Auf See für mehr Menschlichkeit

Marburger Ärztin Ruby Hartbrich

© epd-bild/Lukas Weinspach/Sea-Watch e.V.

Die Marburger Ärztin Ruby Hartbrich behandelt an Bord der "Sea-Watch" ein Flüchtling, den das Rettungsschiff aufgenommen hat. Acht Mal half die Marburger Ärztin auf Rettungsschiffen der Organisation "Sea-Watch" im Mittelmeer.

Auf See für mehr Menschlichkeit
Acht Mal half die Marburger Ärztin Ruby Hartbrich auf Rettungsschiffen der Organisation "Sea-Watch" im Mittelmeer. Doch Europa sperrt sich gegen die Seenotrettung: Bei Hartbrichs letztem Einsatz im April durfte das Schiff den Hafen nicht verlassen.

Im April wollte Ruby Hartbrich wieder auf der "Sea-Watch 3" im Mittelmeer helfen. Doch das Seenotrettungsschiff durfte nicht auslaufen. Erst nach einer Gerichtsentscheidung vergangenen Samstag stach das Schiff erneut in See - da war die Ärztin längst wieder in Marburg.

Am Mittwoch rettete die Sea-Watch-Crew 65 Flüchtlinge aus Seenot vor der libyschen Küste, darunter zwei Babys und 13 weitere Minderjährige. Wie viele private Rettungsschiffe in den vergangenen Monaten erhält auch die "Sea-Watch 3" keine Erlaubnis, um die Geretteten zu einem Hafen zu bringen. Crew und Flüchtlinge harren derzeit im Mittelmeer aus und hoffen auf eine Lösung.

Keine leichte Mission

Die Bedingungen für die privaten Seenotretter haben sich in der vergangenen Zeit sehr verschlechtert. Es ist keine leichte Mission. "Wir müssen für Menschlichkeit kämpfen und dafür auf die Straße gehen", fordert Hartbrich auf einer Veranstaltung in Marburg ihre Zuhörer auf.

Die 29-Jährige hat dem Publikum einen Film über die Arbeit von "Sea-Watch" mitgebracht, einem Berliner Verein, der Rettungsaktionen im Mittelmeer organisiert. Zu sehen sind dramatische Szenen: Helfer ziehen Migranten an Bord der "Sea-Watch". Dort liegen sie dicht gedrängt, einige weinen, zittern, eingehüllt in die glitzernden, bronzefarbenen Rettungsdecken. Ein Helfer hält ein Kind im Arm, um das Handgelenk des Kleinen klebt ein Zettel mit Zahlen: Telefonnummern von Verwandten, vermutet der Retter.

Acht Mal half Ruby Hartbrich bereits auf den Rettungsschiffen von "Sea-Watch". 2015, damals noch Studentin, sah sie Bilder des Unglücks vor Lampedusa, wo vermutlich Hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer ertranken. Sie bewarb sich bei dem Verein. Wenig später startete ihr erster Einsatz.

Bildergalerie

Sea-Watch - Hoffnung auf dem Mittelmeer

Flüchtlinge, die auf einem Gummiboot im Meer treiben

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Flüchtlinge, die auf einem Gummiboot im Meer treiben

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Der freie Fotojournalist Chris Grodotzki fährt mit dem ersten Rettungsboot zu den Flüchtlingen, die, wie in diesem Fall auf einem "Centifloat", einem schwimmenden Rettungsfloß der Sea-Watch, im Meer treiben. Bei der Rettungsaktion ist in der Ferne auch ein Boot der libyschen Küstenwache zu sehen. In Panik sprangen die Menschen vom Boot. Fünf seien bis heute verschwunden.

Erstkontakt

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Mediatoren sind diejenigen, denen die Flüchtlinge zuerst begegnen. Sie geben die Rettungwesten aus und erklären das weitere Vorgehen. In diesem Fall sind es 157 Gerettete mit der Hoffnung auf eine Zukunft.

Migration ist menschlich

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Grodotzki empfindet die aktuelle Berichterstattung zum Thema sehr einseitig. Im öffentlichen Diskurs werde Migration lediglich als Problem wahrgenommen, dabei sei sie so alt wie die Menschheit: "Das Problem ist, dass Europa Grenzen schließt und dadurch Menschen ertrinken."

Gefährliche Reise

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Es gibt nie nur einen einzigen Grund, warum Menschen aus ihrer Heimat fliehen. Derzeit sind es viele aus dem Sudan. Wer sich auf so eine gefährliche Reise begibt, hat meist mehrere Gründe das zu tun: Bürgerkrieg, Diktatoren, Angst vor Folter und Massakern und wirtschaftliche Not.

Zwischen den Booten

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Sobald Flüchtlinge an Bord eines Rettungsschiffes sind, dürfe die libysche Küstenwache (hinten links im Bild) die Flüchtlinge nicht mehr zurückzuholen. Und doch soll es immer wieder zu Zwischenfällen unter Androhung von Waffengewalt gekommen sein.

Der Mensch als Ware

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Die "Sea-Watch 3" fährt unter niederländischer Flagge. Übergriffe der Libyer auf internationalem Gewässern sind als Piraterie anzusehen. Die libysche Küstenwache ist für Grodotzki ein Euphemismus. Er spricht lieber von Milizen. Er erzählt von Flüchtlingen, die in libyschen Internierungslagern waren und von Sklavenmärkten, auf denen Subsahara-Flüchtlinge als billige Arbeitskräfte verkauft würden. Eine verheerende Menschenrechtslage.

Sea Watch 3

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

"Ich glaube daran, dass wir ein offenes Europa der Menschen haben können und ich glaube, dass mehr Menschen sich ein ein solches Europa wünschen, als eines der Seehofers, Orbans oder Kurzes," sagt Grodotzki.

An Bord, in Sicherheit

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Im Normalfall befinden sich 22 Crewmitglieder auf der Sea-Watch 3. Eine Crew auf der Sea-Watch besteht aus Aktivisten aus ganz Europa.

Moonbird

Foto: Chris Grodotzki / jib collective for Sea-Watch/flickr

Der politische Wind wird rauher: Nachdem bereits mehrere Schiffe festgehalten würden, dürfe nun auch das von der EKD unterstützte Rettungsflugzeug "Moonbird" nicht mehr starten. Das Flugzeug war 2017 an der Rettung von 20.000 Menschen beteiligt. Grodotzi flog selbst auch zwei Tage mit: "Wir haben viele Boote gesehen, aber jedesmal auch die libysche Küstenwache, die die Menschen zurückführen will."

Gerettete in Rettungsdecken

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Für den Fotojournalisten ist der Fotoapparat kein Medium, um Distanz zu seinem Sujet zu halten. Als Aktivist ist es ihm ein persönliches Anliegen etwas zu verändern. Mit seinen Fotos hofft er auf den Diskurs einwirken zu können. Das Wissen darum, Leben zu retten, hilft gegen die Hilflosigkeit, die man bisweilen als Retter verspürt.

Hoffnung oder Angst?

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Sobald sie an Bord kommen, überwiegt die Hoffnung. Nicht selten kommt es spontanen Gefühlsausbrüchen. Tränen, Tanz und Saltos auf Deck, christliche und muslimische Gottesdienste – all das hat der Fotojournalist schon erlebt.

Machtgefälle auf See

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Wenn Grodotzki fotografiert, dann tut er das immer mit dem Einverständnis der Menschen. "Manchmal ist es nur ein Kopfnicken. Sie wissen wenig bis nichts darüber, wie über sie in europäischen Medien berichtet wird."

Ziel erreicht?

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Sind die NGOs mitverantwortlich für das Sterben auf See? "Es gab kein Schlepperbusiness, bis Europa in den 70er Jahren keine Arbeitsvisa mehr erteilt hat und somit Menschen die Möglichkeit genommen wurde, legal ein- und auszureisen. Verbote schaffen Mafiastrukturen und eine Nachfrage erzeugt ein Angebot. Wenn die Fluggesellschaften nicht ihren Job machen dürfen, dann erledigen das die Schlepper," sagt Grodotziki.

Nur fast auf festem Boden

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Die Flüchtenden kennen den Diskurs, der in Europa über sie geführt wird, nicht. Meistens wissen sie auch nichts über die langwierigen Asylverfahren, die in Europa auf sie warten.

Drei Wochen am Stück seien die Ehrenamtlichen an Bord, berichtet Hartbrich. Die Crew besteht aus Medizinern, Mechanikern, Matrosen, Schnellbootfahrern und einem Koch. Hat das Boot Flüchtlinge gerettet, versucht es, sie an Land zu bringen. Doch immer mehr Länder weigern sich, die Menschen aufzunehmen. Sie seien zuletzt bis nach Spanien gefahren, berichtet die Ärztin. Eine lange Reise, während der die "Sea-Watch" nicht vor der libyschen Küste war und niemanden retten konnte.

Ganz unterschiedliche Menschen versuchen übers Mittelmeer nach Europa zu kommen. Mal zeigt der Film ein Boot mit Männern aus Afrika südlich der Sahara, mal Frauen mit Kindern, mal Menschen aus Bangladesch. Auch die Ausstattung der Boote variiere; einige hätten Trinkwasser dabei, sagt Hartbrich.

Migranten nach Europa zu bringen, ist ein gutes Geschäft für Schlepperbanden. Es existiere ein Markt, erklärt die Ärztin. "Sea-Watch" wird manchmal vorgeworfen, Teil dieses Marktes zu sein: Weil Flüchtlinge gerettet werden, versuchten noch mehr Schlepper, noch mehr Menschen über das Mittelmeer zu schleusen. Hartbrich entgegnet: Migranten, die sie retten, sagten, dass sie lieber ertrinken würden. Aber niemals gingen sie zurück nach Libyen oder in ihre Heimat. Wer so denkt, fliehe sowieso, argumentiert sie.

Vor Libyen spiele sich derzeit das hauptsächliche Flüchtlingsgeschehen ab. Es sei sehr leicht, in das kriegszerrüttete Land zu kommen. In Libyen herrschten dann allerdings furchtbare Zustände: Die Flüchtlinge lebten zu Tausenden in Lagern. Sie berichteten von Gewalt, Folter und Sklaverei.   

Die Erkrankungen der Flüchtlinge, die Hartbrich behandeln muss, reichen von Verbrennungen bis zu Infektionskrankheiten. Alle seien seekrank, viele dehydriert, einige hätten Schusswunden oder schlecht verheilte Brüche, die sie sich auf der Flucht zuzogen. Manchmal sieht die Ärztin auch Leichen. Aber meistens würden die Toten bereits vorher über Bord geworfen.

Manche Situationen erlebt sie als traumatisierend. Etwa, wenn Boote untergegangen sind. Immer weniger Rettungsschiffe seien im Mittelmeer im Einsatz, weil die EU sich gegen die Seenotrettung formiert habe. Hartbrich fordert: "Europa muss eine staatliche Seenotrettung organisieren." Es brauche legale Fluchtwege nach Europa, damit die Menschen nicht den tödlichen Weg übers Meer wählen müssen.

Im August steht ihr nächster Einsatz auf der "Sea-Watch 3" an. Hartbrich, die in Marburg als Ärztin in der Tropenmedizin arbeitet, hofft nur, dass das Boot dann nicht wieder im Hafen festgesetzt wird.