Im Spannungsfeld von Fakt und Fiktion

 „Verschwörungstheorien – früher und heute“

© LWL/Ansgar Hoffmann/www.hoffmannfoto.de

Die "Protokolle der Weisen von Zion" sind ein Kerndokument moderner antisemitischer Verschwörungstheorien. 1903 erstmals gedruckt, skizziert der fiktive Text einen jüdischen Weltherrschaftsplan. Die Diskussion über die Echtheit des Dokuments hält bis heute an.

Im Spannungsfeld von Fakt und Fiktion
Kloster Dalheim beleuchtet Verschwörungstheorien seit dem Mittelalter
Wie entstehen Verschwörungstheorien, wie funktionieren sie und wie können sie entlarvt werden? Das Klostermuseum Dalheim beschäftigt sich in seiner neuesten Ausstellung eingehend mit dem Phänomen und will einen Beitrag zur Aufklärung leisten.

Ob Gift aus der Impfstoff-Spritze, die Lüge des Klimawandels oder die satirische Bielefeld-Verschwörung: Der Glaube an konspirative Theorien ist so populär wie nie. Und auch "Fake News" haben in Zeiten von Social Media Hochkonjunktur. Das LWL-Landesmuseum für Klosterkultur Dalheim bei Paderborn taucht in seiner neuesten Ausstellung ein in die Geschichte der Verschwörungstheorien der vergangenen neun Jahrhunderte und zeigt deren Wirkung auf. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird als Schirmherr am Freitag die Sonderschau "Verschwörungstheorien - früher und heute" eröffnen.  

In einer geheimnisvoll blau-violett gestalteten Ausstellungsarchitektur wandelt der Besucher durch lange Gänge des ehemaligen Chorherren-Stiftes. Eingerahmt von fließender, bedruckter Gaze werden rund 250 Exponate von internationalen Leihgebern mit gedämpftem Licht in Szene gesetzt. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart zeigt sich im Spannungsfeld von Fakt und Fiktion ganz deutlich: "Verschwörungstheorien sind ein immer wiederkehrendes Phänomen", sagt Museumsdirektor Ingo Grabowsky. Ziel der Ausstellung sei es, für das Thema zu sensibilisieren und zu zeigen, wie Verschwörungstheorien entstehen, funktionieren und wie man sie entlarven könne.

So ein emotionales Thema bietet Zündstoff: Bereits im Vorfeld der Sonderschau, die mit einer Million Euro zu Buche schlägt, hatte es einige kritische E-Mails und auch Unmut in Social-Media-Beiträgen gegeben. Das Museumsteam habe daraufhin ein Krisenszenario entwickelt, erzählt Grabowsky. "Wir haben die Ausstellung und ihre Fakten unzählige Male von Experten prüfen lassen", betont der Direktor und Geschäftsführer der Stiftung Kloster Dalheim. So erwartet die Besucher - Grabowsky rechnet mit 70.000 - eine sehr sorgfältig recherchierte Schau. Die Auswahl der Ausstellungsstücke reicht von alten Handschriften, Orden, Gemälden und Karikaturen bis hin zu Filmen.

Die Ausstellung zeigt, dass unsichere Zeiten die Popularität von Verschwörungstheorien begünstigen. Über die Jahrhunderte suchten die Menschen nach Schuldigen für Krisen, Kriege und Katastrophen: Im Mittelalter galten Hexen und Juden als religiöse Minderheit als "Agenten des Teufels", die angeblich christliche Kinder ermordeten, Hostien schändeten und Brunnen vergifteten.

Die Französische Revolution 1789 führte zu politischen und sozialen Umwälzungen. Auf der Suche nach Erklärungen für den Umsturz gerieten geheime Gesellschaften wie die Freimaurer oder der Illuminatenorden ins Visier der Verschwörungstheoretiker. Eigene Rituale, Symbole und exklusives Wissen lassen die Gesellschaften für Außenstehende bis heute verdächtig erscheinen.

Ordensgemeinschaften wie den Templern und später den Jesuiten ging es nicht besser - sie wurden der Ketzerei, Sodomie, Brandstiftung und Planung von Königsmorden verdächtigt und verfolgt. In der Ausstellung gibt eine Regelschrift der Tempelritter aus dem 12. Jahrhundert Einblick in den geistlichen Ritterorden, der von 1118 bis 1312 bestand. Das Dokument, das mit zu den ältesten Exponaten der Schau gehört, stammt aus Brügge.

Die Freimauer und Illuminaten dienten ebenso wie die Templer als Fläche für Projektionen. Ihnen wurde im 18. Jahrhundert nachgesagt, mit einer "Weltverschwörung" die Französische Revolution herbeigeführt zu haben. Als eine der wirkungsvollsten und nachhaltigsten konspirativen Theorien gelten die Protokolle der Weisen von Zion, die Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitet wurden. 1903 erstmals gedruckt, skizziert der fiktive Text einen "jüdischen Weltherrschaftsplan". In der Ausstellung im Klostermuseum Dalheim ist er nun zum ersten Mal in einem deutschen Museum ausgestellt.

Zeugnis des Schreckens: Um die Anschläge vom 11. September 2001 ranken sich einige der populärsten Verschwörungstheorien der heutigen Zeit. Ein zerstörter Aufzugsmotor aus einem Turm des World Trade Centers erinnert an das wohl bislang einschneidendste Ereignis des 21. Jahrhunderts.

Dass Verschwörungstheorien besonders in totalitären Systemen wie im Nationalsozialismus und in der ehemaligen Sowjetunion unter dem Diktator Josef Stalin aufblühten, überrascht nicht. Aber auch in demokratischen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts haben sie nichts von ihrer Faszination verloren. So existieren nach wie vor Theorien, dass die Mondlandung der US-Amerikaner im Jahr 1969 lediglich im Studio gefilmt wurde oder dass die Anschläge auf das World Trade Center von der US-Regierung und deren Auslandsgeheimdienst CIA inszeniert wurden. Als Zeugnis des Schreckens vom 11. September 2001 ist in Dalheim ein zerstörter Aufzugsmotor aus einem der eingestürzten Türme zu sehen.

Der Barcode-Verschwörung zufolge geben Scancodes auf Produkten negative Energien ab, mit deren Hilfe eine "geheime Regierung" sukzessive die Weltbevölkerung reduzieren will. Hilfsmittel wie dieser Entstör-Stift sollen die gekauften Produkte neutralisieren und den Code unschädlich machen.

Die Schau schlägt die Brücke zum Heute, indem sie auf die Chemtrail-Bewegung aufmerksam macht, die in den Kondensstreifen am Himmel Vergiftungen der Bevölkerung vermutet. Die Anhänger der Barcode-Verschwörung warnen dagegen davor, dass in den Scancodes auf Produkten negative Energien freigesetzt werden.

Filmbeiträge und Bücher beschäftigen sich in der Ausstellung außerdem mit den sogenannten Reichsbürgern, die die Bundesrepublik Deutschland als Staat und deren Grundgesetz nicht anerkennen. Museumsdirektor Grabowsky warnt davor, die krude Thesen von rechtsextremen Bewegungen wie dieser als absurd und lächerlich abzutun: "Wir halten sie im Gegenteil für brandgefährlich, zeigt es doch, wie das Vertrauen der Bevölkerung in ihre Eliten verloren gegangen ist."    

Die Eröffnung der Ausstellung ist am Freitag, 17. Mai, um 17 Uhr. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird eine Rede halten.

Öffnungszeiten des Museums: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr.