Antisemitismus im Klassenzimmer

Shelly, Mascha und Claus-Henning sitzen im Klassenraum.

© Lena Christin Ohm

Während Mascha als Bundeskoordinatorin schon häufiger für "Rent A Jew" mit Schülerinnen und Schülern gesprochen hat, ist diese Form der Begegnung für Shelly und Claus-Henning noch relativ neu.

Deutschland spricht 2019
Antisemitismus im Klassenzimmer
Als Religionslehrerin Friederike Wenisch bei einzelnen unter ihren Schülerinnen und Schülern antisemitische Tendenzen mitbekommt, kann und will sie das nicht ignorieren. Sie lädt Mascha, Shelly und Claus-Henning von "Rent-A-Jew" in den Unterricht ein, damit die Jugendlichen etwas über jüdisches Leben in Deutschland erfahren.

"Du siehst gar nicht aus wie eine Jüdin", ist eigentlich nicht die Begrüßung, die sich Mascha wünscht, wenn sie einen Klassenraum betritt. Doch äußerlich nimmt sie es locker, lächelt nur und fragt den überraschten Teenager, wie er sich denn eine Jüdin vorgestellt habe. Der Junge wirkt plötzlich verlegen, so als sei es ihm unangenehm, auf diese Frage antworten zu müssen. Verstohlen blickt er sich zu seinen Freunden um, doch die sind ihm keine Hilfe. Als er merkt, dass er aus dieser Situation nicht herauskommt, nuschelt er etwas von "anders halt", zuckt mit den Schultern und geht danach schnell zu seinen Freunden.

Vorurteile darüber, wie Jüdinnen und vor allem Juden vermeintlich auszusehen haben, hört Mascha häufig, wenn sie für die Organisation "Rent-A-Jew" mit jungen Menschen ins Gespräch über das Judentum kommt. Die Vorstellung eines Juden mit Vollbart, Schläfenlocken und Kippa sei weit verbreitet. "Viele sind dann überrascht, wenn plötzlich jemand vor ihnen steht, der genauso aussieht wie sie. Und dann rutscht gerade Teenagern schon mal so ein Satz raus", sagt Mascha. Sie versucht dann, diese Aussage nicht persönlich zu nehmen. "Meistens steckt dahinter keine böse Absicht, sondern einfach nur Unwissenheit", erklärt sie nachsichtig. Solche Gelegenheiten nutze sie dann, um zu erklären, woher diese Stereotype kommen. So auch heute in der 9. Klasse des Gymnasiums in Hamburg-Altona, die sie zusammen mit Claus-Henning und Shelly auf Einladung von Friederike Wenisch besucht.

Friederike Wenisch im Gespräch mit Schülern.

Wenisch ist Deutsch- und Religionslehrerin und hatte bei Gesprächen mit ihren Schülern antisemitische Tendenzen wahrgenommen, die ihr Sorge bereiteten. "Da war zum Beispiel im Vorfeld der Echo-Verleihung die Diskussion, ob die Songtexte der Rapper Kollegah und Farid Bang antisemitisch sind. Meine Schüler waren da total uneinsichtig und konnten nicht verstehen, warum darüber überhaupt diskutiert wird", erinnert sich Wenisch.

Am Ende sei sie wegen vieler einzelner Erlebnisse überzeugt gewesen, dass etwas getan werden müsse, um Antisemitismus aus dem Klassenzimmer zu verbannen. Dass es sich beim Antisemitismus in der Schule um ein "mit den Flüchtlingen" importiertes, explizit muslimisches Problem handelt, kann Friederike Wenisch nicht bestätigen. Ihrer 9. Klasse sei eine nahezu homogen deutsche Gruppe von Kindern, deren Eltern zum Bildungsbürgertum gezählt werden könnten – und trotzdem gebe es antisemitische Tendenzen.

Mit jüdischem Alltag in Berührung kommen

Ihr ursprünglicher Plan, um dagegen vorzugehen, sah einen Ausflug in die Gedenkstätte Neuengamme vor. Dort sollten sich die Schülerinnen und Schüler mit konkreten Opferbiographien auseinanderzusetzen. Doch in einem Gespräch rieten die Verantwortlichen der Gedenkstätte Friederike Wenisch davon ab und empfahlen ihr, erstmal auf der persönlichen Ebene im Hier und Jetzt anzusetzen. Ohne diese Kontextualisierung könne bei den Jugendlichen das Gefühl entstehen, das Ganze habe nur etwas mit der Vergangenheit, nicht jedoch mit ihrer Gegenwart zu tun.

Diese Gefahr besteht allgemein, da in vielen Schulen zwar die Shoa und der Nationalsozialismus fester Bestandteil des Lehrplans sind, die allgemeine Auseinandersetzung mit dem Thema jüdische Geschichte und jüdisches Leben jedoch auf diese Zeit reduziert wird. Was vorher war oder wie es nach 1945 mit dem Antisemitismus weiterging, ist seltener Thema. Das führt dazu, dass Jüdinnen und Juden vor allem als Opfer des nationalsozialistischen Regimes in Erinnerung bleiben – mit Ausdrücken jüdischer Kunst und Kultur, der Religion oder dem Alltag der Jüdinnen und Juden als ganz normale Menschen kommen Schülerinnen und Schüler dagegen fast nie in Berührung.

Der Name "Rent A Jew" wurde von den Gründerinnen und Gründern der Organisation bewusst auffallend und humorvoll gewählt, damit er den Menschen im Gedächtnis bleibt.

Und genau deswegen wurde 2014 "Rent-A-Jew" (Träger: Europäische Janusz Korczak Akademie e.V.) gegründet: um persönliche Begegnungen zu ermöglichen und Hemmungen abzubauen. "Wir wollen aus unserem Alltag erzählen, einen Überblick über die enorme Vielfalt jüdischen Lebens geben, aber auch Ansprechpartner für Fragen sein", sagt Mascha, die zum zehnköpfigen Koordinationsteam von "Rent-A-Jew" gehört. Auch in der öffentlichen Wahrnehmung werde man oft auf die Themengebiete Holocaust, Israel und Antisemitismus reduziert, dabei gäbe es noch so viele Facetten des Judentums und die versuche man niederschwellig aufzuzeigen. "Wir sind keine Gelehrten und auch keine Repräsentanten Israels, sondern ganz normale Menschen und das wollen wir gerne zeigen", so Mascha.

Und die Idee kommt auf beiden Seiten an: über 100 Freiwillige machen mit und die Anfragen häufen sich – besonders aus Berlin und Nordrhein-Westfalen. Die Schulen und Organisatoren, die sich auf der Website von "Rent-A-Jew" melden, müssen nur die Reisekosten für die Ehrenamtlichen bezahlen, ansonsten kosten die Besuche nichts.

Mascha, Shelly und Claus-Henning von "Rent A Jew" haben den Schülern Gegenstände aus dem jüdischen Alltag mitgebracht: Kippot, einen Chanukkia-Leuchter, ein Wassergefäß für die rituelle Waschung der Hände (Netilat Jadajim), koschere Süßigkeiten und einige Bücher.

Für die 9. Klässler haben Mascha, Claus-Henning und Shelly einige Gegenstände mitgebracht und in der Mitte des Stuhlkreises auf einem Tisch ausgebreitet. Darunter auch ganz verschieden gestaltete Kippot: manche sind gehäkelt, manche innendrin verstärkt und mit Samt überzogen, wieder andere aus Stoff. Mascha, Claus-Henning und Shelly reichen die Kippot herum. Neugierig betasten die Jungen und Mädchen das Material und setzen die Kippa auf.

Als die Schülerinnen und Schüler sich die Kippot einmal näher ansehen dürfen, probieren einige von ihnen sofort aus, wie sie ihnen steht.

Für sie ist diese "Welt" fremd, nur zwei von ihnen kennen eine Jüdin oder einen Juden persönlich. Das verwundert die drei nicht. "Die Chance, in Deutschland einem von uns zu begegnen, liegt ungefähr bei eins zu 400", klärt Mascha die Jugendlichen auf.

Auf ihre Frage, woher die meisten Jüdinnen und Juden in Deutschland heutzutage wohl kommen, reagiert die Klasse erstmal mit Schweigen. Erst nach und nach äußern sie ihre Vermutungen: Aus Israel oder den USA. "Vielleicht sind auch noch ein paar Restbestände nach dem "Dritten Reich" geblieben", kommt es aus einer Ecke.

Bei dem Wort "Restbestände" zuckt Mascha kurz zusammen. Statt jedoch von der gedankenlosen Wortwahl pikiert zu sein, klärt sie die Schülerinnen und Schüler lieber darüber auf, dass ein großer Teil der Jüdinnen und Juden so wie sie selbst aus der ehemaligen Sowjetunion käme.

Die Frage, warum Jüdinnen und Juden so viel Hass entgegenschlägt, gibt Mascha direkt an die Schüler zurück. Es interessiert sie, welche Begründungen die Jugendlichen für Antisemitismus finden. "Die Juden kontrollieren das Bankwesen und sind deswegen total reich und das finden die anderen Menschen halt nicht so cool", spekuliert ein Junge und bringt damit ein tradiertes Vorurteil in die Diskussion sein. Für Mascha, Shelly und Claus-Henning ist es kein Problem, die Wurzeln dieses Stereotyps historisch zu erklären und zu entkräften. Dabei schaffen sie es sogar noch, ihren Humor zu bewahren. "Dass alle Juden reich sind, kann ich von mir schon mal nicht behaupten", scherzt Mascha und Shelly fügt lachend hinzu, dass auch sie arbeiten gehen müsse.

Diskussion über Nahostkonflikt

Schwieriger wird es, als die Diskussion über die aus Schülersicht möglichen Gründe für Antisemitismus auf den Nahost-Konflikt und Israels Politik gegenüber den Palästinensern kommt. Mit extrem pro-palästinensischen, anti-israelischen Aussagen versucht einer der Schüler zu provozieren. Auf Maschas Frage, aus welchen Quellen er sein Wissen habe, antwortet er nur vage mit "aus dem Internet".

In der Diskussion gerät er schnell ins Hintertreffen, weil ihm Fakten und Hintergrundwissen fehlen. "Schüler in dem Alter haben solche Dinge mal in ihrem Umfeld oder in den Medien gehört und geben es gedankenlos weiter. Das ist zumindest meine Beobachtung", so Mascha. Eine dezidiert antisemitische oder anti-israelische Haltung vermutet sie hinter diesen Aussagen in diesem Alter normalerweise nicht. Und auch Friederike Wenisch schätzt, dass bei den Äußerungen eher "eine Mischung aus Gedankenlosigkeit, Unwissenheit und mangelnder Weitsicht" mitschwinge und nicht tiefe Überzeugung.

Shellys Großmutter ist aus Deutschland, sie selbst ist in Israel geboren worden und später nach Deutschland ausgewandert. Die junge Frau engagiert sich in der Jugendarbeit und ihr ist es wichtig, dass Menschen jüdischen Glaubens als ganz normale Menschen wahrgenommen werden.

Letztlich sind es aber nicht die Fakten, die die Schülerinnen und Schüler zum Nachdenken anregen, sondern Shellys persönlichen Erlebnisse. "Als ich im Mai in Israel war, wurden binnen 36 Stunden über 700 Raketen vom Gazastreifen aus abgefeuert", erzählt die gebürtige Israelin. Vom Strand in Tel Aviv aus habe sie sehen können, wie die Raketen vom Iron Dome, dem Raketenabwehrsystem der Israelis, zerstört wurden. "Diese Situation fühlte sich an wie Krieg", beschreibt Shelly. "Das waren keine Roboter, die die Raketen abgeschossen haben, sondern Menschen. Menschen, die andere Menschen töten wollen. Und das ist furchtbar."

Plötzlich ist es ganz still in der Klasse, einige gucken betreten zu Boden. Ein Mädchen flüsterte ihrer Sitznachbarin leise zu, dass sie nicht gewusst habe, dass auch die Palästinenser die Israelis angreifen und nicht nur umgekehrt. Auch der Junge, der vorher noch so provokant argumentiert hat, sieht auf einmal gar nicht mehr so selbstsicher und von seinen Thesen überzeugt aus.

Diese nachdenkliche Stimmung nutzt Claus-Henning, um den Schülerinnen und Schülern klar zu machen, dass das Judentum nicht mit dem Staat Israel und Jüdinnen und Juden nicht mit Israelis gleichzusetzen sei. "Ich habe nicht mit dem zu tun, was in Israel geschieht. Ich habe die Politiker dort nicht gewählt, aber trotzdem werde ich dafür verantwortlich gemacht", sagt er, um den Teenagern vor Augen zu führen, wie unfair dieses Verhalten ist.

Auch am jüdischen Glauben und den verschiedenen Frömmigkeitsstilen sind die Schülerinnen und Schüler sehr interessiert. Sie lassen sich über die jüdischen Speisevorschriften aufklären, kosten koschere Gummibären und Cola-Flaschen und hören interessiert zu, als Mascha den rund drei Jahre andauernden, komplizierten Konvertierungsprozess erklärt.

Am Ende der Doppelstunde ist die letzte Schülerfrage jedoch immer noch, ob die Juden nicht durch ihre Abschottung ein stückweit für das Misstrauen und den Hass selbst mitverantwortlich sind. Und das nach anderthalb Stunden Gespräch. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass Maschas Antwort auf diese Frage energischer ausfällt. Dieses Mal ist ihr anzumerken, dass sie dieser in einer Frage versteckte Vorwurf getroffen hat. "Antisemitismus sagt nichts über Juden aus, sondern nur über Antisemiten", stellt sie fest. "Die meisten von ihnen kennen gar keine Jüdinnen oder Juden. Die brauchen nur jemanden, den sie für die Komplexität der Welt verantwortlich machen können."

K., J. und M. haben im Unterricht bei Friederike Wenisch schon einiges über das Judentum erfahren, doch die Erzählungen von Shelly, Mascha und Claus-Henning zeigen ihnen, wie facettenreich jüdisches Leben ist.

Nach der Doppelstunde ziehen drei von Friederike Wenischs Schülerinnen ein positives Fazit von dem Besuch. "Ich hätte nicht gedacht, dass es noch so viel gibt, was wir nicht übers Judentum wussten. Dabei hatten wir uns vorher echt gut vorbereitet", erzählt J. beindruckt. Sie fühlt sich jetzt deutlich besser informiert als vorher. Auch ihre Freundin K. sieht das so: "Die haben so viel Persönliches erzählt und von ihren Erfahrungen berichtet, das war echt cool. Und halt auch ganz anders, als wenn Frau Wenisch uns vorne an der Tafel etwas über die Speisevorschriften erklärt hätte."

Besonders Shellys Schilderungen vom Nahost-Konflikt haben Eindruck auf die drei Mädchen gemacht. "Ich wusste vorher eigentlich fast nichts über den Konflikt und dann von jemandem wie Shelly zu hören, wie heftig das da zugeht, das war schon beeindruckend", sagt M. Auch K. erzählt, dass sie vorher nicht gewusst habe, dass es Raketenangriffe auf Israel gebe. Jetzt sei ihnen klar geworden, dass die Situation in der Region wohl nicht ganz so einfach sei, wie sie es sich vorgestellt hätten.

Mascha gehört zum ehrentamtlichen Koordinationsteam von "Rent A Jew".

Auch Mascha musste diesen Tag erstmal verarbeiten. "Innerlich musste ich bei einigen Fragen schon schlucken, weil es mir nahe gegangen ist und mich menschlich getroffen hat", gesteht sie später offen. Und obwohl sie regelmäßig solche Gespräche führe, brauche sie immer einen Augenblick, um sich zu sammeln, weil sie nie zu 100 Prozent darauf vorbereitet sei, mit so etwas konfrontiert zu werden.

Doch dass solche Fragen gestellt werden, ist für Mascha per se kein Problem – ganz im Gegenteil. "Wir wollen ja gerade dahin gehen, wo schwierige Fragen gestellt werden und wo es keine Tabus gibt", erklärt sie. Gruppen mit jüngeren Kindern oder älteren Jugendlichen zum Beispiel aus der Oberstufe seien zwar manchmal einfacher, aber das sei nicht das Ziel. "In der 8. und 9. Klasse ist das Weltbild der Jugendlichen noch nicht gefestigt, da kann man mit ihnen reden und erreicht sie noch."

Mascha ist davon überzeugt, dass sich nur sehr wenige Schülerinnen und Schüler, die durch antisemitische Sprüche auffallen, je intensiv mit Jüdinnen und Juden beschäftigt haben. Sie hält es für wahrscheinlicher, dass die Jugendlichen das nachplappern, was sie in ihrer Umgebung hören – sei es in sozialen Netzwerken, in den Texten von Rappern wie Kollegah und Farid Bang oder einfach untereinander. Und in vielen gesellschaftlichen Bereichen seien Ansichten aus dem Nationalsozialismus und dem christlichen Antijudaismus sowie die Darstellung von Israel als "Aggressor" im Nahostkonflikt immer wieder präsent.

Latenter Antisemitismus in der Bevölkerung verbreitet

Das bestätigen auch Studien wie der erste Antisemitismusbericht der Bundesregierung, wonach etwa 20 Prozent der Bevölkerung "latent" antisemitisch eingestellt seien. Israelbezogener oder sekundärer Antisemitismus (Leugnung oder Relativierung des Holocaust) ist sogar unter rund 40 Prozent der Bevölkerung verbreitet.

Friederike Wenisch hofft, dass die Begegnung mit Mascha, Shelly und Claus-Henning nachhaltig wirkt und ihre Schülerinnen und Schüler etwas daraus mitgenommen haben. Zum Beispiel, weil sie gesehen haben, wie antisemitischen Vorurteile, auf die es sonst vorher keine großen Reaktionen gegeben hat, weil es in ihrem Umfeld niemanden "betroffen" hat, tatsächlich andere Menschen verletzen. So ist aus einer abstrakten Vorstellung eine konkrete Konsequenz geworden und zumindest die betroffenen Reaktionen ihrer Schülerinnen und Schülerinnen machen Friederike Wenisch Hoffnung. Auf dass die Jugendlichen das nächste Mal bei einer antisemitischen Bemerkung vielleicht nicht lachen, sondern  widersprechen und Stellung beziehen.