EKD richtet zentrale Anlaufstelle für Missbrauchsopfer ein

Die evangelische Kirche richtet eine zentrale Anlaufstelle fuer Opfer sexualisierter Gewalt ein.

© epd-bild/Harald Koch

Ingo Schäfer von der Uniklinik Hamburg-Eppendorf, der bayerische Oberkirchenrat Nikolaus Blum, Kirsten Fehrs, Sprecherin des Beauftragtenrats und Kerstin Claus vom Betroffenenrat UBSKM (v. l. n. r.) bei der Vorstellung der Anlaufstelle für Opfer sexualisierter Gewalt in Hannover.

EKD richtet zentrale Anlaufstelle für Missbrauchsopfer ein
Die evangelische Kirche richtet eine zentrale Anlaufstelle für Opfer sexualisierter Gewalt ein.
11.06.2019
Franziska Hein
epd

Damit werde ein Anliegen umgesetzt, "dessen Dringlichkeit uns Betroffene immer wieder eindrücklich geschildert haben", sagte die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs am Dienstag in Hannover. Die EKD habe den unabhängig arbeitenden Verein "Pfiffigunde" aus Heilbronn damit beauftragt, fügte Fehrs hinzu. Die Anlaufstelle wird "Zentrale Anlaufstelle.help" heißen.

Der Verein solle erste Anlaufstelle für Betroffene sein und eine "Lotsenfunktion bei der Aufarbeitung" sexueller Gewalt in der evangelischen Kirche übernehmen, sagte Fehrs, die Sprecherin des kirchlichen "Beauftragtenrats zum Schutz vor sexualisierter Gewalt" ist. Ziel der Anlaufstelle sei es zudem, dass Betroffene sich melden.

Zahl der Missbrauchsfälle auf rund 600 gestiegen

Neben Fehrs gehören der badische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh, der braunschweigische Landesbischof Christoph Meyns, sowie die oldenburgische Oberkirchenrätin Susanne Teichmanis und der bayerische Oberkirchenrat Nikolaus Blum dem Beauftragtenrat an. Die Kosten werden den Angaben zufolge von der EKD übernommen. Das Angebot solle die bereits in den Landeskirchen bestehenden Ansprechstellen ergänzen.

Die Einrichtung einer zentralen Anlaufstelle gehört zu einem Elf-Punkte-Plan, den die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im vergangenen Herbst beschlossen hat. Damals waren 479 Fälle sexuellen Missbrauchs bekannt. Inzwischen ist die Zahl laut Fehrs auf rund 600 gestiegen, teilte die EKD mit. Für die Umsetzung des Handlungsplans soll 2019 rund eine Million Euro bereitgestellt werden.

Dunkelfeldstudie geplant

Über das ganze Ausmaß des Missbrauchs sollen Studien genauere Erkenntnisse bringen. So sollen regionale Untersuchungen in den Landeskirchen bundesweit zusammengeführt werden. Zudem plant die EKD eine Dunkelfeldstudie.

Um zu repräsentativen Ergebnissen zu kommen, müsste eine sehr große Stichprobe von Menschen befragt werden - etwa im sechsstelligen Bereich, sagte Fehrs. Es werde daher überlegt, für die Dunkelfeldstudie mit dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) zusammenzuarbeiten. Darüber habe man bei einem Treffen im März mit dem Beauftragten Johannes-Wilhelm Rörig gesprochen. Ein Entscheidung gebe es aber noch nicht, teilte Fehrs mit.

Betroffenennetzwerk und Betroffenenrat im Gespräch

Kerstin Claus, Mitglied im UBSKM-Betroffenenrat, betonte die Bedeutung einer Dunkelfeldstudie. Die Aufarbeitung des Missbrauchs betreffe nicht nur die Kirchen, sondern sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sagte Claus, die selbst Opfer sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche geworden ist. Sie befürworte daher eine "großangelegte Dunkelfeldstudie". Claus: "Die EKD und die Landeskirchen stehen noch ganz in den Anfängen der Aufarbeitung. Hier wurde zwischen 2010 und 2018 einiges verschlafen."

Wie Betroffene stärker an der Aufarbeitung innerhalb der evangelischen Kirchen beteiligt werden können, werde derzeit diskutiert, sagte Bischöfin Fehrs. Ein Betroffenennetzwerk und ein Betroffenenrat als ein Gegenüber zum Beauftragtenrat seien im Gespräch.

Derzeit arbeitet der kirchliche Beauftragtenrat zum Schutz vor sexualisierter Gewalt zusammen mit Wissenschaftlern an einer Ausschreibung und grundsätzlichen Kriterien für das Design der Studien in Landeskirchen und EKD. Koordiniert werden die Studien vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf unter der Leitung des Mediziners Ingo Schäfer. Derzeit wird eine öffentliche Ausschreibung vorbereitet.

Erste Ergebnisse regionaler Studien könnten bereits Ende 2021 vorliegen, sagte Fehrs. Wissenschaftler sollen für die Aufarbeitung Zugang zu den kirchlichen Akten und Archiven erhalten. Fragen des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte würden derzeit geklärt, hieß es.

EKD: Kernpunkte für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat im Herbst 2018 einen Elf-Punkte-Plan zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche beschlossen. Derzeit sind rund 600 Fälle von sexuellem Missbrauch bekannt. 1,3 Millionen Euro sind im Haushalt 2019 für die Aufarbeitung vorgesehen. Investiert wird das Geld etwa in die neu geschaffenen "Zentrale Anlaufstelle.help", wie die EKD am Dienstag in Hannover bekanntgab. Neben der Anlaufstelle sollen in diesem Jahr weitere Vorhaben aus dem Plan auf den Weg gebracht werden:

- Beauftragtenrat: Bereits seit dem vergangenen Jahr arbeitet der fünfköpfige "Beauftragtenrat zum Schutz vor sexualisierter Gewalt" in der EKD. Seine Sprecherin ist die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs. Neben ihr gehören auch der badische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh, der braunschweigische Landesbischof Christoph Meyns, die oldenburgische Oberkirchenrätin Susanne Teichmanis und der bayerische Oberkirchenrat Nikolaus Blum dem Rat an. 

- Beteiligung der Betroffenen: Der Elf-Punkte-Plan sieht vor, Betroffene sexualisierter Gewalt in die Aufarbeitung miteinzubeziehen. Derzeit werden in einer Arbeitsgruppe Vorschläge beraten, wie das passieren kann, sagte Bischöfin Fehrs am Dienstag. Dem Beauftragtenrat könnte demnach ein Gremium aus Betroffenen gegenüberstehen. Außerdem steht die Idee eines EKD-weiten Betroffenen-Netzwerkes im Raum. Einen Beschluss gibt es dazu noch nicht. 

- Unabhängige zentrale Anlaufstelle: Mit dem Verein "Pfiffigunde" in Heilbronn hat die EKD einen Vertrag geschlossen. Der Verein wird die "Zentrale Anlaufstelle.help" betreuen, an die sich Betroffene aus allen Teilen Deutschlands wenden können, unabhängig davon, welcher Landeskirche sie angehören. Die EKD bezahlt die Kosten, der Verein arbeitet ansonsten jedoch strukturell unabhängig. 

- Studien: Auf mehreren Ebenen soll es Studien zur Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt in der EKD und in den einzelnen Landeskirchen geben. Zunächst soll es regionale Erhebungen geben, die die Fälle in den einzelnen Landeskirchen untersuchen. Wie viele dieser regionalen Studien es geben wird, ist derzeit noch unklar. In einem nächsten Schritt sollen diese Studien auf EKD-Ebene zu einer Meta-Studie zusammengeführt werden unter der Leitfrage, welche speziellen Risikofaktoren für sexualisierte Gewalt innerhalb der evangelischen Kirche bestehen. Bei einem Fachtag mit Wissenschaftlern am Dienstag in Hannover wurde über einheitliche Kriterien für diese Studien gesprochen. Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wird unter der Projektleitung von Ingo Schäfer die öffentliche Ausschreibung für die Studien vorbereiten und diese im Folgenden koordinieren, teilte Fehrs mit.

- Dunkelfeldstudie: Zusätzlich möchte die EKD eine Dunkelfeldstudie in Auftrag geben, um sich einen Eindruck darüber zu verschaffen, wie hoch die Dunkelziffer von Betroffenen und Tätern sein könnte. Die EKD stehe jedoch vor dem "enormen Problem", eine sechsstellige Personenzahl befragen lassen zu müssen, um zu repräsentativen Ergebnissen zu kommen. Daher berät der Beauftragtenrat mit dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, darüber, ob die EKD für die Dunkelfeldstudie mit dem Unabhängigen Beauftragten oder anderen Institutionen zusammenarbeiten kann, sagte Fehrs. Auch dazu gibt es bislang keine Entscheidung. 

- Zusammenarbeit mit dem Unabhängigen Beauftragten: Bei einem Treffen zwischen dem Beauftragtenrat und dem Unabhängigen Missbrauchs-Beauftragten Johannes-Wilhelm Rörig im März wurde verabredet, dass bis Herbst dieses Jahres Eckpunkte einer Vereinbarung über die Zusammenarbeit stehen sollen. Diese betrifft etwa grundsätzliche Standards für den Prozess der Aufarbeitung - unter anderem über die Frage, wie mit Betroffenen umgegangen wird und wie sie besser beteiligt werden können. Auch die katholische Kirche hatte in den vergangenen Monaten mit der umfassenden Aufarbeitung des Missbrauchs durch Priester und Ordensleute an Minderjährigen begonnen.

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