Wie tief verstrickt die Verantwortlichen wirklich waren

Patienten der Pflegeanstalt Bruckberg werden 1941 zur Heil- und Pflegeanstalt Ansbach transportiert.

© epd-bild / Zentralarchiv Diakonie Neuendettelsau

Patienten der Pflegeanstalt Bruckberg werden 1941 mit Omnibussen zur Heil- und Pflegeanstalt Ansbach transportiert. Die meisten Personen werden später von dort deportiert und in der Tötungsmaschinerie der nationalsozialistischen Euthanasie-Programme umgebracht. Das Foto machte wahrscheinlich der Pfarrer und Leiter der Bruckberger Anstalt, Hilmar Ratz.

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Wie tief verstrickt die Verantwortlichen wirklich waren
NS-"Euthanasie" bei der Diakonie Neuendettelsau: Laut Forschern sind viele Fragen bei der Aufarbeitung noch offen
Die Diakonie Neuendettelsau hat 1991 mit dem Buch "Warum sie sterben mussten" ihre Verstrickung in die "Euthanasie"-Verbrechen der Nazis aufgearbeitet. Später hat sie die Zeit bis 1955 in einem zweiten Buch beleuchtet. Doch es gibt immer noch Fragen.

Es war ein Erdbeben, das die Diakonie Neuendettelsau Anfang der 1990er Jahre auslöste. Als erste diakonische Anstalt in Bayern hatte das Sozialwerk seine Verstrickung in die "Euthanasie"-Morde der Nazis von zwei unabhängigen Wissenschaftlern untersuchen lassen. Bundesweit interessierten sich Medien dafür. "Das war für die Öffentlichkeit sehr erschütternd: Es kann doch nicht sein, dass eine kirchliche Einrichtung keinen Deut besser war als eine staatliche", erinnert sich Hans-Ludwig Siemen, einer der Autoren. In mehreren Deportationen waren 1940/41 mehr als 1.200 Bewohner der Diakonissenanstalt in staatliche Heil- und Pflegeanstalten verlegt worden, mindestens zwei Drittel starben.

"Euthanasie", der "schöne Tod", diesen Begriff prägten einst die Griechen für ein leichtes Sterben. Die Nationalsozialisten verschleierten damit die Tötung von Menschen mit geistigen und seelischen Gebrechen, die nicht in ihre Wahnvorstellungen von der "reinen Rasse" und dem "gesunden Volkskörper" passten.

Wandel der Deutung

Die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Diakonie ist für den Wissenschaftler und Psychoanalytiker Siemen bis heute nicht abgeschlossen: "Die Menschen wurden von der damaligen Leitung sehr bereitwillig ausgeliefert, weil man den Fortbestand der Einrichtung sichern und die Gebäude retten wollte." Das damalige Direktorium reagierte dabei nicht nur auf Anordnung, sondern erbat auch selbst die Aufnahme vieler "Pfleglinge" in staatliche Anstalten, in dem Wissen, dass diese Verlegung für sie den Tod bedeuten würde. Seit diesem Buchprojekt in den 1990er Jahren hat sich die Diakonie für ein würdiges Gedenken an die "Euthanasie"-Opfer eingesetzt. Ihre Namen findet man heute sorgfältig aufgelistet in den Gedenkbüchern, die in den Kirchen der Diakonie Neuendettelsau ausliegen.

Es gab Gedenkgottesdienste, Gedenksteine und Ausstellungen. Doch gleichzeitig hat sich die Deutung der Geschehnisse von einst unbemerkt gewandelt. Auf der Internetseite der Diakonie etwa wird der Eindruck erweckt, die damalige Leitung habe allein auf Anordnung des NS-Staats ihre "Pfleglinge" hergegeben. Von "massiven Eingriffen von außen in die Arbeit der Diakonissenanstalt" ist dort die Rede. In einem neueren Buch über die damaligen Ereignisse kommt Autor Hans-Walter Schmuhl gar zu dem Schluss, die Diakonissenanstalt könne für sich in Anspruch nehmen, ein "Raum der Resistenz" gewesen zu sein. Ausführlich werden Rettungsmaßnahmen einzelner Diakonissen geschildert.

Das Schicksal der kleinen Luise

Keine Erwähnung hingegen finden die vielen Einzelverlegungen meist schwieriger Heimbewohner, die es bei der "dezentralen Euthanasie" ab Mitte 1941 gab. Ein Blick in die Patientenakten im Zentralarchiv der Diakonie wirft die Frage auf, ob das Direktorium das "Euthanasie"-Programm nicht sogar befürwortete.  Da ist zum Beispiel die dreijährige Luise Geißbauer, die im Sommer 1943 von ihrer Mutter gebracht wird. Nur während der Sommermonate will sie Luise in Neuendettelsau unterbringen, auf eigene Kosten - um den NS-Staat erst gar nicht auf ihre behinderte Tochter aufmerksam zu machen. Spätestens nach der Erntezeit sollte Luise wieder nach Hause dürfen.

Doch dazu sollte es nicht kommen; das Mädchen stört. Pfarrer Hilmar Ratz, Direktor der Behindertenhilfe, schreibt der Mutter Ende August, dass eine Verlegung nach Ansbach unumgänglich sei. Die Mutter ist unsicher, will ihr Kind nicht "für dauernd" nach Ansbach geben. Doch der Pfarrer antwortet, sie könne Luise "sicher jederzeit wieder herausnehmen". Vom Pfarrer beruhigt, stimmt die Mutter der Verlegung zu. Daraufhin wird Luise nach Ansbach in die Kinderfachabteilung verlegt: "Da das Kind dauernd unruhig ist und seine Umgebung durch Schreien stört, ist seine Verlegung dringend geboten." Keine drei Wochen später stirbt das Kind in Ansbach - angeblich an Lungenentzündung.

Die Kinderfachabteilung in Ansbach gab es vermutlich seit 1942. Insgesamt wurden etwa 30 Kinderfachabteilungen im Reichsgebiet eingerichtet, um gezielt Kinder mit Beeinträchtigung im Rahmen der sogenannten Kinder-Euthanasie zu beseitigen. Leiterin in Ansbach ist die Oberärztin Irene Asam-Bruckmüller. In den 1960er Jahren wird sie wegen Beihilfe zum Mord in 50 Fällen angeklagt, doch dank attestierter Prozessunfähigkeit durch befreundete Ärzte wird das Verfahren gegen die Frührentnerin eingestellt. Heute zweifelt niemand mehr daran, dass sie für den Tod von mindestens 156 Kindern in Ansbach verantwortlich war und übereifrig mit dem Reichsinnenministerium kooperierte.

Historiker Mark Deavin untersucht seit zwei Jahren die Patientenakten aller Ansbacher "Euthanasie"-Opfer und ist sich sicher: "Hunderte von ihnen, auch Erwachsene, wurden von Asam-Bruckmüller ermordet. Sie ist in mindestens 85 Prozent der Todesfälle in Ansbach involviert. Sie ist eine Massenmörderin." Die meisten wurden mit dem Beruhigungsmittel Luminal vergiftet - ein qualvoller Tod: die Opfer entwickelten langsam Atemlähmung. Mark Deavin sieht Asam-Bruckmüller dabei keineswegs als überzeugte Nationalsozialistin. "Menschen mit Beeinträchtigung hielt sie aber für lebensunwert." Sie sah es als ihre Pflicht an, sie zu töten, sagt Deavin, der in Leeds und London Geschichte und Jura studiert hat.

Oberärztin Asam-Bruckmüller ist nicht nur in Ansbach beschäftigt, sie betreut ab 1941 regelmäßig auch in Neuendettelsau die verbliebenen etwa 250 Psychiatriepatienten. Die ihr anvertrauten Menschen nennt sie laut Akten "wertlos", "völlig stumpf" oder "klebrig". Dass sie auch für deren Erfassung in Berlin verantwortlich ist, zeigt ein internes Schreiben der Diakonie, eine "Handreichung". Darin heißt es, man soll dem in Neuendettelsau fest angestellten Arzt Wilhelm Graef mit einer externen Ärztekommission drohen. Graef scheint Skrupel gehabt zu haben, die ihm anvertrauten "Pfleglinge" zu melden. Mit dem Vorgehen nötige man ihn, seine Unterschrift unter die Meldebögen zu setzen.

Hans-Ludwig Siemen hält es für ausgeschlossen, dass die damalige Leitung nichts von Asam-Bruckmüllers Haltung wusste. Er verweist auf ein Schreiben von 1945, das Hilmar Ratz an seinen Pfarrer-Kollegen Bernhard Harleß, ebenfalls Pfarrer in Neuendettelsau, richtete: "Wie ich neulich von Frau Dr. Asam-Bruckmüller hörte, interessieren sich die Amerikaner sehr für die Sache. Da ist es natürlich nötig, dass unsere Angaben über das, was wir taten, übereinstimmen." 32 Erwachsene und 16 Kinder wurden einzeln nach Ansbach verlegt, 20 von ihnen starben, fünf Fälle sind ungeklärt. Alle Akten zeigen, dass neben Ratz oder Harleß auch Asam-Bruckmüller in die Verlegungen involviert war.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Asam-Bruckmüller in beratender Tätigkeit in Neuendettelsau tätig: Bis zum Jahr 1957 war sie betreuende Ärztin dort - als die Kinderfachabteilung längst geschlossen und sie von den Amerikanern ihres Amtes in der Heil- und Pflegeanstalt in Ansbach enthoben worden war. Trotzdem gibt es im Zentralarchiv der Diakonie Neuendettelsau keine Personalakte oder auch nur ein Foto von ihr. Dass sie in Neuendettelsau sogar geschätzt wurde, zeigen die Prozessakten des Verfahrens in den 1960er Jahren: Der Direktor der Behindertenhilfe, Pfarrer Ratz, bescheinigte ihr, sie habe sorgfältig gearbeitet und sich stets "vor unsere Patienten gestellt".

Die kleine Luise Geißbauer hätte verschont werden können, ihre Mutter wollte sie wieder holen. Ratz ließ sie dennoch verlegen. Nach ihrem Tod im September 1943 gibt sich der Pfarrer in einem Brief an die Mutter überrascht: "Wer hätte gedacht, dass das kräftige Kind so schnell dahin gerafft wird?" Zu diesem Zeitpunkt hat er schon Todesmeldungen von Kindern aus Ansbach erhalten, die hohe Sterblichkeit ist ihm bekannt. Weitere Akten zeugen davon, dass man über die Vorgänge in Ansbach Bescheid weiß. Für ein beliebtes Mädchen, das nicht in Neuendettelsau bleiben kann, bemüht sich Ratz um einen Platz in der Inneren Mission und rät den Eltern von der Unterbringung in staatlichen Anstalten ab.

Diese Einzelverlegungen sind der Diakonie seit den 1990er Jahren bekannt, wurden aber nie öffentlich gemacht. Ein Diakonie-Sprecher sagte, die Diakonie öffne ihre Archive für jeden: "Vorgaben zu machen, ist nicht unsere Strategie." So hatte Historiker Hans-Walter Schmuhl keine Kenntnis von den Einzelverlegungen, als er 2014 sein Buch "Im Zeitalter der Weltkriege" veröffentlichte. Für weitere Forschungen sei die Diakonie offen, wolle sie aber nicht beauftragen, so der Sprecher: "Das wäre nicht glaubwürdig. Lücken in der Forschung wird es immer geben." Es sei immer klar gewesen, "dass damals Verantwortliche tief verstrickt in die 'Euthanasiehandlungen' waren".