Ein lebendiger Ort des Erinnerns

 Bundesgartenschau Heilbronn

© epd-Bild/Ralf Schick

Gräberführungen auf der Bundesgartenschau Heilbronn mit Pfarrerin Bärbel Herrmann-Kazmaier und einer Besuchergruppe.

Ein lebendiger Ort des Erinnerns
Gräberfelder auf der Bundesgartenschau ziehen viele Besucher an
Das Schaugräber-Feld auf der Bundesgartenschau zieht Besucher aller Altersgruppen an. Ein Kirchenkunstwerk aus Sandsäcken weist den Weg dorthin.

Eine Kapelle aus weißen Sandsäcken weist den Weg zum Friedhof. Hunderte von Neugierigen streifen täglich entlang kunstvoll angelegter Gräber. Die Wege junger und älterer Menschen kreuzen sich hier. Mal sind es Kunststudierende aus Stuttgart und Tübingen, mal Angehörige von Verstorbenen. "Das Gräberfeld auf der Bundesgartenschau (BUGA) ist ein Publikumsmagnet", sagt die evangelische Pfarrerin und Projektleiterin für "Kirche auf der BUGA Heilbronn 2019", Esther Sauer.

"Capella" heißt das Auftragswerk von Daniel Bräg aus Holz und gefüllten Sandsäcken, das gleich rechts am BUGA-Eingang "Bildungscampus" zum Gang auf den Friedhof einlädt. Es ist ein idyllisches Fleckchen nahe dem Neckar, das sich die BUGA-Verantwortlichen für das Gräberfeld ausgedacht haben.  

Großes Thema Grabpflege

Zwischen hohen alten Bäumen wurden 67 Ausstellungsgräber angelegt. Steinmetze und Friedhofsgärtner aus dem ganzen Bundesgebiet präsentieren hier ihr kreatives und handwerkliches Können. Abhängig von der Jahreszeit wechseln sie während der Schau drei Mal die Bepflanzung der Gräber und werden dafür von einer fachkundigen Jury bewertet und ausgezeichnet.

Die "Capella" ist das Auftragswerk von Daniel Bräg aus Holz und gefüllten Sandsäcken.

"Grabpflege ist ein Riesenthema", sagt Esther Sauer. Viele Menschen wollten aber nicht, dass ihre Kinder sie mal auf dem Friedhof "pflegen" müssen, sagt die Theologin. Aus Trauergesprächen weiß sie, dass die Hinterbliebenen oftmals gar nicht wüssten, was die Verstorbenen eigentlich nach dem Tod wollten. Manche wichen dann auf eine Friedwald- oder anonyme Bestattung aus. "Doch dann haben wir keinen Ort mehr zum Trauern", sagt die Theologin.

Deshalb beteiligen sich die Kirchen auch bei den Gräberführungen. Gräberfelder und dazugehörige Führungen durch das kunstvoll angelegte Gelände sind fast schon Tradition bei Bundesgartenschauen. "Wir waren 2013 in Hamburg und 2011 in Koblenz und haben uns dort informiert", erzählt Sauer. Auch damals kamen die Besucher bei den dortigen Bundesgartenschauen in Scharen auf den "lebendigen Friedhof".

Inmitten des Heilbronner Gräberfeldes steht derweil eine Gruppe von knapp 20 Besuchern, die sich an einer Gräberführung beteiligen. Jeden Mittwoch um 15 Uhr bieten evangelische und katholische Theologen sowie Pastoralreferenten eine solche Führung an. "Das Spannende für mich ist, dass ich mit den Leuten hier auf dem Weg bin", sagt die evangelische Theologin Bärbel Herrmann-Kazmaier, die eine solche Führung leitet.

Die Menschen, die das Gräberfeld besuchten, hätten Freude an der hochkarätigen Kunst und dem gelungenen Zusammenspiel von Steinmetz- und Gärtnerarbeiten. "Wer über Friedhöfe geht, ist auf der Suche nach Hinweisen darauf, worin der Sinn unseres Lebens besteht, worauf es ankommt, und sucht nach Sinnsprüchen oder Symbolen, die den Hinterbliebenen Zuversicht vermitteln", sagt Herrmann-Kazmaier.

Bildergalerie

Der Denkmal-Retter

Dieter Georg kratzt mit einer Wurzelbürste groben Dreck vom Grabmal-Relief..

Foto: Sandra Schildwächter

Dieter Georg kratzt mit einer Wurzelbürste groben Dreck vom Grabmal-Relief..

Foto: Sandra Schildwächter

Unzählige Male musste Dieter Georg mit der Wurzelbürste schrubben, bis der Grabstein frei von Moosen, Pilzen und Vogelkot war. Jahrzehnte hatte sich niemand um das Grab des 1914 ledig verstorbenen Berthold Schuster gekümmert. Bis Georg den Verfall der denkmalgeschützten Grabstätte auf dem <a href="https://friedhof-frankfurt.de/grabstaetten/grabpatenschaften/">Frankfurter Hauptfriedhof</a> nicht mehr hinnehmen wollte: 2002 schloss der damals 62-Jährige die Patenschaft für das Grab des Bankiers ab. Georg reinigte und sanierte es auf eigene Kosten - in dem Wissen, dass er und seine Ehefrau dort selbst einmal ihre Ruhestätte finden werden. Denn wer Grabpate wird, übernimmt nicht nur die Pflege, sondern erhält auch das Recht, die Ruhestätte nach dem Tod kostenlos zu nutzen. Mit dem vorhandenen Grabstein und dessen Inschrift muss sich der Pate allerdings arrangieren: Der bleibt. An den verstorbenen Grabpaten erinnert in der Regel eine auf dem Beet liegende Namenstafel.

Auf dem Familiengrab der Bankiersfamilie Kessler erinnern drei Kreuze und ein großes Marmorgrabmal an die Verstorbenen. Unter dem schwarzen Kreuz liegt Otto Busch begraben, Hauslehrer der Familie und Bruder des Karrikaturisten Wilhelm Busch.

Foto: Sandra Schildwächter

<p>Inzwischen hat der 78-Jährige die Patenschaft für zwölf Gräber übernommen. "Ich habe mich auf Marmorgrabmale spezialisiert", erklärt er. Neben der Grabpflege ist es für ihn aber genauso wichtig, zu wissen, wer die Person ist, die in dem Grab beerdigt wurde. Die Patenschaft für die Grabstätte der Frankfurter Bankiersfamilie Kessler hat der Rentner übernommen, weil er Fan von dem "Max und Moritz"-Erfinder Wilhelm Busch ist.</p>
Dem Karikaturisten und Dichter wurde zu Lebzeiten eine Romanze mit der Ehefrau von Herrn Kessler nachgesagt. "Platonische Liebe", meint Georg. Busch und Frau Kessler hatten sich ihm zufolge über den Bruder von Wilhelm, Otto Busch, kennengelernt. Dieser war bei der wohlhabenden Familie als Hauslehrer beschäftigt. Otto Busch wurde nach seinem Tod mit auf dem Grab der Kesslers bestattet - das schwarze Kreuz erinnert an ihn.

Dieter Georg zeigt auf das große Marmorgrabmal auf der Familiengrabstätte der Kesslers. Zwei Engel recken sich zum Relief des früh verstorbenen Sohn der Kesslers empor.

Foto: Sandra Schildwächter

Auf dem Kessler-Grab ist es der Grabstein des erstgeborenen Sohnes, der aus Marmor gefertigt ist. "Wenn man sich das Grab anschaut, sieht man, wie sehr die Familie getrauert haben muss", ist Georg überzeugt. Der Familienerbe Hugo Kessler starb 1905 im Alter von 20 Jahren. Warum, wusste Georg lange Zeit nicht. Die Antwort fand er bei Recherchen im Archiv der damaligen "Frankfurter Zeitung". In einer etwa hundert Jahre alten Ausgabe las Georg, dass Hugo Kessler im Main ertrunken war, nachdem sein Boot kenterte.

Mit seinem gelben Fahrrad fährt Georg um eine Kurve auf dem Friedhof. Seine Tasche mit dem Buch über seine Patenschaftsgräber trägt er auf dem Rücken, den Haltegriff des Eimers mit der Wurzelbürste hat er um den Fahrradlenker gehängt.

Foto: Sandra Schildwächter

Dieter Georg kennt fast jeden Winkel auf dem 70 Hektar großen Hauptfriedhof. Wenn er von Patengrab zu Patengrab radelt, grüßen ihn die Friedhofsgärtner. Der 78-Jährige wohnt nur fünf Minuten zu Fuß vom Friedhof entfernt. Bei gutem Wetter verbringt er bis zu sechs Stunden pro Woche bei "seinen" Gräbern. Radfahren ist auf dem Friedhof in der Regel nicht gestattet. Georg hat von der Friedhofsverwaltung allerdings eine Sondergenehmigung erhalten. "Ich bin nicht mehr gut zu Fuß unterwegs", erklärt er.

Der 78-Jährige lächelt in die Kamera. Er hat eine Halbglatze, Fältchen um die Augen und trägt ein kariertes Hemd.

Foto: Sandra Schildwächter

Mit zwölf Patengräbern hat er die Wahl der Qual. Trotzdem habe er nie daran gezweifelt, dass sein erstes Patengrab seine letzte Ruhestätte wird, erzählt er. "Meine Frau hat es ausgewählt. Der Stil ist einfach wunderschön." Auch habe er in das Grab die meiste Arbeit investiert: an dessen Sanierung feilte Georg fast einen ganzen Sommer lang. Sich zu Lebzeiten schon um sein eigenes Grab zu kümmern, stört den Rentner nicht. "Es ist ein beruhigendes Gefühl, weil ich auch etwas dafür getan habe." Auf seinen eigenen Tod bereite er sich mit den Grabpatenschaften allerdings nicht vor, betont er. "Ich sehe das als reine Natur und Historie. Ich recherchiere."

Georg hat auf Fotos den Zustand seiner Patengräber dokumentiert. Auf dem Foto zeigt er ein Bild eines Marmorengels, der vor der Patenschaft mit Grünbelag übersät war. Nach seiner Reingung ist der Marmor fast ganz sauber.

Foto: Sandra Schildwächter

<p>Der Vor- und Nachher-Effekt der Patengräber ist enorm. Seit 1997 haben rund 300 von 1.100 künstlerisch und historisch wertvollen Grabmälern auf dem Hauptfriedhof einen Paten gefunden. Für diese Gräber bestand kein Nutzungsrecht mehr: Angehörige wollten sich nicht um die Gräber kümmern oder es gab keine Verwandten mehr. Die Gräber fallen dann in die Verantwortung der Stadt Frankfurt. Die verfügt nach eigenen Angaben pro Jahr über sieben Millionen Euro für Ausgaben im Bereich des "grünpolitischen Wertes". Das Budget ist allerdings für die denkmalgeschützten Grabmäler sowie die Pflege ausgewiesener Grünflächen und Kriegsgräber gedacht.</p>
Bei der Instandhaltung der potenziellen Patengräber könne es zunächst nur um die Sicherstellung der Verkehrssicherheit gehen, erklärt die Stadt. Weitere Maßnahmen würden lediglich vereinzelt vorgenommen. Einige Gräber auf dem Hauptfriedhof sind allerdings in einem so schlechten Zustand, dass Patenschaften ausgeschlossen sind. Aber Paten aufgepasst: Rund 500 Gräber suchen noch jemanden, der sie pflegt - welche das sind, ist an einem blauen Schild auf den Gräbern zu erkennen. Paten brauchen Zeit, rät Georg. "Jeder entscheidet aber selbst, wie viel Mühe er investiert."

Der Marmorengel thront auf einem Grabstein. Die weiße Figur geht leicht in die Hocke, hat den Kopf gebeugt und streckt die Hand aus.

Foto: Sandra Schildwächter

Eines seiner Patengräber hat Georg seinem Sohn geschenkt: über dessen Grabstein ragt ein hockender Marmorengel. Dieser wacht über den Kunstschreiner Peter Friedrich Ditmar, der unter anderem Möbel für die jüdische Familie Rothschild und das britische Königshaus fertigte. Mit der Wurzelbürste an den Engelsflügel schrubbt allerdings Georg senior: Der Sohn des gebürtigen Frankfurters wohnt bei Offenbach.

"Über den Sternen wohnt der Friede" steht auf der Rückseite des Grabsteins eingraviert. Es folgt ein Gedicht "Wer hier ruhet, fraget nicht. Dir ist's ein fremder Ton. Die mich lieben finden mich Auch ohne Namen schon."

Foto: Sandra Schildwächter

"Wer hier ruhet, fraget nicht. Dir ist's ein fremder Ton. Die mich lieben, finden mich auch ohne Namen schon", steht eingraviert in dem Grabstein. Dass hier die zwei Ehemänner von Auguste liegen, wissen allerdings nur Kenner. Die vollständigen Namen der Männer fehlen auf dem Grabstein. "Mit Absicht", erklärt Georg. "Das Grab ohne Namen zeugt von einer tiefen Liebe, die zu der Zeit aber nicht ganz toleriert wurde." Auguste verliebte sich - erst kurz nachdem ihr Mann verstorben war - erneut. Sie heiratete Jakob, einen Tuchhändler aus dem Hunsrück. Ihre beiden Männer ruhen gemeinsam in einem Grab.

Vor einer der alten Friedhofsmauern steht eine Jesus-Figur. Grüne Pflanzen verdecken fast die Inschrift des Grabsteins.

Foto: Sandra Schildwächter

Hoch ragt die Jesus-Figur über die Friedhofsmauern. Sie wacht über das Grab der Familie Meuser, einer Frankfurter Dynastie von Geschäftsleuten. "Die Meusers waren sehr katholisch. Die Frau hat den Jesus zum Tod ihres Mannes anfertigen lassen", weiß Georg. Ihn selbst stimme die imposante Figur andächtig. Allerdings ärgert er sich auch bei dem Anblick seines Patengrabs. Denn der etwa zwei Meter hohen Figur fehlen drei Finger an ihrer ausgestreckten Hand. Vandalen haben nachts auf dem Friedhof mehrere Gräber geschändet, sagt Georg. Der Jesus-Figur hätten sie die Finger abgeschlagen.

Dieter Georg umfasst das etwa zwei Meter hohe Kreuz auf dem Grab des Zappel-Philipp Urbilds von Fabricus. Auf dem Grab erinnern zwei weitere ähnliche Kreuze und ein kleineres an die Verstorbenen.

Foto: Sandra Schildwächter

<p>Wenn Dieter Georg über das Grab von Philipp Julius von Fabricius spricht, leuchten seine Augen. Auch wenn es nicht das Grab ist, wo er seine letzte Ruhe finden möchte, ist es gewiss sein liebstes. Der auf dem Grab bestattete Arzt von Fabricius ist das Urbild des "Zappel-Philipps" aus dem Bilderbuch-Klassiker "Der Struwwelpeter" von Heinrich Hoffmann. </p>Dass der 1911 verstorbene von Fabricius das Urbild ist, entdeckte Georg nahezu zufällig: von Fabricius machte zu Lebzeiten nicht öffentlich, dass er das Urbild des Zappel-Philipps war. In einem Dokument verriet er allerdings sein Geheimnis. Das wichtige Detail blieb lange Zeit unentdeckt - bis Georg 2009 im <a href="https://www.struwwelpeter-museum.de/">"Struwwelpeter"-Museum</a> recherchierte: "Als ich die Verbindung herausgefunden hatte, war ich überwältigt."

Dieter Georg fährt auf seinem gelben Rad den Friedhofsweg entlang. Die Sonne scheint auf seinen Rücken.

Foto: Sandra Schildwächter

Zwanzig Minuten lief Georg als Jugendlicher vom Haus seiner Eltern zu dem seiner Freundin. Der kürzeste Gehweg führte direkt über den Hauptfriedhof. Heute ist Georg seit 58 Jahren mit seinem Mädchen verheiratet. Das Ziel seiner Radfahrten ist seit seinem Ruhestand meist der Friedhof. "Ich musste mir nie überlegen, was ich mit meiner Zeit anfange", sagt er lachend. "Wenn ich anfange über ein Grab zu forschen, ist es so, als würde ich in eine andere Welt eintauchen." Zu vielen Grabstätten hat Georg eine Geschichte, den Namen des Grabpaten oder historische Informationen parat. Ob er ein dreizehntes Patengrab sucht? Nein, sagt er bestimmt. Doch bei manchen Gräbern scheint es ihm allerdings in den Fingern zu jucken. Beim Spaziergang über den Friedhof kann er sich ein "ach, das hätte ich auch gerne" nicht immer verkneifen.

"Mein Ziel ist es, die Menschen auf das Existenzielle einzustellen", sagt Herrmann-Kazmaier. Sie will bei den Gästen deshalb "etwas anstoßen und hinterfragen, was wir hier sehen", sagt die Theologin. Und deutet erklärend auf das nächste Schaugrab: "Auf diesem Grab sehen Sie eine Mischung aus lila und hellblauen Blumen, eine Mischung aus Trauer und dem Leben zugewandt sein", sagt Herrmann-Kazmaier.  

Gut eine halbe Stunde dauert eine Führung durch den lebendigen Friedhof. Die Besucher sind längst miteinander im Gespräch, tauschen Erfahrungen und Erinnerungen aus oder geben sich einfach Tipps weiter. "Jedes Grab hier spricht für sich, jede Gestaltung gibt mir neue Ideen oder Impulse", resümiert am Ende eine Besucherin.

Einen geführten "Gräber-Spaziergang" mit Seelsorgern gibt es jeden Mittwoch von 15-15.30 Uhr im Bereich der Grabanlagen. Treffpunkt ist die Glas-Stele in der Mitte. Speziell auch für Kinder - gibt es diese Führung noch jeden letzten Sonntag im Montag um 15 Uhr ebenda.