Untersuchungsausschuss zu Versäumnissen und Pannen im Fall Lügde

Untersuchungsausschuss zu Versäumnissen und Pannen im Fall Lügde
Prozess wegen vielfachen Kindesmissbrauchs beginnt
Jahrelanger sexueller Missbrauch von Kindern in Hunderten Fällen und der Verdacht von Behördenversagen: Der Fall Lügde beschäftigt jetzt auch den NRW-Landtag. Kurz vor Beginn des Prozesses werden neue Vorwürfe gegen die Behörden laut.

Einen Tag vor dem Prozessauftakt wegen vielfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde hat der nordrhein-westfälische Landtag die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses beschlossen, der Versagen von Politik und Behörden aufklären soll. Unterdessen mehren sich die Hindernisse auf Versäumnisse: Nach einem Medienbericht hätte der Hauptverdächtige möglicherweise schon vor knapp 20 Jahren gestoppt werden können. Der Kinderschutzbund forderte die Gründung einer länderübergreifenden Expertenkommission zur Aufklärung des Behördenversagens.

Der von CDU, FDP, SPD und Grünen beschlossene Parlamentarische Untersuchungsausschuss soll "mögliche Versäumnisse, Unterlassungen, Fehleinschätzungen und Fehlverhalten" der Landesregierung sowie von Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendämtern aufdecken und seine Arbeit nach der Sommerpause aufnehmen. Vernehmungen von Opfern oder Angehörigen sind nicht vorgesehen. Allerdings soll der Ausschuss auf externe Sachverständige zurückgreifen können.

Auf einem Campingplatz in Lügde im Kreis Lippe sollen mehr als 40 Kinder zwischen vier und 13 Jahren über Jahre hinweg sexuell missbraucht und dabei auch gefilmt worden sein. Drei Männer müssen sich wegen des vielfachen Missbrauchs von Kindern ab Donnerstag vor dem Landgericht Detmold verantworten. Bis Ende August sind neun Verhandlungstage angesetzt. Die Richter haben auch viele der betroffenen Kinder als Zeugen geladen.

Angeklagt sind ein 56-jähriger Dauercamper, ein 34-jähriger mutmaßlicher Mittäter und ein 49-Jähriger aus Stade. Die Staatsanwaltschaft wirft zwei Verdächtigen in mehr als 450 Fällen Kindesmissbrauch und Herstellung von Kinderpornografie vor. Der dritte Beschuldigte soll an Webcam-Übertragungen mitgewirkt haben.

Der Missbrauchsfall war im Januar öffentlich gemacht worden. Polizei und Jugendämter stehen in der Kritik, weil sie Hinweisen auf den Hauptverdächtigen nicht nachgegangen sein sollen. Schon im Januar 2002 soll gegen einen der Angeklagten bei der örtlichen Polizei ein Verdacht eingegangen sein, ein acht Jahre altes Mädchen missbraucht zu haben.

NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" berichteten am Mittwoch, bereits im Jahr 2000 habe es konkrete Hinweise auf den Hauptbeschuldigten gegeben, die aber von den Behörden nicht verfolgt worden seien. Nachdem die Vorwürfe zwei Jahre später erneuert worden seien, sei zwar ein offizielles Verfahren eingeleitet worden, die Staatsanwaltschaft Detmold wolle jedoch nicht sagen, was daraus wurde. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte dem Rechercheverbund, was aus früheren Hinweisen auf die Missbrauchsfälle wurde, habe noch nicht geklärt werden können. Jeder einzelne übersehene oder nicht richtig bearbeitete Hinweis sei einer zu viel.

Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbunds, erklärte, er halte es "durchaus für möglich, dass es ein Netzwerk gibt, das bis in Behörden reicht". Daher sei es angebracht, dass Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gemeinsam eine unabhängige Expertenkommission einsetzen, sagte er dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland" (Donnerstag). Ein Gremium von Wissenschaftlern aus Kriminologie und Erziehungswissenschaft solle den Fall noch einmal aufarbeiten.

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