"Ein feste Burg"? Inanspruchnahmen Martin Luthers im nationalsozialistischen Deutschland

Kanzel der Martin-Luther-Gedächtniskirche im Berliner Stadtteil Mariendorf

©epd-bild / Marko Priske

Die Kanzel der in der NS-Zeit erbauten Martin-Luther-Gedächtniskirche im Berliner Stadtteil Mariendorf zeigt Jesus umringt von einer "deutschen Familie", daneben ein Soldat mit Stahlhelm und ein SA-Mann in Stiefeln.

"Ein feste Burg"? Inanspruchnahmen Martin Luthers im nationalsozialistischen Deutschland
Wie standen die Nationalsozialisten zu Martin Luther? Wie die "Bekennende Kirche"? Und wie gehen wir heute mit den eifernden Tiraden in den antijüdischen Spätschriften des Reformators, aber auch in seinen "Türkenschriften" um?

10. November 1933: Deutschland feiert. Feiert den 450. Geburtstag Martin Luthers – rund neun Monate nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Bereits im August 1933 hatte in Eisleben eine "Lutherwoche" stattgefunden, gefolgt von ähnlichen Festtagen in Eisenach und Wittenberg sowie in vielen weiteren deutschen Städten.

Die Festlichkeiten hätten selbstverständlich auch stattgefunden, wenn die Nationalsozialisten zum Jahresbeginn nicht an die Macht gelangt wären. Allerdings hätte der "Deutsche Luthertag 1933" unter demokratisch-republikanischen Vorzeichen bestimmt anders ausgesehen als in Eisleben – oder etwa in der Berliner Philharmonie. Dort wurde zu Ehren des deutschen Reformators eine Feierstunde abgehalten, allerdings erst am 19. November. Denn den "Deutschen Luthertag" hatten die Nationalsozialisten wegen der Volksabstimmung über den deutschen Völkerbundsaustriit kurzfristig um eine gute Woche verschoben. Vor einer Bühnendekoration, die eine Kombination aus "Lutherrose", christlichem Kreuz und Hakenkreuz zeigte, sprach als Hauptredner der zentralen Berliner Feier einer der führenden deutschen Theologen, Erich Seeberg – spätestens seit 1933 ein auch qua Parteieintritt bekennender Nationalsozialist.

Die große Feier des Luthertages am 19.11.1933 im Lustgarten in Berlin, wo Bischof Hossenfelder die Ansprache auf der Rampe des Berliner Schlosses hielt.

Über die zwölf Jahre hinweg, die das NS-Regime Bestand haben sollte, nahmen Einzelpersonen wie auch staatliche und kirchliche Institutionen, Verbände, Fraktionen und Gruppierungen Luthers "Erbe" für sich und ihre eigenen Zwecke und Zielsetzungen in Anspruch: Protagonisten der Bekennenden Kirche ebenso wie die pro-nationalsozialistischen Deutschen Christen, die etwa im mit Hakenkreuzfahnen geschmückten Berliner Sportpalast am 28. Februar 1934 eine Kundgebung abhielten unter einem riesigen Spruchbanner mit der Aufschrift: "Für die Vollendung der deutschen Reformation im Geiste Martin Luthers!" Und obwohl Adolf Hitler sich in der Öffentlichkeit in kirchenpolitischen und konfessionellen Fragen eher zurückhielt, nahm er im September 1934 in seiner Rede auf dem Nürnberger Parteitag der NSDAP ausdrücklich auf Luther Bezug, um das "Einigungswerk" zu würdigen, das der "deutsch-christliche" evangelische Reichsbischof Ludwig Müller mit Eifer betrieb.

Das Titelblatt des Bilder-Boten für das evangelische Haus, Nr. 10, Oktober 1933 zeigt die Kundgebung auf dem Marktplatz in Eisleben.

Die Gegenspieler der Deutschen Christen kamen Ende Mai 1934 in Barmen zur ersten von insgesamt vier während der NS-Zeit abgehaltenen Bekenntnissynoden der Bekennenden Kirche zusammen und nahmen dort Bezug auf eine Passage aus Luthers an den Eislebener Prediger Dr. Güttel gerichteten Brief "Wider die Antinomer" (die "Gesetzesstürmer") aus dem Jahr 1539.

Durch alle (kirchen)politischen Lager zog sich in der NS-Zeit die häufig beschwörende Deutung Luthers als "Urtypus des Deutschen". Auch Martin Niemöller, einer der Mitbegründer des Pfarrernotbundes, stimmte in seiner am Reformationstag 1936 in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem gehaltenen Predigt in diesen Ton ein: Luther sei heute "ein Vorbild (...), dieser Gottesmann von Wittenberg, ein echter deutscher Mann".

Titelblatt der Publikation Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche, Barmen 1934. Vorträge und Entschliessungen, Wuppertal-Barmen o. J.

Es waren hingegen "deutsch-christliche" Theologen und nationalsozialistische Politiker, die Luthers judenfeindliche Aussagen mit der NS-Rassenideologie und der antisemitischen Politik des Regimes verschränkten. Gegenstand eines Deutungskampfes zwischen Deutschen Christen und Anhängern der Bekennenden Kirche wiederum war die Auslegung von Luthers "Zwei-Reiche-Lehre"; den Nationalsozialisten dienten entsprechende Bezüge zur Rechtfertigung des von ihnen etablierten totalitären "Maßnahmenstaates".

Bildergalerie

Geistliche in den Konzentrationslagern der Nazis

Foto von Paul Schneider mit seiner Frau Margarete und ihren gemeinsamen vier Kindern.

© epd-bild / undatiertes Archivfoto

Foto von Paul Schneider mit seiner Frau Margarete und ihren gemeinsamen vier Kindern.

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<p><a href="https://www.evangelisch.de/inhalte/108238/19-07-2014/paul-schneider-unbeugsamer-zwischenrufer">Paul Schneider</a> war ein evangelischer Pfarrer und Mitglied der <a href=" https://www.evangelisch.de/themen/bekennende-kirche"> Bekennenden Kirche </a>. Schon ein Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gerät Schneider immer wieder mit ihnen in Konflikt und wird daraufhin mehrfach von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in angebliche "Schutzhaft" genommen. Am 27. November 1937 wird Schneider schließlich in Konzentrationslager Buchenwald deportiert, wo er unter anderem im Straßenbau-Kommando schwere Zwangsarbeit verrichten muss. Auch im KZ steht er zu seinen Überzeugungen, die sich auf einen Vers der <a href="https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lutherbibel-2017/bibeltext/bibelstelle/Apg%205%2C29/"> Apostelgeschichte (5,29)</a> gründen. Die SS-Aufseher bestrafen diese Haltung mit öffentlichen Stockschlägen und Einzelhaft im Bunker. Schneiders Geist brechen die schweren Folterungen jedoch nicht: So soll er sich auch am Ostersonntag unter Schmerzen an den Gitterstäben seiner Zelle hochgezogen und den Häftlingen aus dem Appellplatz zugerufen haben: "Kameraden, hört mich. Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. So spricht der Herr: "<a href="https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lutherbibel-2017/bibeltext/bibelstelle/Joh%2011%2C25/"> Ich bin die Auferstehung und das Leben!</a>"" Weiter kommt er nicht, da ihn die SS gewaltsam zum Schweigen bringt.</p>

Am 18. Juli 1939 wird Paul Schneider vom Buchenwalder Lagerarzt durch eine starke Überdosis des Herzmedikaments Strophanthin ermordet. Dietrich Bonhoefer bezeichnet ihn als ersten Märtyrer der bekennenden Kirche. Sein Todestag ist heute laut Evangelischen Namenskalender sein Gedenktag.

Portrait von Jane Haining

© Museum Auschwitz-Birkenau

<p>Jane Haining arbeitet während des Zweiten Weltkriegs als Missionarin der Church of Scotland im ungarischen Budapest. Dort leitet sie eine Mädchenschule ihrer Kirche, die darauf spezialisiert war, Juden zu missionieren. Sowohl nach Ausbruch des Krieges als auch nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Ungarn wird sie aufgefordert, das Land zu verlassen. Sie weigert sich, weil sie ihre Schützlinge nicht im Stich lassen will. Die Deutschen beschuldigen sie, Alliierte und Juden zu unterstützen. Jane Haining wird im April verhaftet und am 14. Mai 1944 unter der Nummer 79467 im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau registriert. Zwei Monate später, am 17. Juli, stirbt sie dort. </p>

Nach dem Krieg wird sie von Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern" geehrt und posthum wird ihr der "British Hero of the Holocaust" Award verliehen.

Portrait von Dietrich Bonhoeffer

© mauritius images/United Archives

<p><a href=" https://www.evangelisch.de/personen/dietrich-bonhoeffer-1906-1945"> Dietrich Bonhoeffer </a> war ein herausragender Theologe, Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten und ein bekannter Vertreter der <a href=" https://www.evangelisch.de/themen/bekennende-kirche"> Bekennenden Kirche </a>. </p>

<p>Eine intensive Auseinandersetzung mit der Bergpredigt lässt den 1906 geborenen Theologen zum Pazifisten werden. Selbst im Falle eines Angriffskrieges plädiert Bonhoeffer für gewaltfreien Widerstand. Die Ermordung der Juden durch die Nazis lässt Bonhoeffer umdenken, in Ausnahmefällen hält er den Tyrannenmord für gerechtfertigt – er billigt das Attentat auf Hitler, denn man müsse "dem Rad in die Speichen greifen", auch wenn man selbst dadurch Schuld auf sich lade. Dietrich Bonhoeffer war nicht direkt an der Planung von Hitlerattentaten (am 13.03.1943, 21.03.1943 und 20.07.1944) beteiligt, sondern diente als Verbindungsmann und übergab auf seinen Reisen ins Ausland geheime Dokumente an die Briten.</p>

Am 5. April 1943 wird Bonhoeffer wegen "Wehrkraftzersetzung" verhaftet. Am 7. Februar 1945 wird er in das KZ Buchenwald verlegt, Anfang April 1945 ins KZ Flossenbürg. Am 5. April 1945 ordnet Adolf Hitler die Hinrichtung aller noch nicht exekutierten "Verschwörer" des 20. Juli 1944 an und damit auch jene Dietrich Bonhoeffers.

Portrait von Edith Stein

© epd-bild / akg-images

Als deutsche Jüdin wird <a href="https://www.evangelisch.de/inhalte/139135/12-10-2016/vor-125-jahren-wurde-edith-stein-geboren">Edith Stein</a> 1891 in Breslau geboren. Sie promoviert mit Auszeichnung in Philosophie, ihre Habilitierung scheitert an der Tatsache, dass sie eine Frau ist. 1922 konvertiert sie zum Christentum und tritt 1933 mit dem Ordensnamen Teresia Benedicta a Cruce als Postulantin in den Karmel Maria vom Frieden in Köln ein. Aufgrund der wachsenden Judenverfolgung im "Dritten Reich" siedelt Stein in den Karmel in Echt (Niederlande) um. Aber auch dort ist sie nicht vor den Nationalsozialisten sicher: Nachdem die katholische Kirche gegen die Judenverfolgung in den besetzen Niederlanden protestiert hatte, werden alle katholischen Geistlichen mit jüdischen Wurzeln inhaftiert. Zwischen der Verhaftung Steins am 2. August 1942 und ihrer Ermordung in den Gaskammern von Birkenau liegt ungefähr eine Woche – das genaue Datum ist unbekannt, vermutlich war es der 9. August. Das ist auch ihr katholischer und evangelischer Gedenktag. In der katholischen Kirche wird sie als Heilige und Märtyrerin verehrt, Teilen der evangelischen Kirche gilt sie als Glaubenszeugen.

Portrait von Grzegore Peradze.

© Museum Auschwitz-Birkenau

Grzegore Peradze gehörte der Georgisch-Orthodoxen Kirche an. Als Hochschulprofessor in Warschau zählten Patrologie (Kirchenvätergeschichte) und die Geschichte georgischer Mönchsorden zu seinen Spezialgebieten. Peradze wurde am 5. Mai 1942 in Warschau verhaftet, im Pawiak-Gefägnis inhaftiert und schließlich nach Auschwitz deportiert, wo er am 6. Dezember des gleichen Jahres im Alter von 43 Jahren starb. Grzegore Peradze gehört sowohl zu den Heiligen der Georgisch- als auch Polnisch-Orthodoxen Kirche.

Portrait Martin Niemöller

© epd-bild / akg-images/akg-images GmbH

<p>Als der, "der mit Benzin löscht" wurde <a href="https://www.evangelisch.de/personen/martin-niemoller">Martin Niemöller</a> vom Magazin der "Spiegel" bezeichnet. Und die Poca-Indianer, die ihn in ihren Stamm aufnahmen, gaben ihm den Namen "Der auf dem rechten Weg wandelt". Beides trifft besonders auf Niemöllers Wirken während der Zeit des Nationalsozialismus zu: Der evangelische Pfarrer, der im Ersten Weltkrieg noch ein U-Boot kommandierte, wird im September 1933 zum Vorsitzenden des <a href="https://de.evangelischer-widerstand.de/html/view.php?type=dokument&id=48"> Pfarrernotbundes </a> und später zu einem führenden Vertreter der <a href=" https://www.evangelisch.de/themen/bekennende-kirche"> Bekennenden Kirche </a>.</p>

<p>Weil Niemöller Adolf Hitler auch direkt widerspricht, wird er schließlich dessen persönlicher Gefangener. Er soll als Staatsfeind verurteilt werden, womit man auch eine Kriminalisierung der ganzen Bekennenden Kirche erreichen sollte. Der Prozess endet in der Verurteilung zu sieben Monaten Haft, die Niemöller aber schon durch die Untersuchungshaft verbüßt hat. Statt jedoch freigelassen zu werden, wird er ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Bei Kriegsausbruch 1939 bitte Martin Niemöller Hitler, erneut ein U-Boot kommandieren zu dürfen. Er sieht es als seine lutherische Pflicht an, für sein deutsches Vaterland zu kämpfen. Sein Widerstand gegen die Nationalsozialisten sei nämlich in erster Linie religionstheoretisch motiviert gewesen. 1941 wird Niemöller ins KZ Dachau überstellt, wo er zusammen mit einigen anderen prominenten katholischen Theologen im "Ehrenbunker" gefangen gehalten wird. Insgesamt neun Jahre sitzt der Theologe im Gefängnis, acht davon im KZ.</p>

Nach dem Krieg gestaltet er unter anderem den Aufbau der hessisch-nassauischen Kirche mit, arbeitet am Stuttgarter Schuldbekenntnis mit und wird Präsident des Ökumenischen Rates der Kirchen. Er stirbt am 6. März 1984.

Portrait von Maximilian Kolbe

© Museum Auschwitz-Birkenau

<p><a href=" https://www.evangelisch.de/inhalte/136980/14-08-2016/freiwillig-den-todesbunker-vor-75-jahren-starb-pater-maximilian-kolbe-im-kz-auschwitz "> Maximilian Kolbe </a> wird 1894 als Rajmund Kolbe in Zduńska Wola (Generalgouvernement Warschau, Russisches Kaiserreich) in eine deutschstämmige Arbeiterfamilie hineingeboren. Nach einer Marienerscheinung tritt er 1910 in den Orden der Minderen Brüder ein, wo er den Ordensnamen Maximilian Maria annimmt.</p>

<p>Kolbe ist nicht nur überzeugter Katholik und betätigt sich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, sondern ist auch ein erklärter Antikommunist sowie Gegner des Zionismus und der Freimaurer. Drei Monate nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wird Kolbe zusammen mit 40 Ordensbrüdern von der Geheimen Staatspolizei verhaftet, kurze Zeit später aber wieder freigelassen. So viel Glück hat er am 14. Februar 1941 nicht: Wegen der Aufnahme von 2.300 Juden und dazu noch anderen polnischen und ukrainischen sowie griechisch-katholischen Flüchtlingen in seinem Missionszentrums wird er erneut verhaftet. Vom Warschauer Zentralgefängnis in Pawiak wird er im Mai 1941 in Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Dort bietet er seinen Mithäftlingen als Priester und Seelsorger Trost und Zuspruch, während er den Kies für die Krematoriumsmauer herankarren, Baumstämme schlagen, Leichen auf Schubkarren laden und zu den Verbrennungsöfen fahren muss. Als im Sommer einem Häftling aus seinem Kommando die Flucht gelingt, sollen zur Strafe zehn andere in den "Todesbunker". Das ist eine nur wenige Quadratmeter große Zelle mit einem winzigen Luftloch, in dem die Insassen solange eingesperrt werden, bis sie qualvoll verhungert und verdurstet sind. Maximilian Kolbe meldet sich freiwillig für dieses Schicksal, um es einem verzweifelten Familienvater zu ersparen. Vom 31. Juli bis zum 14. August ist Kolbe im "Todesbunker" eingesperrt. Als er und drei weitere Verurteilte nach dieser Zeit immer noch nicht verhungert und verdurstet sind, werden sie mit einer Phenolinjektion ins Herz getötet.</p>

Pater Maximilian Kolbe wurde von der katholischen Kirche selig und als Märtyrer heiliggesprochen. Sein liturgischer Gedenktag ist am 14. August.

Auch das Lutherlied "Ein feste Burg ist unser Gott" reklamierten die verschiedensten Gruppen und (kirchen-)politischen Lager für sich. Während des Zweiten Weltkriegs sangen es evangelische Gemeinden an der "Heimatfront". Eine besonders trostspendende Funktion kam dem Lied in dem von Zwang, Gewalt und Entbehrungen gekennzeichneten Alltag in den Konzentrationslagern zu. Überliefert ist das Beispiel des niederländischen reformierten (!) Pfarrers Gerard Libertus Bouman, der von November 1942 bis zu Befreiung des Lagers im KZ Dachau inhaftiert war. Ausgangspunkt der Morgenandacht, die Bouman dort am Reformationstag 1944 hielt, waren "Ein feste Burg" und der 46. Psalm: ",Der Herr Zebaoth ist mit uns; der Gott Jakobs ist unser Schutz.' In diesen Worten der Gewißheit verbarg sich Martin Luther, als die Drohung des Feindes sein Leben so sehr beengte." Das predigte einer, dessen Leben im KZ mehr als "beengt" war, seinen Schicksalsgenossen und Glaubensbrüdern zum Trost und zur Stärkung ihres Glaubens und Überlebenswillens.

Nur eine "dunkle Seite"?

Im Sommer 2013 ging Nikolaus Schneider im Rahmen eines Vortrags über "Reformation und Toleranz" auf eine gewisse Distanz zum Wittenberger Reformator – und dies gleich in dreierlei Hinsicht: Sowohl "Luthers Schriften gegen die Juden" als auch "seine Haltung zur Verfolgung der Täuferbewegung und zu Hexenverbrennungen" würden "heute zu Recht als Belege einer Tod-bringenden Intoleranz und als ‚dunkle Schatten' der Reformation erkannt". Damit hob der damalige EKD-Ratsvorsitzende sich positiv von einer im "Lutherjahr" 2017 dominanten Lesart ab, nach der nur eine einzige "dunkle" Seite des Reformators auszumachen sei, die sich in seinen judenfeindlichen Spätschriften manifestiert habe. Diese "judenfeindlichen" Elemente in Luthers Werk ordnete der überwiegende Teil derer, die sich besagter "dunkler Seite" des Reformators schämten, unter dem Begriff eines (zeittypischen) christlichen Antijudaismus ein. Demgegenüber stießen Stimmen wie die des Kirchenhistorikers Thomas Kaufmann, die Luthers Judenfeindschaft als Ausdruck eines "vormodernen Antisemitismus" deuten, nur auf ein begrenztes Echo.

Am 11.04.1938 wurde das drei Meter hohe Goldkreuz auf dem Turm der Wartburg in Eisenach vom Thüringer Nazi-Statthalter Fritz Sauckel durch ein noch grö†ßeres Hakenkreuz ersetzen - als "Siegeszeichen" nach dem Entscheid über die Eingliederung Österreichs in das "Großdeutsche Reich". Aber nur drei Tage später musste es wieder abgebaut werden. Luther übersetzte hier das Neue Testament vom griechischen Urtext ins Deutsche.

Zu einem - in Teilen - ähnlichen Befund wie Nikolaus Schneider war im Jahr 1934 ein "deutsch-christlicher" Theologe gekommen. Anders jedoch als der EKD-Ratsvorsitzende hatte der Kirchenhistoriker Erich Vogelsang, der im "Dritten Reich" als Referent im Preußischen Kultusministerium für die Reorganisation der theologischen Fakultäten zuständig war, dem Reformator applaudiert. Im altehrwürdigen Jahrbuch der Luther-Gesellschaft betonte Vogelsang die "dreifache Kampfesfront", die Luther "in den großen Streitschriften seiner letzten Jahre vermächtnisartig" formuliert habe: "gegen Rom, gegen die Juden und gegen die Türken". Und tatsächlich: Die antitürkischen Äußerungen Luthers in seinen beiden "Türkenschriften" von 1529 und 1530, etwa dass "der Türke" ein "Diener des Teufels" sei, blieben in der Rede des EKD-Ratsvorsitzenden unerwähnt. Wie überhaupt die polemische Übertreibung und das Tiradenhafte als Kennzeichen einer Vielzahl von Luthers Predigten und Schriften bis heute noch häufig übersehen werden: Die Fürstenheere sollten den aufrührerischen Bauern wie "einen tollen Hund totschlagen", hatte Luther 1525 geschrieben.

Und der evangelische Landesbischof von Thüringen, Marin Sasse, konnte, nur wenige Wochen nach den Novemberpogromen 1938, in seiner in 100.000 Exemplaren gedruckten Broschüre "Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen!" seitenlang die wütenden Passagen aus Luthers 1543 publizierter Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" im Original abdrucken: "1. daß man ihre Synagogen und Schulen mit Feuer anstecke (...) 2. daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre (...) 3. daß man ihnen nehme alle ihre Gebetbüchlein und Talmudisten" und so weiter und sofort – ein fürchterlicher Forderungskatalog, garniert mit antijüdischen Wucherverbots-Forderungen und der Androhung des Zwangs zur Arbeit "im Schweiße ihrer Nasen". 

In der Tat klingen die von Luther geforderten Maßnahmen einer "scharfen Barmherzigkeit" gegenüber den Juden geradezu wie eine Blaupause für die antisemitische Entrechtungs- und Gewaltpolitik der Nationalsozialisten, die in den Novemberpogromen gipfelte. Mag dies die "dunkelste" Seite des deutschen Reformators sein – auch seine nicht auf Jüdinnen und Juden, sondern auf andere Gruppen bezogenen Tiraden ließen ihn schon während der "Lutherdekade" (und lassen ihn heute erst recht) als Aushängeschild evangelischer "Toleranzkultur" zutiefst ungeeignet erscheinen.

"Überall Luthers Worte …" – Martin Luther im Nationalsozialismus

Eine Ausstellung der Stiftung Topographie des Terrors und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Die Ausstellung steht zur Ausleihe zur Verfügung. In Absprache mit der Gestalterin kann sie unter Umständen in ein vorhandenes Ausstellungssystem eingepasst werden. Sollte kein passendes System vorhanden sein, können Systemelemente eventuell zusätzlich entliehen werden. Die Transportkosten erhöhen sich dementsprechend. Auf diesem Infoblatt finden Sie die technischen Angaben. Bei Interesse melden Sie sich bei Peter Eckel unter der 030 254509-13 oder per Mail eckel[at]topographie.de