Bischof Hein: "Wir müssen vor der eigenen Haustür kehren!"

Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW), Martin Hein

© epd-bild/Andreas Fischer

Die Ablehnung der Judenmission und die Aufarbeitung der judenfeindlichen Schriften Martin Luthers durch die EKD sind noch nicht überall in den Gemeinden angekommen, meint Martin Hein.

Bischof Hein: "Wir müssen vor der eigenen Haustür kehren!"
Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein, dringt auf die Einsetzung eines Antisemitismusbeauftragten in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Was in der Gesellschaft virulent ist, erreiche auch Kirchengemeinden, "also auch der wachsende Antisemitismus", sagte Hein dem Evangelischen Pressedienst (epd) und forderte: "Wir müssen vor der eigenen Haustür kehren!" Ende September geht der 65-Jährige nach 19 Jahren an der Spitze der kurhessischen Kirche in den Ruhestand.
06.08.2019
Christian Prüfer und Karsten Frerichs
epd

Bischof Hein, als Sie vor 19 Jahren zum Bischof der kurhessischen Kirche gewählt wurden, waren die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York, die ein Jahr später die Welt erschütterten, noch unvorstellbar, Facebook noch nicht gegründet und Klimaschutz ein Thema allein für Wissenschaftler. Ist die Welt heute ein schlechterer Ort geworden?

Martin Hein: Wenn man genau hingesehen hat, war auch schon vor dem Jahr 2000 nicht alles in Ordnung. Denken wir nur an die 1980er Jahre, in denen viel vom Waldsterben die Rede war. Und es gab auch damals heftige Umbrüche und Auseinandersetzungen.

Seit dem Attentat auf das World Trade Center bewegen wir uns immer stärker auf einen "Clash of Civilisations" zu, wie es Samuel Huntington formuliert hat, den wir lange Zeit glaubten vermeiden zu können. Hinzu kommt, dass die Veränderungen im Blick auf das globale Klima inzwischen so evident sind, dass den Klimawandel niemand mehr leugnen kann.

Terror, Gewalt, Klimawandel - woher können Menschen Zuversicht schöpfen?

Hein: Es gibt wohl einen natürlichen Lebenswillen des Menschen - unabhängig davon, wie katastrophal die jeweiligen Bedingungen sind. Davon zeugt zum Beispiel, dass die Generation unserer Großeltern und Eltern nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Diktatur unmittelbar angefangen haben, die Städte wieder aufzubauen und Familien zu gründen.

Für Christen gibt es die Hoffnung, dass unsere Welt Gottes Schöpfung ist. In unserem Glauben verlassen wir uns darauf: Es gibt niemals hoffnungslose Situationen! In diesem Sinn engagieren wir uns für unsere Welt.

"Es darf einfach keine blinden Flecke auf dem rechten Auge geben"

Der Mord am Regierungspräsidenten Walter Lübcke vor wenigen Wochen hat Kassel erschüttert. Sie sind mit der Familie des mutmaßlich von einem Rechtsextremisten ermordeten Lübcke gut bekannt, haben den Trauergottesdienst geleitet und zu verschiedenen Anlässen ein entschiedeneres Eintreten gegen rechts gefordert. Wurde rechtsextremistisches Gedankengut zu lange toleriert?

Hein: Wir haben wohl zu wenig darauf geachtet, was sich im Verborgenen tut. In den vergangenen Jahren hat sich eine starke Empörungskultur entwickelt. Rechte und Rechtsradikale haben davon sehr profitiert. Und jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger aus zwölf EU-Ländern sagen laut einer Befragung: Der Antisemitismus ist deutlich spürbarer geworden.

Es darf einfach keine blinden Flecke auf dem rechten Auge geben! Das hat der Mord an Regierungspräsident Lübcke gezeigt. Es werden im rechten Spektrum Ressentiments und Hass geschürt, von denen ich gedacht hätte, dass sie längst überwunden wären.

Sie haben einen Antisemitismusbeauftragten in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gefordert. Was war der Grund? Mit der Ablehnung der Judenmission und der Aufarbeitung der judenfeindlichen Schriften Martin Luthers wurden zum 500. Reformationsjubiläum doch wichtige Klärungen erreicht.

Hein: In der Tat sind die theologischen Fragen für mich abschließend geklärt, wenn auch noch nicht überall in den Gemeinden angekommen. Aber die politischen Themen sind brennend: Auf der einen Seite muss es möglich sein, die israelische Politik gegenüber den Palästinensern zu kritisieren. Auf der anderen Seite darf das Existenzrecht des Staates Israels niemals infrage gestellt werden! Die evangelische Kirche ist gefragt, mehr Verständnis aufzubringen für einen Staat, der von Ländern mit ausgeprägter Israelfeindschaft umgeben ist. Nähe zu palästinensischen Christen darf nicht dazu führen, die moralische Verpflichtung aufzugeben, sich für das Existenzrecht Israels einzusetzen. Die auch von der Bundesregierung 2017 angenommene Definition, was unter Antisemitismus zu verstehen ist, gibt dazu eine gute Orientierung.

Was soll ein EKD-Antisemitismusbeauftragter konkret machen?

Hein: Er - oder sie - ist zunächst einmal Ansprechpartner und muss genau beobachten, was sich in den Gemeinden tut. All das, was in unserer Gesellschaft virulent ist, erreicht unsere Kirchengemeinden, also auch der wachsende Antisemitismus. Wir müssen vor der eigenen Haustür kehren!

Ganz wichtig ist es zudem, Aufklärungsarbeit zu leisten. Dazu haben die Evangelischen Akademien mit der Broschüre "Antisemitismus im Protestantismus" gute Vorarbeiten geleistet.

Und er beziehungsweise sie könnte mehr Begegnungsfelder schaffen. Die hätte ich mir in den vergangenen Jahren in der kurhessischen Kirche gewünscht - vor allem zwischen Jugendgruppen. Wir haben zu wenig im Blick, wie viele junge Menschen jüdischen Glaubens es bei uns gibt.

Wie waren die Reaktionen auf Ihren Vorschlag?

Hein: Die reichten bis in eine jüdische Wochenzeitung in den USA, die darüber berichtet hat. Bei der EKD allerdings würde ich mir mehr Nachdruck wünschen, den Vorschlag ernsthaft zu diskutieren.

"Für manche ist das Bischofsamt ja schon die Rückholung des Katholizismus in unsere Kirche"

Sie haben als kurhessischer Bischof immer wieder mit Vorstößen zu Veränderungen auf EKD-Ebene von sich reden gemacht: Vor zehn Jahren haben Sie angeregt, dass an der Spitze der EKD statt des Ratsvorsitzenden ein Leitender Bischof stehen sollte. Warum ist diese Idee nicht weiterverfolgt worden?

Hein: Da gibt es sehr unterschiedliche Perspektiven: Für manche ist das Bischofsamt ja schon die Rückholung des Katholizismus in unsere Kirche, für andere ist ein Bischof an der Spitze einer Kirche vollkommen selbstverständlich. Am stärksten waren historische Vorbehalte: Ich wolle wieder einen "Reichsbischof" einführen. Unsinn!

Mir ging es darum, aufgrund der Erfahrungen in der Zeit des sehr prägenden Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber von 2003 bis 2009 anzuregen, dass das Amt des EKD-Ratsvorsitzenden nicht allein durch die Person getragen werden sollte, sondern stärker institutionalisiert wird. Wenn Sie zum Beispiel nach England, Schweden oder in lutherische Kirchen nach Afrika blicken: Dort gibt es das Amt des Archbishops oder des Presiding Bishops, also eines beziehungsweise einer Leitenden Geistlichen der Kirche. Das konnte ich mir auch für die EKD vorstellen.

Andere aber nicht.

Hein: Nein, die Vorbehalte waren zu groß, vielleicht war ich meiner Zeit einfach voraus. Nach wie vor stehe ich hinter diesem Vorschlag: Ein Leitendes Bischofsamt mit Sitz in Berlin würde zu einer klareren EKD-Struktur als Kirche beitragen.

"Wir hätten Akzente setzen können"

Als Bischof haben Sie sich stark in der Ökumene engagiert, sie waren viele Jahre Mitglied im Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK). Was ist erreicht worden?

Hein: Als ich 2003 im ÖRK-Zentralausschuss angefangen habe, ging es in einer Kampagne um die Überwindung von Gewalt. Danach haben wir 2013 in Busan in Südkorea einen "Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens" initiiert. Da hat man eine deutliche Veränderung bemerken können: Die Kampagne gegen Gewalt wurde von der Zentrale des Weltkirchenrates in Genf maßgeblich geprägt, doch wegen der Einsparungen war das schon beim Pilgerweg nicht mehr möglich. Denn der Weltkirchenrat ist finanziell ganz schwach aufgestellt. Was der "Pilgerweg" am Ende bewirkt hat, bei dem man stärker auf Vernetzung statt auf zentrale Initiativen setzt, wird man erst bei der Auswertung in zwei Jahren sehen.

Hat der Weltkirchenrat Chancen verpasst?

Hein: In einer Hinsicht schon: Als wir im ÖRK den "Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens" in den Blick genommen haben, hätten wir Deutschen mit anderen gern das Thema Klimawandel zentral behandelt. Das wurde damals strikt abgelehnt mit dem Hinweis, wir wollten einen "Postkolonialismus" durchsetzen. Uns wurde unterstellt, die Länder des globalen Südens durch Begrenzungen bei Emissionen in deren ökonomischem Wachstum beschneiden zu wollen. Wäre das Thema Klimawandel damals nicht recht brüsk abserviert worden, hätten wir dieses zentrale Menschheitsproblem schon vor sechs Jahren auf der Agenda des ÖRK gehabt und wären Vorreiter gewesen! Wir hätten Akzente setzen können!

Bischof Hein, zum Abschluss noch einige persönliche Fragen: Was wünschen Sie sich für die kurhessische Kirche für die nächsten Jahre?

Hein: Mut zur Veränderung - und ganz viel Glaubenszuversicht.

Was wünschen Sie sich selbst für Ihren Ruhestand?

Hein: (lacht) Vor allem, dass ich mich nicht langweile. Ich muss von vielem Abschied nehmen. 19 Jahre lang bin ich gern Bischof gewesen. Aber loszulassen gehört zum Leben dazu. Das muss ich üben.

Ich war immer gern Theologe, werde weiterhin ab und an Gottesdienste feiern und auch den einen oder anderen Vortrag auf dem Gebiet von Theologie und Ethik ausarbeiten. Und als "Seniorberater" beteilige ich mich an der Vorbereitung der Vollversammlung des ÖRK in Karlsruhe. 2021 haben wir als deutsche Gastgeber die Chance, bei dieser Weltversammlung der Christenheit den Blick auf die ökumenische Situation in unserem Land zu richten und zugleich zu lernen, dass die Kirche nur noch weltweit gedacht werden kann.

Gibt es etwas, was Sie nach ihrem Ausscheiden als Bischof besonders vermissen werden?

Hein: Ja, es sind diese vielfältigen ökumenischen Kontakte. Die haben mir auch für unsere Landeskirche viel bedeutet.