TV-Tipp: "Grenzland" (ZDF)

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TV-Tipp: "Grenzland" (ZDF)
20.5., ZDF, 20.15 Uhr: "Grenzland"
Eigentlich seltsam, dass das ZDF den Reihentitel des ORF nicht stärker in den Vordergrund stellt. In Österreich ist  "Landkrimi" seit fünf Jahren eine Marke, mit der die Zuschauer bestimmte Erwartungen verbinden. Zum Muster der Geschichten gehört neben dem Schauplatz in der Provinz auch die Ankunft regelmäßig wechselnder Ermittler von außerhalb, die die Umstände eines Mordes erforschen sollen.
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In "Grenzland", der zwölften Episode, soll eine Chefinspektorin kurz vor der Pensionierung irgendwo im Burgenland den Mörder einer jungen Frau suchen. Gespielt wird die Polizistin von Brigitte Kren, hierzulande vor allem als eine der Titelheldinnen der österreichischen Serie "Vier Frauen und ein Todesfall" bekannt. Regie führte ihr Sohn Marvin, der nicht nur wegen der Serie "4 Blocks" (Grimme-Preis, Deutscher Fernsehpreis) ein sehr interessanter Regisseur ist; für den NDR hat er zuletzt einen sehenswerten "Tatort" gedreht ("Böser Boden", 2017), für Sat.1 den imposanten historischen Krimi "Mordkommission Berlin 1" (2015).

Die Handlung scheint überschaubar: Nach dem Fund der Leiche führt die Spur umgehend in ein zum Flüchtlingsheim umfunktioniertes Hotel. Das Opfer hat dort ehrenamtlich geholfen und offenbar ein Verhältnis mit einem Syrer begonnen. Dieser Achmet (Hassan Akkouch) ist für seine jähzornige Eifersucht bekannt und spurlos verschwunden. Für die Einheimischen ist der Fall klar, und sollte Chefinspektorin Jandrasits von der Bundeskriminalpolizei Zweifel an Achmets Schuld haben, so verfliegen sie im Nu, als sie den Syrer mit Unterstützung des örtlichen Revierinspektors Boandl (Christoph Krutzler) in seinem Versteck aufstöbert und dabei niedergeschlagen wird. Der Syrer wird kommt in die Arrestzelle, der Fall scheint gelöst; zu diesem Zeitpunkt ist allerdings erst Halbzeit. In der zweiten Hälfte entwickelt die Geschichte (Buch: Konstanze Breitebner) nicht zuletzt dank zunehmend packenden Musik (Stefan Will, Marco Dreckkötter) eine unerwartete Dramatik. Auch das Vorzeichen wechselt: Der beschauliche Provinzkrimi wandelt sich zum Thriller, als Achmet nach einem Molotow-Anschlag auf das Polizeirevier fliehen kann und eine selbsternannte Bürgerwehr eine Hetzjagd veranstaltet.

"Grenzland" ist aber auch schon vorher sehenswert, selbst wenn Jandrasits eine etwas gewöhnungsbedürftige Heldin ist. Der Film versucht gar nicht erst, seine Hauptfigur sympathisch zu gestalten. Als die Chefinspektorin die Todesnachricht überbringt und Renates Vater (Andreas Kiendl) nicht in der Lage ist, ihre Fragen zu beantworten, bietet Krens Mimik eine interessante Mischung aus Mitgefühl und Ungeduld. Dabei ist die Einführung der Ermittlerin aller Ehren wert: Im Prolog legt sie sich mit keinem geringeren als ihrem obersten Dienstherrn an, weil der Minister offenbar regelmäßig seine Frau schlägt. Im Dorf zeigt sie sich dagegen von einer anderen Seite. Die Vorbehalte der Menschen scheint sie durchaus zu teilen. Der Film spielt im südlichen Burgenland an der Grenze zu Ungarn; hier kamen 2015 Tausende von Flüchtlingen nach Österreich. Die knorrigen Einheimischen machen keinen Hehl aus ihren Ressentiments, und die Chefinspektorin widerspricht ihnen nicht, im Gegenteil. Die einzige Unterkunft im Ort ist das frühere Hotel. Die Einladung des Besitzers zum gemeinsamen Abendessen – Couscous mit Backhendl – lehnt sie dankend ab, sie hat's "nicht so mit der Multikultiküche."

Umso wichtiger sind die Szenen, die das Ehepaar Jandrasits beim ausgesprochen liebevollen Umgang miteinander zeigen. Hier gewinnt die Ermittlerin jene Sympathien, die Voraussetzung dafür sind, ihr durch den Film zu folgen, schließlich wird die Geschichte über weite Strecken aus ihrer Perspektive erzählt. Weil auch das Tempo anfangs eher überschaubar ist, lebt der Krimi zunächst von den stimmungsvollen Aufnahmen der Landschaft, die Kameramann Georg Geutebrück gern bei Sonnenauf- oder -untergang und noch öfter im Nebel zeigt. Trotzdem erreicht auch die erste Hälfte eine hohe Intensität, weil die Kamera in vielen Szenen eng bei der Hauptfigur bleibt. Auch die zwielichtigen, leicht verschleierten Innenaufnahmen passen gut zur düsteren Geschichte. Auf gewisse Weise amüsant ist dagegen das Zusammenspiel zwischen der Ermittlerin und dem Dorfpolizisten, weil sie den allzu redseligen Boandl regelmäßig schulmeistert. Dass der Kollege die Leiche – "kühl lagern!" – im örtlichen Schlachthof untergebracht hat, findet die Chefinspektorin auch etwas degoutant. Die Dialoge sind stark vom Dialekt geprägt  und trotz leichter Synchronisation oft nur schwer zu verstehen. In der zweiten Hälfte weicht die subtile heitere Note einer bedrohlichen Stimmung, als Renates Onkel (Martin Zauner) mehrere Männer zur Hetzjagd aufstachelt. Dies ist der Auftakt eines makabren Wettlaufs zwischen der Polizei, die Verstärkung durchs Militär bekommt, und den nunmehr mordlüsternen Einheimischen. Das Blatt wendet sich, als es Achmet gelingt, sich zu bewaffnen: Der Syrer hat mittlerweile rausgefunden, dass er Opfer eines finsteren Komplotts ist, und will Rache.

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