Journalist Lochthofen: Debatte über "Lügenpresse" ist unsinnig

Journalist Lochthofen: Debatte über "Lügenpresse" ist unsinnig

Der frühere Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen", Sergej Lochthofen, kann mit der "Lügenpresse"-Diskussion nichts anfangen. "'Lügenpresse' ist einer der unsinnigsten Begriffe, die wir zur Zeit in der Öffentlichkeit diskutieren", sagte der deutsch-russische Journalist am Dienstag in Leipzig. Es gebe heute "viel mehr Korrektive, auf den Journalismus einzuwirken und ihn zu korrigieren, als es je der Fall gewesen ist", erklärte er bei einer Tagung zur Pressefreiheit.

Die "Lügenpresse"-Diskussion und die Tatsache, dass der Journalismus in Deutschland "so unsouverän" damit umgehe und sich "ständig selbst kasteie", mache ihn wütend und unglücklich, betonte der 65-Jährige. Lochthofen studierte zu DDR-Zeiten in Leipzig Journalistik und war von 1990 bis 2009 Chefredakteur der in Erfurt erscheinenden "Thüringer Allgemeinen".

In Sachen politischer Beeinflussung sei die Medienlandschaft in Deutschland heute sehr weit von DDR-Verhältnissen entfernt, sagte Lochthofen weiter. Er beobachte aber, dass ein Teil der Gesellschaft damals wie heute Fakten ausblende "und gar nicht das Bedürfnis hat, zu verstehen, sondern die eigenen Vorstellungen und Vorurteile als Fakten zählt", fügte er hinzu.

MDR-Chefredakteurin Jana Hahn erklärte, sie sehe eine Ursache für die im Osten verbreitete Medienskepsis in der DDR-Vergangenheit. "Wer über Jahrzehnte gelernt hat, zwischen den Zeilen zu lesen, stellt innerlich eine große Distanz her zu dem, was da geschrieben steht", sagte die Journalistin, die Ende der 80er Jahre ebenfalls in Leipzig studierte. Dieses in der DDR erlernte Verhalten "wird auch nicht durch die Wende sofort ad acta gelegt worden sein", ergänzte sie.

Einen weiteren Grund für die Konjunktur des "Lügenpresse"-Begriffs sieht Hahn in der Berichterstattung über den starken Flüchtlingszuzug ab 2015. Hier hätten Menschen bestimmte Dinge nicht in der Presse wiedergefunden, Schattenseiten des Themas seien zunächst unterbelichtet worden. Das habe bei einigen Menschen in Ostdeutschland "das alte, gelernte Verhalten vielleicht wieder aktiviert", so die Journalistin.

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