründete 2009 die Stiftung Friedliche Revolution. Später sagte der ehemaliger Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche: "Teil zwei der friedlichen Revolution steht noch bevor". Damit meinte er ein neues Wirtschafts- und Finanzsystem jenseits von "hemmungslosen Profitstreben" und "Anstachelung der Gier". Er war verheiratet und hatte vier Kinder. Christian Führer ist am 30. Juni 2014 gestorben.

Der Verlag brachte Pfingsten 1988 den Aufruf "Neues Handeln" heraus, um Leute zu mobilisieren. Die Autoren warben für die Aufstellung unabhängiger Kandidaten und dafür, bei der Auszählung der Stimmzettel anwesend zu sein - für eine bürgerschaftliche Kontrolle der Ergebnisse der DDR-Kommunalwahl im Mai 1989. 

"Wir haben versucht, eine legale Opposition in den Grenzen des real existierenden Sozialismus zu formieren, und es ist uns gelungen, in einigen Städten Wahlfälschungen von 10 bis 15 Prozent nachzuweisen", erzählt Bickhardt: "Wir haben also eine Legitimationslücke des SED-Regimes aufgedeckt." 

Der Theologe betont: "Dass wir mit klaren Namen arbeiteten und Gesicht zeigten, das war ein neuer Ansatz gegen die Diktatur, wir bekannten uns zu den Auffassungen, die wir vertraten." Publiziert haben für die "radix-blätter" Künstler, Theologen und Oppositionelle. Auch Kontaktadressen der Bürgerbewegung wurden bekanntgemacht. 

Zurückhaltend war Bickhardt nicht. Vom DDR-Staat wurde er deshalb bespitzelt, glücklicherweise nie inhaftiert. "Mein Großvater hat immer gesagt, du kannst alles machen, aber bitte tu es nicht so, dass du ins Gefängnis kommst", zitiert er. Eine Inhaftierung sei natürlich nicht komplett auszuschließen gewesen. Aber, um dieser zu entgehen, habe er auf "Konzentration und Selbstbegrenzung" gesetzt.  

Menschen haben Verantwortung übernommen

Der Großvater und sein Erzählen habe ihn geprägt, sagt Bickhardt. Die DDR hatte den Werksleiter ohne SED-Parteibuch wegen "Schädlingstätigkeit" ins Gefängnis gesperrt, nachdem sie ihn zu zwölf Jahren verurteilt hatte. Er saß von 1960 bis 1963 in Berlin-Hohenschönhausen. Erst nach seinem Tod erfuhr Bickhardt, dass er nach seiner Entlassung für die Stasi gearbeitet hatte. Bickhardt sagt darüber: "Ich habe ihm das nicht zu verzeihen."

1991 zog sich der Theologe aus der Politik zurück und konzentrierte sich auf seinen Pfarrerberuf. "Ich neige dazu, für die Dinge ganz und entschieden einzustehen", sagt er. Daher sei er einige Monate nach seiner Rückkehr ins Pfarramt aus der Partei Bündnis 90/Die Grünen ausgetreten - weil er frei sein und "für jeden und jede unzweifelhaft ansprechbar" sein wollte. Bickhardt war danach Pfarrer in Eberswalde und ab 1995 in Leipzig, 2007 wurde er zudem Polizeiseelsorger in Leipzig. Seit 2019 ist er Akademiedirektor der Evangelischen Akademie Meißen

Den Herbst 1989 sieht Bickhardt nicht als "Wunder". Das Wort kläre wenig darüber auf, was die Leute gemacht haben. "Die Leute haben sehr viel gemacht", sagt er. Unendlich viele hätten mitgeholfen und seien namenlos geblieben. Rund 100.000 Menschen, schätzt er, waren damals bereit, auf ganz unterschiedliche Weise Verantwortung zu übernehmen. Dabei sei die Zeit "sehr viel mehr mit Angst besetzt gewesen, als man heute vermutet oder versteht." Was er gern von damals in die Gegenwart übertragen würde, das ist "der friedfertige Dialog untereinander". Es gebe "nichts Aktuelleres als das".