TV-Tipp: "Spuren des Bösen: Begierde" (3sat)

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TV-Tipp: "Spuren des Bösen: Begierde" (3sat)
21.5., 3sat, 20.15 Uhr: "Spuren des Bösen: Begierde"
Dieser Film wird all jene Zuschauer enttäuschen, die sich von "Spuren des Bösen" einen packenden Krimi erhoffen: weil die Geschichte diese Erwartung erst zum Schluss erfüllt.

Bis dahin erzählen Martin Ambrosch (Buch) und Andreas Prochaska (Regie) im sechsten Beitrag zu ihrer gemeinsamen Reihe vom bedauernswerten Schicksal eines Unternehmers, der den Wiener Psychiater Richard Brock (Heino Ferch) mit sich in den Abgrund reißt: Johannes Rink (Benjamin Sadler) ist psychisch schwer erkrankt. Offenbar hat ihn eine Form der erblichen Schizophrenie ereilt, unter der auch schon sein Vater gelitten hat. Brock hatte den Vater damals behandelt und dabei auch den Sohn schätzen gelernt; das ist der einzige Grund, warum sich der seit dem Tod seiner Frau nicht mehr praktizierende Psychiater auf den Fall einlässt, als Rinks Gattin (Julia Koschitz) ihn um Hilfe bittet. Ein Besuch bei dem Mann führt allerdings zu nicht allzu viel, er ist bereits umnachtet. Einziger konkreter Anhaltspunkt ist eine Ziffernfolge, die er Brock auf die Handfläche schreibt. Sie entpuppt sich als die Telefonnummer der Prostituierten Eva (Mavie Hörbiger); Rink hatte zuvor versucht, diese Frau zu töten. Brock trifft sich mit Eva, doch sie lässt ihn abblitzen. Später bittet auch sie den Psychiater um Beistand, als Rink mit einem Messer in der Hand bei ihr daheim auftaucht. Es kommt zu einem Handgemenge zwischen den beiden Männern; am Ende steckt das Messer in Rinks Brust, und Brock kommt in Untersuchungshaft. Er nutzt die Zeit, um den Fall in Ruhe durchzugehen, und schließlich wird ihm klar, dass sein Patient in dieser Geschichte trotz des Mordversuchs nicht Täter, sondern Opfer war.

"Spuren des Bösen", eine Koproduktion von ZDF und ORF, gehört zu den besten Krimireihen im deutschen Fernsehen, hat allerdings mit "Neben der Spur" (mit Ulrich Noethen) im eigenen Sender große Konkurrenz bekommen. Die Parallelen beschränken sich nicht allein auf die Hauptfiguren, beides Psychiater, die zur Lösung von Kriminalfällen beitragen. Die jüngsten Episoden haben sogar den gleichen Einstieg und beginnen jeweils mit Vorlesungen, in denen die Ärzte als Dozenten ins Thema einführen. Eine weitere Übereinstimmung ist der formidable Juergen Maurer, der in "Spuren des Bösen" einen Polizisten spielt, mit dem Brock immer wieder aneinander gerät. Der Österreicher wirkt, ebenfalls als Ermittler, auch in "Neben der Spur" mit, hat dort jedoch als zweite Hauptfigur eine ungleich größere Bedeutung. Bei "Begierde" (eine Wiederholung aus dem Jahr 2017) hat er allerdings pausiert, und das ist ausgesprochen schade, weil er Heino Ferch bislang auf Augenhöhe begegnet ist. Seinen Part (wenn auch in anderer Rolle) hat nun Matthias Hack übernommen: Kommissar Stadler findet den in seinen Augen arroganten Psychiater auf Anhieb unsympathisch, weshalb es ihm eine keineswegs nur klammheimliche Freude bereitet, als Brock in den Knast muss.

Dass "Begierde" trotz der vermeintlich enttäuschten Erwartungen an die Krimiebene ein faszinierender Film ist, liegt neben Ferch sowie der Neugier darauf, was die Angelegenheit zum Verbrechen macht und was es mit dem Titel auf sich hat, vor allem an der ruhigen Inszenierung, die ohne jede Effekthascherei auskommt und dennoch fesselt. Ambrosch verlässt sich ganz auf die Aura seiner Darsteller, zumal viele Szenen gerade dank der Bildgestaltung eine große Intensität entwickeln. Der Regisseur hat bislang alle Filme der Reihe gemeinsam mit dem Kameramann David Slama gedreht, dessen Arbeit sich diesmal nicht zuletzt durch ein kunstvolles Licht auszeichnet. Große Teile des Films spielen im Halbdunkel, viele Einstellungen sind ähnlich konzipiert und komponiert wie klassische Gemälde. Ein Stadtpanorama zeigt Wien in fahlen Farben, wie sie sonst gern in Endzeitfilmen verwendet werden, und das Gefängnis wirkt wie der tristeste Ort auf Erden. In ästhetischer Hinsicht ist der Film ein Ereignis, aber auch die personellen Konstellationen sind sehr reizvoll. Für die Handlung nicht wichtig, für die Komplexität der Hauptfigur aber sehr wohl sind beispielsweise die zum Teil skurrilen Gespräche, die der scheinbar in sich verkapselte Brock mit dem Wirt seines Stammlokals und seiner Putzfrau führt. Das melancholische Ende passt perfekt zur Stimmung dieses in jeder Hinsicht sehenswerten Films.

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